Mittwoch, 27. Oktober 2021

Kapitel 168 - Vom Abschiedsschmerz

Jetzt hat es mich also auch erwischt. Irgendwie habe ich's ja geahnt, aber lange nicht wahrhaben wollen:


Mein LYS - mein lokaler, naher, schöner Wolleladen - hat leider schließen müssen. Ich wusste natürlich, dass die Besitzerin nicht mehr die Jüngste war. Dabei war sie es gewesen, die heldenhaft vor einigen Jahren, als sich schon einmal ein Ende des Ladens als Gespenst am Horizont abzeichnete, mutig einsprang und kurzerhand den Laden selbst übernahm, damit er eben nicht schließen musste. Auch wenn die Inhaberfirma unseren Ort verlassen wollte.


Das hat uns noch ein paar schöne Jahre beschert - Garn und Nadeln immer parat, wenn sie plötzlich mitten im Projekt ausgehen wollten.


Natürlich war es kein moderner, stylischer Wolldealer, der mit allem möglichen Schnickschnack herhalten konnte, sondern ein eingesessener Krimskrams-Laden, der eben auch den Reißverschluss und das Nähgarn für die Strickjacke in der richtigen Länge und in der richtigen Farbe sofort und ohne Umstände hervorzaubern konnte.


Das war es auch, was besonders geschätzt worden ist und was - interessanterweise - auch den stetigen Umsatz beschert hat, von dem die Inhaberin und ihre Mitarbeiterinnen letztlich lebten. Vom Kleinkram, den Knöpfen, der Nähseide, dem Flies, der Stopfwolle, die so gerne ausgehen und wegen derer man aber ungern die komplette Liefer- und Verschickindustrie beauftragen will.


Was für ein Luxus, wenn solch ein Laden nur ein paar Radlminuten entfernt ist. Und was für eine Riesenlücke, wenn solch ein Laden plötzlich schließt.


Dabei geht es natürlich um den ganz normalen Prozess des Sich-in-den-Ruhestand-Verabschiedens. Auch eine langjährige Ladeninhaberin darf halt irgendwann aufhören und sich zur Abwechslung mal erholen.

Es ist aber dennoch traurig, wenn man hört, dass sie schon länger als ein Jahr nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin gesucht hat, die sich aber einfach nicht finden ließen. Auch der am Schluss verzweifelt beauftragte Großhändler konnte nicht mehr weiterhelfen. Schade, schade.


Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Ich weiß es nicht.


Zu den besonders guten Zeiten hatten wir zwei Wollläden in unserer Schlafstadt vor den Toren einer süddeutschen Großstadt, jetzt bleibt leider gar keiner mehr übrig.


Vor allem passen diese schlechten Nachrichten gar nicht so gut zur blühenden Strickwelt im Virtuellen.


Da kann gar nicht genug Wolle geshoppt werden, kommt es mir vor.


Da werden Kurse angeboten und gebucht.

Da wird teure und teuerste Wolle problemlos verkauft.

Da gibt es Strickabende und Knitalongs und alles mögliche andere, für das die begeisterte Kundschaft gerne bereit ist zu bezahlen. All das für den Spaß an der Freud, aber auch deshalb, damit so ein Laden überleben kann.


Woran kann es also hier liegen?


Das letzte einschneidende Erlebnis war die Schließung des örtlichen Bastelladens. Auch dort konnte niemand gefunden werden, der den Laden übernimmt. Als ich nachgefragt habe, wurde mir erzählt, dass die Banken einfach nicht bereit seien, für Bastelbedarf Kredite zu vergeben. Ladensterben hin oder her.


Kann das der Grund sein? Kein Verständnis für kreative Notwendigkeiten in der Kreditabteilung eines lokalen Geldinstituts?


Diese Erklärung wäre dann aber zumindest wenigstens einigermaßen amüsant.


Vor allem, wenn man weiß, dass erst vor zwei Wochen das dritte Tattoo-Studio hier im Ort neu eröffnet hat. Alle drei höchstens fünf Minuten voneinander entfernt.


Vielleicht ist das ein Wink des Schicksals?


