Sonntag, 9. Januar 2022

Kapitel 170 - Die Weihnachtsüberraschung

OK, ich gebe zu, das Thema ist schon wieder ein wenig in den Hintergrund gerückt, aber die Auswirkungen sind immer noch zu spüren, und zwar in beide Richtungen.

Gehen wir also ein bisschen zurück und sehen wir nach.

Im Dezember 2021 ist mir dasselbe passiert wie allen Strickerinnen und Strickern auf der Welt. Der Advent hat mich völlig überrumpelt und plötzlich waren alle Vorsätze dieses Jahr auf einmal über Bord geworfen.

Das ist mein Hobby, Stricken dauert sehr lange, und ich stricke nur für mich? Das alles gilt genau elf Monate lang - im Dezember gelten plötzlich völlig andere Regeln.

Die Vlogosphäre wird geflutet von Geschenkideen. Ein Youtuber nach dem anderen zeigt seine Geschenke, seine Geschenkideen, seine Stricküberraschungen und es dauert nicht lange, bis man auf einmal selbst eine kleine Liste anlegt.

Vielleicht doch ein Paar Socken für die Schwester? Ein Paar Handschuhe für die kleinen Neffen? Und eh man sich's versieht, wird die Tapetenrolle länger und länger. Die eigenen Projekte werden nach hinten verschoben und der Schreibtisch füllt sich mit halb begonnenen Kleinprojekten, die schnell noch fertig werden müssen, denn der Weihnachtsabend nähert sich wie jedes Jahr mit Riesenschritten.

Tja, und dann besucht man seine Eltern, schlendert ein bisschen ziellos durch das Handarbeitszimmer (meine liebe Mutter ist Patchworkerin und hat nach Jahren endlich Platz für ihr Hobby) und findet eine geheimnisvolle Tüte.

Das war drin:





Eine halbfertige Häkeldecke in Blockstreifen. Wenig überraschend war es auch einmal ein Weihnachtsgeschenk gewesen, aber dann hatte sie die Häkellust - neudeutsch Mojo - verlassen.

Ursprünglich sollte es eine kleine Kniedecke werden, aber so weit kam sie nie.

Auch ein zweiter Versuch mit ein paar Granny Squares brachte nicht den gewünschten Erfolg:



Damit war's natürlich sofort um mich geschehen.

  1. Eine Kniedecke ist tatsächlich das perfekte Geschenk für einen Mann (= meinen Vater), der mehr und mehr Zeit mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen verbringt.
  2. und - sind wir mal ehrlich - noch wichtiger: Das war die perfekte Entschuldigung für mich, doch endlich am Decken-KAL von Kikos Strickschule mitzumachen - die Optic Blanket.

Das ganze vergangene Jahr über habe ich jede Woche den Fortschritt dieser Decke im Podcast bewundert, bin aber doch stark geblieben. Nicht noch eine Decke anfangen. Erst die eigenen Projekte beenden. Eine gestrickte Decke? Das schaffe ich ja nie.

Aber jetzt: eine Kniedecke? Das kann ich doch schaffen.

Mit Kikos Tutorial war das erste Fleckchen schnell gestrickt:



Tja, und dann war ich nicht zu halten. Die Farben passten super zusammen für einen wirklichen Op-Art-Effekt und das Aneinanderstricken der Fleckchen hat so viel Spaß gemacht! Keine Nähte!

Es stand viel weniger Dunkelblau als Creme zur Verfügung, aber für zwölf große Flecken hat es noch gereicht. Und mit einem breiten Häkelrand wurde die Decke groß genug:



Das perfekte Geschenk!

Wenn nur der zweite Effekt nicht wäre. Ganz entgegen meiner Planung habe ich also im Dezember non-stop gestrickt. Weil die Decke natürlich einen festgeschriebenen Liefertermin hatte und weil das Stricken so viel Spaß gemacht hat.

Dafür muss ich im Januar jetzt leider Pause machen. Das Handgelenk macht sich bemerkbar und ist wieder mit Stulpe und Dehnungsübungen ruhig gestellt.

Aber dann habe ich wenigstens Zeit meine Tapetenrolle für 2022 zu überdenken! Es ist Januar und wenn gestrickt wird, dann wieder nur für mich. Bis zum nächsten Dezember wahrscheinlich ;-)


Montag, 6. Dezember 2021

Kapitel 169 - Die Gehirnforschung und ich

Fangen wir mal ganz klassisch an, denn wie war das doch gleich mit Bildern und Worten?