Na dann: ich habe verstanden. Offensichtlich brauche ich ganz dringend ein schickes Wolltattoo!

Montag, 27. September 2021

Kapitel 167 - weg mit dem Mythos!

Seit langem hat sich in der Strickwelt eine Sache als absolute und vor allem hartnäckige Wahrheit etabliert. Sogar ganze Designerriegen widmen sich nur diesem Thema:

>>Die rechte Masche ist die einzig wahre Masche!<<

Offensichtlich ist alles andere, was man stricken könnte, nicht der Rede wert, zu kompliziert, nicht entspannend genug.


Nein, es gilt nur: möglichst viele, möglichst alle Maschen eines Strickstücks müssen rechts sein.


Der Bösewicht in dieser Geschichte ist natürlich auch schnell ausgemacht: die perfide linke Masche, die niemand mag, die niemand stricken will, die überhaupt augenblicklich einen Stress sondersgleichen in den Fingern und in den Anleitungen auslöst.


"Hilfe, linke Maschen", hört man allenthalben, oder "Hurra, keine linken Maschen."


(ein bisschen, und das sei nur am Rande bemerkt, erinnern mich diese Rufe an das Geschrei um die zu vernähenden Enden. Aber hierzu habe ich mich ja schon diverse Male meinen kleinen Senf beigetragen ;-)


Das ist natürlich interessant, denke ich mir. Stricken ist eine so komplexe Angelegenheit und hat so viele interessante Techniken über die Jahrhunderte und den gesamten Globus hervorgebracht, dass es doch wirklich schade erscheint, diese nicht auch zu verwenden.


Dabei ist mir natürlich vollkommen klar, dass sehr viele Menschen das Stricken für andere Zwecke verwenden und auch dafür brauchen. Man therapiert sich, man meditiert oder man schaltet die Welt um sich herum einfach für eine Weile völlig aus. Hat alles seine Berechtigung.


Aber ich habe jetzt Wochen um Wochen mit der rechten Masche in diversen Projekten verbracht, und ich sage: Schluss damit!


Ich kann nicht mehr! Mein Widerwillen, einen zweiten Ärmel zu stricken (und manchmal auch einen ersten), der ja - mal ehrlich - nichts anderes ist als ein überdimensionierter Sockenschlauch, ist kaum zu überwinden.


Das ist sooo langweilig. Und man kommt überhaupt nicht voran!

Kein Wunder, dass alle so begeistert von Streifenwolle sind. Da ist der progress keeper, der auch Glückshängerchen heißen könnte, quasi schon ins Projekt eingebaut.


Ich sage: weg mit dem Mythos! Die rechte Masche ist auf Dauer einfach nervtötend! Jaja, es geht schnell, aber es geht eben auch schnell auf den Senkel!


Eins ist klar: mein nächstes Projekt wird ein völlig überladener Zopfmusterpulli. Aber sowas von.

Montag, 20. September 2021

Kapitel 166 - Von der Evolution

Einer der schönsten Nebeneffekte unseres kreativen Hobbys ist die Beobachtung der eigenen Veränderung.

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ich mich lange in der Sockenecke getummelt habe und von dort aus nur wenige zaghafte Ausflüge zu Mützen, Schals und Handschuhen unternommen habe. Und "lange" bedeutet wirklich lange. Wir sprechen hier von Jahren, aber eben auch von Socken in allen möglichen Formen und Farben: toe-up, top-down, Jacquard, Ajour, Zopfmuster, etc., etc.


Es hat also ganze Weile gedauert, bis ich mich an Pullis herangetraut habe. Da hat es - leider - auch nichts geholfen, dass genügend Unterstützung da gewesen wäre. Wenn man sich irgendwie nicht traut, dann klappt's eben nicht.


Die Gründe waren aber natürlich auch nicht von der Hand zu weisen:

Was ist, wenn's nicht passt?

Was ist, wenn ich es anders will?

Was ist, wenn das Garn sich nicht mehr auftrennen lässt?


Wenn man weniger Zuversicht und eben auch weniger Wissen hat, dann scheut man die Ausgaben für eine Pullovermenge durchaus. Bei einem Paar Socken, das nix wird, hat man nur ca. €10,- in den Sand gesetzt. Und nicht womöglich das Zehnfache.


Mittlerweile ist der Schritt zur Oberbekleidung bekanntermaßen vollzogen und während ich einen Pulli stricke, habe ich im Kopf schon den nächsten angeschlagen.


Soweit, so gut also. 


Natürlich ist es aber immer noch so, dass auch Pullover manchmal nichts werden. Entweder, man hat die Anleitung nicht ganz kapiert, oder die Anleitung passt nicht zur eigenen Art des Strickens oder die Anleitung und die Wolle gehen nicht zusammen.


Ein paar Änderungen traue ich mir mittlerweile selbst vorzunehmen, andere lasse ich dann eben sein. Und wie bereits schon mehrfach erwähnt: diejenigen Ungenauigkeiten, die man vom galoppierenden Pferd aus nicht sieht? Die stören mich nicht.


Und genau diese Auffassung betrifft die neue Veränderung. Es gibt offensichtlich Dinge, die doch stören. Und wie!


Gehen wir ein paar Jahre zurück, zum Hype um das Soldotna Crop. Hat jeder gestrickt, völlig klar, und damit auch ich.


Das erste Problem, die Länge, war leicht zu regeln. So viel Erfahrung war schon vorhanden, dass ich gemerkt habe, die super-cropped Länge ist nix für mich und meine Figur, da geht noch was.


Das zweite Problem, das sehr bald nach Erscheinen der Anleitung in der Strickwelt kursierte - der enge Halsausschnitt - war weniger leicht zu kurieren.


Aber man hat ja nicht umsonst verschiedene Bewältigungsstrategien zur Hand:

  1. das galoppierende Pferd (s.o.)
  2. die Verdrängung
  3. die Gewöhnung


Und genau an dieser Stelle folgt der evolutionäre Schritt, den ich zu meiner eigenen Begeisterung vollzogen zu haben scheine. Der Halsausschnitt nervt mich. Er nervt total! Also: weg damit!


Obwohl das bei einem top-down Pulli natürlich ein bisschen umständlich ist, geht es eben doch. Auftrennen, Maschen aufnehmen und mit einer höheren Maschenzahl wieder abketten. Passt.



Zurück zum ersten Problem. Auch die von mir bereits angefügten Zentimeter sind noch nicht genug, der Pulli einfach nicht lang genug. Also neu ausgemessen, Bündchen aufgemacht und Maschen wieder aufgenommen. Ich stricke jetzt bis zum Hüftknochen, basta.



Was für ein evolutionärer Schritt und vor allem: was für eine innerliche Befreiung!!! Eine Anleitung, auch die einer namhaften Designerin, ist nur ein Vorschlag. "Ich bin der Boss meines eigenen Projekts", wie Elizabeth Zimmermann ja schon immer wusste!


Mit diesem neu gewonnenen Selbstbewusstsein werde ich mich jetzt gleich an mein ältestes Nerv-Stück wagen, eine Jacke aus einem Volkshochschulkurs zum Thema 'Kleidungsstücke top-down gestrickt'.



Coole Sache, zum ersten Mal von oben im Stück gestrickt. Aber: die mit verkürzten Reihen von oben eingestrickte Armkugel war nie so, wie ich es mir gewünscht hätte. Art der Jacke, Muster, alles zu verbessern. Außerdem und extra nervig - die rechte Seite sieht anders aus als die linke. Bäh!




Nicht mehr mit mir!


Jetzt geht es mit mir und dem evolutionierten Ich direkt zurück zu den Knäueln. Und mit denen stricke ich dann die Jacke meiner Träume.


Völlig klar!


Sonntag, 5. September 2021

Kapitel 165 - Analog versus digital

Morgen? Morgen bin ich dran? Habe ich wirklich 'morgen' gesagt in meinem letzten Beitrag? Ich denke schon.

Aber wie meine Schwiegermutter schon immer sagte - und auch ich hier schon mehr als einmal geschrieben habe - "plane nicht im Vorhinaus - es wird nichts draus."