Tja, das, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, ist mein aktuelles Strickprojekt. Und zwar einzig und allein, weil ich mir selber damit einen Beweis für die aktuelle Gehirnforschung liefern wollte. Wie das denn, bitte?


Seit einigen Jahren gibt es den schönen Begriff der Neuroplastizität oder auch neuronalen Plastizität. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Gehirn in der Lage ist, immer und in jedem Alter neue Bahnen zu legen, Synapsen zu verknüpfen, Areale zu aktivieren. Und zwar auch ohne dass bereits eine Bahnung in eine bestimmte Richtung in frühester Jugend gelegt wurde. Mit anderen Worten, Hänschen lernt, aber der alte Hans kommt auch noch ganz gut mit.


Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass man eben etwas Neues probiert. Klingt logisch.


So habe ich ja auch nach langer Verweildauer irgendwann meinen Platz auf der Sockeninsel verlassen und mich an Pullover gewagt. Und kaum hat man ein paar hübsche (einfache!) Raglanpullis hinter sich, sind Pulloveranleitungen auch kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Die Bahnung ist gelegt, meine Synapsen feuern mit. Soweit, so gut. Aber da müsste doch noch mehr gehen.


Und wie es häufig so ist, hat man mal selbst einen Gedanken gehabt, dann läuft einem dieselbe Idee auch auf anderen Kanälen über den Weg (ist natürlich auch schon längst erforscht).


Kanal 1: die berühmten Grocery Girls, die in ihrer Ravelry-Gruppe kürzlich abgefragt haben, womit man selbst neu begonnen hat, da die eine von ihnen jetzt gerade erst mit Kreuzstich angefangen hat. Und wo eine der ersten Antworten bereits davon gehandelt hat, wie man spüren kann, dass neue Verbindungen im Hirn aufgebaut werden. Da will ich mit!


Kanal 2: na klar, der Frickelcast. Die beiden freundlichen Damen haben die neue Pascuali-Kollektion (Vorsicht, Ravelry-Link) vorgestellt, und ich habe mich tatsächlich Knall auf Fall in das Modell Orchideja (Vorsicht, Ravelry-Link) verliebt. Schockverliebt, wie es so schön heißt. Aber Intarsia? Echt jetzt? Das schaffe ich ja nie.


Na, da muss eben die nötige Motivation her.


Dazu passte dann natürlich auch, dass gerade mein schöner Oktober-Knitalong, Stephen Wests Mysteryshawl zu Ende war, der wie immer mit den eigentlich Furcht einflößenden Worten: "substantial leftovers", also "nicht geringe Menge an Restwolle" geendet hat.


Ich hatte also viel schöne Lieblings- und Erinnerungswolle übrig und ich hatte noch nie so richtig Intarsia versucht. Na dann, nix wie los!


Was einem aber niemand erzählt, ist natürlich, dass sich dieses Plastilin im Kopf nur sehr zäh bewegen lässt. Es ist keinesfalls ein Kinderspiel, neue Sachen zu lernen. Da muss man sich reinfuchsen, mit tausend Fäden hantieren und darf nicht verzweifeln. (Hier empfehle ich noch einmal einen kurzen Blick auf das Bild ganz oben)


Und da ist Hänschen dem alten Hans eben doch ein bisschen überlegen: ein bisschen mehr Mumm und Unverfrorenheit hat er schon, verglichen mit jemand, der nicht zum ersten Mal gescheitert ist. Aber: das wäre doch gelacht! So schnell wird nicht aufgegeben.


Was hilft, ist ein hübsches Chart mit genau 81 Runden, die ja wohl zu überleben sind. Gerade habe ich die 26. Runde überstanden, geht doch!


Und nächste große Ziel ist schon in Sicht: ein All-over-Zopfmusterpulli. Immer her mit den neuronalen Bahnungen!


Aber jetzt muss ich mich erstmal um Runde 27 kümmern. Was muss ich machen? Noch ein paar Fäden mehr für die Runde mit dazunehmen? Ach je, worauf hab ich mich da eingelassen?