Was ist also passiert?

Eigentlich ganz einfach. Eines Abends spät hat mir ein Blick auf den Internet-Router kein einziges Blinklichtlein angezeigt. Das Umstecken auf eine andere Stromquelle brachte nichts - der Router war komplett hinüber.


Und damit das Internet weg.


Vom Kundendienst der Telekom will ich hier gar nicht reden, jeder kann sich vorstellen, wie es ist, wenn man 15 Leuten quer durch Deutschland nachtelefoniert und kein einziger weiß, was der andere schon veranlasst hat. Allein meine im System gespeicherte Handynummer ist über 20 Jahre alt und wurde schon von mehr als fünf Mitarbeitern geändert, inklusive dem Mann im Telekomshop. Alles umsonst. Wie ein Phoenix aus der Asche taucht immer wieder die alte Nummer auf, auf der mich natürlich niemand erreichen kann.


Aber genug davon. Die Prognose war: Kabel im Boden kaputt (Blitzschlag), der Bautrupp muss kommen und alles reparieren. Geschätzte Dauer der Aktion: 14 Tage.


Kleine Fußnote dazwischen: der schnell verschickte so genannte Funkwürfel, der für Internetzugang in der Zwischenzeit sorgen sollte, hat natürlich nicht funktioniert. Siehe Kundenberater oben.


Nach dem ersten Schock hat man sich also notdürftig damit abfinden müssen. Das ist jetzt 'die' Gelegenheit für das Aufräumen des Kellers, und schließlich - man hat ja noch sein Strickzeug.


Damit werden doch die einsamen Abende zu füllen sein.


Aber, und das war die große Überraschung für mich, das ist gar nicht so einfach.


Wenn man sich freiwillig in eine digitale Pause begibt, so habe ich gemerkt, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn man sozusagen vom System gezwungen wird.


Mir war auch gar nicht bewusst zuvor, wie sehr ich von der Inspiration im Internet abhängig bin. Wie mich alle Blogs und Podcasts, die ich verfolge, beeinflussen und sei es nur als Fenster in die große Welt des Strickens.


Denn natürlich ist mir klar, dass Stricken am Ende ein einsames Hobby ist und schon viele Jahrhunderte lang von Menschen alleine zu Hause gepflegt worden ist. Jeder einzelne Maschenstich muss alleine ausgeführt werden.


Aber genau das ist es eben, warum das Internet so besonders gut zu unserem Hobby passt. Dadurch können wir sehen und erleben, dass wir nicht alleine sind.


Wir sehen andere Leute, wir sehen andere Garne, wir sehen Anleitungen, die wir selbst gar nicht gefunden oder gestrickt hätten, weil wir so eingefahren in unseren Mustern und Projekten sind.


Im Ergebnis habe ich in den gut 15 Tagen bis der Bautrupp kam, fast überhaupt nichts gestrickt. Mein Mojo war weg.


Sogar Filme ohne Strickzeug in der Hand kamen vor, normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Ich konnte mich gar nicht aufraffen zu stricken.


(Naja, vielleicht hat mich das viele Räumen im Keller auch besonders müde gemacht.)


Aber wie dem auch sei, kaum waren die Helden mit Schaufeln und Messgerät da gewesen, ging es wieder aufwärts.


Sogar das Sockengarn wurde wieder durchgesehen, ob nicht doch wieder ein Film- und Fernsehprojekt locken könnte.


Natürlich hat am Ende ein Blick auf meine Podcast-Liste gezeigt, dass ich gar nicht so viel verpasst habe, wie ich dachte, aber du meine Güte - bin ich froh, dass ich mir alles wieder selbst einteilen kann.


Und einen Pulli habe ich auch neu angeschlagen:


Ein RVO aus Resten in der GumGum-Socken-Methode.


Es geht wieder aufwärts und der Strickherbst kann kommen!

Samstag, 14. August 2021

Kapitel 164 - Sommerzeit ist Strickzeit?

Haaaach, wie hat man sich all die Monate - die dunklen und die hellen - auf den Sommer gefreut. Endlich Strickzeit, endlich Anschlageritis. Im Geiste hat man sich schon herumstolzieren sehen in all den Herrlichkeiten, die dann ohne den Stress des Alltags entstehen würden. Eins nach dem anderen.

Das einzige, winzige Hindernis waren die paar WIPs, die man noch schnell beenden wollte, damit es endlich losgehen kann.


Aber wie meine werte Schwiegermutter schon immer so treffend formuliert hat: 'Plane nicht im Vorhinaus - es wird nichts draus.'


Dabei hat alles zunächst noch ganz gut ausgesehen. Mein Reste-Streifen-Raglan war eigentlich fertig. Haupt- und Nebenfarbe für die Streifen war geklärt, Ärmel waren schon abgetrennt und eine Farbe, von der nur sehr wenig übrig war, wurde noch in einen vollständigen Streifen gepackt.


Nix wie ran also an die Projekttasche und das Körperteil beendet. OK, der letzte Streifen hat seine 12 Runden nicht mehr geschafft, aber geschenkt, es folgt das Bündchen und schließlich bin ich ja vehementer Verfechter des englischen Galoppmantras, was strickige Ungenauigkeiten betrifft: "Wenn man es von einem galoppierenden Pferd aus nicht sehen kann, dann…".


Ab zu den Ärmeln und jetzt ging es leider Schlag auf Schlag. Erstens: bei genauerer Überprüfung der übrigen Knäuel stellt sich heraus, dass die Hauptfarbe für die Ärmel nicht reichen wird. OK, dann eben Garn geteilt und blockmäßig so weit gestrickt, wie's halt geht.


Ärmel daraufhin 'etwas' knapp bemessen, Bündchen sowieso mit einer Streifenfarbe, damit noch Hauptgarn gespart wird. Damit werden die Ärmel nach zwei breiten Farbblöcken plötzlich dreifarbig, das war nicht der Plan, aber gut, es ist ein Resteprojekt, also OK.


Kaum ist ein Ärmel fertig, taucht doch noch ein Miniknäuel in der Ärmelfarbe auf. Im Ernst jetzt?


Sofort klappt natürlich der übliche Fragenkatalog in meinem Kopf auf:

Was jetzt?

Trenne ich den Ärmel wieder auf und verlängere ihn?

Lohnt sich das?


OK, nochmal rational nachgedacht. Die Ärmel sind eh knapp bemessen gewesen, alle Hoffnung wurde auf das Spannen gelegt, da würden ein paar Zentimeter mehr ganz gut tun.


Also alles wieder auf Anfang, Bündchen aufgetrennt, Maschen aufgenommen, die brav abgeteilte Restwolle drangestrickt und schließlich nochmal das Bündchen gestrickt.

Nochmal vernähen und dasselbe natürlich auf der anderen Seite.

Endlich fertig! Und damit ran an das nächste WIP.


Restepulli nach Thorsten Duits genialer RVO-Anleitung (Youtube und Ravelry)

Hier schien die Sache einfacher. Der Pulli besteht aus zwei gigantischen Teilen - Vorderteil und Ärmel in einem - und ein Teil war schon fertig.


Passt doch, dachte das kleine naive Urlaubs-Ich. Wenn ich dranbleibe, dann geht doch auch das zweite Teil recht flott von der Nadel.

So war es dann auch zum Glück und schwupp-di-wupp war ich fertig. Jetzt aber: wie verbinde ich das Ganze?


Die Anleitung schlägt vor, Maschen abzuketten und dann die Teile zusammenzunähen. Ach neeee, denke ich, das muss doch anders gehen.


In weiser Voraussicht hatte ich die Maschen des Rückteils schon auf eine lange Nadel gezogen, möglichst natürlich für einen 3-needle-bind-off.

Also: mein (Großes Ravensburger) Strickbuch konsultiert und darin steht ganz eindeutig: bei Lochmustern ist es sinnvoll, zuerst abzuketten und die Teile dann in einer Art Maschenstich zusammenzunähen.

Ich probier's.


Es sieht ganz OK aus, aber du meine Güte - die Naht wird ja fürchterlich dick. Das ist bei einem sowieso schon dicken Garn ehrlich kein Spaß auf der Schulter.

Glücklicherweise fällt mir ein, dass der 3-needle-bind-off auch so einen kleinen Wulst produziert, den niemand haben will, und dass die Vorderseite damit auch nicht so ganz flach liegt - und ehrlicherweise nicht ganz so hübsch aussieht.


Ich kehre also zurück zu meiner ersten Idee - Zusammennähen im Maschenstich.

Nur hatte ich ja beide Teile mittlerweile abgekettet. Klar.


Also, alle Maschen wieder Stichlein für Stichlein zurück auf die Nadeln und dann endlich los.

Den ganzen Ärmel mitsamt der Schulter auf beiden Seiten im Maschenstich zusammennähen ist jetzt kein Spaß, aber wofür hat man denn Urlaub. Mit der Naht bin ich zufrieden, kein Wulst, alles passt.


Aber: jetzt habe ich einen Poncho. Denn seitlich müssen der Körper und auch der Ärmel noch zusammengenäht werden. Diesmal im Matratzenstich. 


- Kurze Anmerkung: Den Pulli strick ich sicherlich kein zweites Mal ;-) -


Es hilft kein Jammern und kein Seufzen. Besser ist es, sich all die schönen neuen Projekte vorzustellen, die ich dann anschlagen darf.


Endlich, endlich ist alles fertig, aber das war ein Tag Strickzeit dahin.


Fledermaus-Pullover aus Rebecca Nr. 73, Modell Nr. 9


Tja, und dann sind die Nadeln im Anschlag und wer kommt zur Tür herein? Mein werter Mitbewohner.


Er hat seine Stricksachen durchgewühlt, wie man das so in seinen freien Momenten macht, wenn es Sommer ist und man sie nicht braucht und siehe da: keine Ellbogen mehr da, sondern nur riesige Löcher.




"Kann man da was machen, eventuell? Schließlich, äh, hast du ja jetzt ein bisschen Zeit."


Naja, man kann natürlich. Und man ist ja auch kein Unmensch. Also auf in meine Restekiste und passendes Garn gesucht.


Schnell das geniale Video von Kikos Strickschule aufgerufen, in dem es um das Reparieren eines Haramaki geht (die Suchmaschine hilft) und los geht's.


Anfänglich, bei dickerem Garn, geht alles eigentlich ganz flott, aber dann folgen die dünneren Pullover mit den riesigeren Löchern.




Jetzt zeigt's sich also, und ich kann nur eines sagen - wenn es nicht so viele nette Podcaster gäbe in diesem Strickuniversum, dann wäre ich sicherlich verzweifelt. Ich danke Euch allen von Herzen!!!


Denn auf der anderen Seite gibt es den fadenscheinigsten Ellbogen überhaupt:



Das Ergebnis ist schließlich eigentlich OK für den Hausgebrauch - mein galoppierendes Pferd hat keine Einwände - aber: wieder ein Stricktag dahin. Dieses Aufstricken und einweben dauert e-w-i-g!



Aber morgen, morgen da bin ich dran!


Mittwoch, 28. Juli 2021

Kapitel 163 - Sommergrüße von der Sockeninsel

Noch vor wenigen Jahren, als mich dieses Hobby längst gepackt hatte, saß ich lange - eigentlich zu lange - auf der Sockeninsel fest.


Ich strickte ein Paar nach dem anderen und kaufte auch ein Knäuel Sockenwolle nach dem anderen. Socken für mich, Socken für die Kinder, Socken als Weihnachtsgeschenk, Socken auf eine Bitte hin, Socken für alle.


Damit einhergehend und zusätzlich angespornt von diversen hippen Strickbloggern, machte sich auch sogleich mein Sammeltrieb bemerkbar. Auf Flohmärkten, bei Internetsuchen und natürlich in meinem lokalen Buchhandel fand ich viele Schätze, die ich seither wie meinen Augapfel gehütet habe.


Denn - Überraschung - viele dieser Anleitungsbücher stellten sich als zu anspruchsvoll für meine damaligen bescheidenen Strickkünste heraus. Nachdem man gerade erst verstanden hat, wie eine Käppchenferse funktioniert, sind Cookie A's Bücher nicht automatisch der nächste Schritt. Sie waren aber wunderhübsch anzuschauen.


Meine Strickfähigkeiten vergrößerten sich aber schließlich doch schön langsam und so folgte ein Paar auf das andere. Socken im Jacquardmuster, Socken mit Zöpfen, Socken mit Lochmuster. Kaum war ein Paar abgekettet, wurde das nächste angeschlagen.


Dann, ganz plötzlich, verschwand das Sockenfieber. Ich versuchte mit aller Kraft endlich die Insel zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Mehr Tücher, mehr Mützen, vor allem aber mehr Oberteile - endlich!


Die Socken blieben zwar in meinem Hinterkopf, aber da waren sie für eine Weile ganz gut aufgehoben. Wer will schon Socken stricken, wenn er es endlich geschafft hat, einen passenden Pullover zu zaubern?


Außerdem musste ich doch ausprobieren, was an diesen "entspannenden langen Reihen" dran ist, von denen eine Strickfreundin schwärmte. Und tatsächlich: da ist was dran.


Ich merkte so einiges:

Man kann auch mit 3mm Nadeln eine Strickjacke fertigstellen, dauert zwar, aber funktioniert.

Wenn man dabei bleibt, dann kommt man auch bei Oberteilen gut voran.

Und schließlich - es ist durchaus möglich, passende Oberteile zu stricken, die nach der Fertigstellung keine Enttäuschung sind.


Ich war also gut beschäftigt.


Erst eine sehr lange Weile später tauchten die Socken aber doch wieder langsam auf.


Zunächst nur in der Rezeption - die Sockenberichte in diversen Podcasts ("sock tawk") bereiteten nicht wenig Vergnügen und von dort habe ich auch drei Ideen aufgeschnappt:


  1. Socken in glatt rechts passen einfach am besten.
    Vor allem, wenn man sie rund um's Jahr in Schuhen trägt und nicht einfach zum Herumschlappen zu Hause.
  2. Man kann kleine Sockenwollreste perfekt für Bündchen, Ferse und Spitze verwenden. Macht mehr Spaß und sieht am Ende hübsch aus. Und macht natürlich auch im Wollbudget Sinn.
  3. Und schließlich sind Socken das perfekte Belohnungsprojekt - das, was auf englisch instant gratification genannt wird - sofortige Belohnung.


Da war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich meine Wollreste neu sortiert, ein neues Paar angeschlagen und sogleich fertig gestrickt habe.

Herrlich. Passende und vor allem hübsche Socken. Und ein fertiges Projekt. Nach nur ein paar Abenden Strickzeit.


Auch das neu zugelegte gehälftelte Opal-Abo tat da sein Übriges. Große Auswahl und vor allem viele Kombinationsmöglichkeiten mit meinen Resten.




Das heißt also, die Sockeninsel kam wieder in den Blick, wurde langsam größer, und schließlich habe ich doch wieder am Ufer angelegt.


Aber in der Zwischenzeit hat sich auch was getan.


Cookie A's Anleitungen sind kein Mysterium mehr. Ich bin mutiger, einzelne Abschnitte der Anleitung zu ändern ohne gleich Angst zu haben, alles zu verderben. Und ich bin so schnell fertig! 


Sockenstricken ist eben doch ein Kick - mit dem cleveren Nebeneffekt, immer ein Geschenk in der Hinterhand zu haben.


Alles gut also? Rückkehr zur Sockeninsel? Ganz so schlimm ist es nicht. Mein Plan ist jetzt ganz einfach:


Ein Paar Socken als laufendes Projekt ist OK. Das ist gut für Wartezeiten, für Abende, an denen Beruhigung notwendig ist, oder wenn ich nicht nachdenken will oder kann.


Ein neues Paar schlage ich erst an, wenn das jetzige in Arbeit fertig ist.

Klappt bestens bisher und mal ehrlich: wer kann bei einer solch genialen Anleitung auch widerstehen?


Socken kai-mei aus dem Buch Sock Innovation.




Mittwoch, 14. Juli 2021

Kapitel 162 - der V-Ausschnitt und ich

Man hat ja nicht umsonst diverse 'Was steht mir am besten?' Bücher studiert. Da hat sich also nach langer Lektüre ergeben, dass der V-Ausschnitt für viele Leute - und damit auch für mich - eine ganz vorteilhafte Halsausschnittsform ist.

Also will ich natürlich auch meine persönlich angefertigten Kleidungsstücke mit einem solchen V-Ausschnitt schmücken. Klappt soweit ganz gut, beim RVO nimmt man also einfach langsam vorne beidseitig zu, bis man schließlich zur Runde schließt und den Pullover fertig strickt.

Dann noch schnell die Maschen aus dem Ausschnitt aufnehmen, Bündchen dran und fertig.


Klingt einfach und ist es auch - wenn..., ja wenn es sich um ein einfarbiges Garn handelt.

Über die Jahre hat man sich eine gut funktionierende Randmasche angewöhnt, die Maschenaufnahme klappt damit, und der Pulli sieht OK aus.




Was passiert aber bei einem Streifenpulli? Die vielen Farbwechsel bringen die Fadenspannung durcheinander, die Randmasche verändert sich.




Auch beim x-ten Versuch will es einfach nicht gelingen, hier die Maschen anständig aufzunehmen. Ich komme über einen einigermaßen krakeligen Rand nicht hinaus. Das gestrickte Bündchen sieht ja ganz gut aus, aber der Rand des V-Ausschnitts? Nein danke. Dieser Pulli wird ganz sicherlich das überlaute Etikett selbstgemacht von der Welt da draußen verliehen bekommen. Und das ist nie so nett gemeint, wie es klingt.


Jetzt bin ich zwar die letzte, die etwas gegen kleinere Fehler hat. Damit kann ich ganz gut leben. Aber der gesamte Ausschnittrand? Vorne am Pullover? Das geht zu weit.


Für die Lösung, die mir schließlich eingefallen ist und die ich gerne mit Euch teile, benötigt man dieses kleine und alltägliche Gerät:




Man beginne also am Rückenteil und häkle eine Reihe fester Maschen. Gesagt, getan.


Dann aber kommt mir wieder der V-Ausschnitt entgegen, ich häkle weiter und…das geht ja gar nicht! Das ist ja sogar schlimmer als vorher, denn jetzt sieht man die seltsamen 'Füßchen' der festen Maschen.




Also nochmal Kommando zurück.

Wir beginnen am Rückenteil, häkeln feste Maschen, aber wenn die V-Ausschnittsschrägung in den Blick kommt, dann wechseln wir und arbeiten Kettmaschen durch die Maschen der Schrägung hindurch.






Das geht mit ein bisschen Übung leicht von der Hand und man kann die Schrägung ganz wunderbar nachkontrollieren.


Ordentlich genug?

Genügend Maschen pro Farbrapport?

Passt!




So arbeitet man sich um die Schrägung herum wieder auf die Rückseite. Sobald das Gestrick wieder gerade wird, werden wieder feste Maschen gehäkelt.


Bei der letzten Masche wird die Häkelschlaufe auf eine Stricknadel gelegt. Die Stricknadel deutlich dünner wählen und dann durch die hinteren Schlaufen der Häkelmaschen hindurch einfach die Maschen für den Halsausschnitt aufnehmen.





Weiter geht's in der nächsten Runde mit der normalen Bündchennadel.






Dadurch entsteht eine Art Naht um den Halsausschnitt herum, die ganz gut zu einem V-Ausschnitt passt.



Am V-Ausschnitt



Auf der Rückseite


Und der hässliche Rand mit den ungleichmäßigen Maschen und den vielen Fäden verschwindet im Inneren.



Wer sagt's denn? Da hatte ich tatsächlich mal eine vernünftige Idee.


Jetzt muss ich nur noch die verflixte Mittelmasche schöner stricken. Gute Ideen sind immer willkommen!