Mittwoch, 27. Oktober 2021

Kapitel 168 - Vom Abschiedsschmerz

Jetzt hat es mich also auch erwischt. Irgendwie habe ich's ja geahnt, aber lange nicht wahrhaben wollen:


Mein LYS - mein lokaler, naher, schöner Wolleladen - hat leider schließen müssen. Ich wusste natürlich, dass die Besitzerin nicht mehr die Jüngste war. Dabei war sie es gewesen, die heldenhaft vor einigen Jahren, als sich schon einmal ein Ende des Ladens als Gespenst am Horizont abzeichnete, mutig einsprang und kurzerhand den Laden selbst übernahm, damit er eben nicht schließen musste. Auch wenn die Inhaberfirma unseren Ort verlassen wollte.


Das hat uns noch ein paar schöne Jahre beschert - Garn und Nadeln immer parat, wenn sie plötzlich mitten im Projekt ausgehen wollten.


Natürlich war es kein moderner, stylischer Wolldealer, der mit allem möglichen Schnickschnack herhalten konnte, sondern ein eingesessener Krimskrams-Laden, der eben auch den Reißverschluss und das Nähgarn für die Strickjacke in der richtigen Länge und in der richtigen Farbe sofort und ohne Umstände hervorzaubern konnte.


Das war es auch, was besonders geschätzt worden ist und was - interessanterweise - auch den stetigen Umsatz beschert hat, von dem die Inhaberin und ihre Mitarbeiterinnen letztlich lebten. Vom Kleinkram, den Knöpfen, der Nähseide, dem Flies, der Stopfwolle, die so gerne ausgehen und wegen derer man aber ungern die komplette Liefer- und Verschickindustrie beauftragen will.


Was für ein Luxus, wenn solch ein Laden nur ein paar Radlminuten entfernt ist. Und was für eine Riesenlücke, wenn solch ein Laden plötzlich schließt.


Dabei geht es natürlich um den ganz normalen Prozess des Sich-in-den-Ruhestand-Verabschiedens. Auch eine langjährige Ladeninhaberin darf halt irgendwann aufhören und sich zur Abwechslung mal erholen.

Es ist aber dennoch traurig, wenn man hört, dass sie schon länger als ein Jahr nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin gesucht hat, die sich aber einfach nicht finden ließen. Auch der am Schluss verzweifelt beauftragte Großhändler konnte nicht mehr weiterhelfen. Schade, schade.


Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Ich weiß es nicht.


Zu den besonders guten Zeiten hatten wir zwei Wollläden in unserer Schlafstadt vor den Toren einer süddeutschen Großstadt, jetzt bleibt leider gar keiner mehr übrig.


Vor allem passen diese schlechten Nachrichten gar nicht so gut zur blühenden Strickwelt im Virtuellen.


Da kann gar nicht genug Wolle geshoppt werden, kommt es mir vor.


Da werden Kurse angeboten und gebucht.

Da wird teure und teuerste Wolle problemlos verkauft.

Da gibt es Strickabende und Knitalongs und alles mögliche andere, für das die begeisterte Kundschaft gerne bereit ist zu bezahlen. All das für den Spaß an der Freud, aber auch deshalb, damit so ein Laden überleben kann.


Woran kann es also hier liegen?


Das letzte einschneidende Erlebnis war die Schließung des örtlichen Bastelladens. Auch dort konnte niemand gefunden werden, der den Laden übernimmt. Als ich nachgefragt habe, wurde mir erzählt, dass die Banken einfach nicht bereit seien, für Bastelbedarf Kredite zu vergeben. Ladensterben hin oder her.


Kann das der Grund sein? Kein Verständnis für kreative Notwendigkeiten in der Kreditabteilung eines lokalen Geldinstituts?


Diese Erklärung wäre dann aber zumindest wenigstens einigermaßen amüsant.


Vor allem, wenn man weiß, dass erst vor zwei Wochen das dritte Tattoo-Studio hier im Ort neu eröffnet hat. Alle drei höchstens fünf Minuten voneinander entfernt.


Vielleicht ist das ein Wink des Schicksals?


Na dann: ich habe verstanden. Offensichtlich brauche ich ganz dringend ein schickes Wolltattoo!

Montag, 27. September 2021

Kapitel 167 - weg mit dem Mythos!

Seit langem hat sich in der Strickwelt eine Sache als absolute und vor allem hartnäckige Wahrheit etabliert. Sogar ganze Designerriegen widmen sich nur diesem Thema:

>>Die rechte Masche ist die einzig wahre Masche!<<

Offensichtlich ist alles andere, was man stricken könnte, nicht der Rede wert, zu kompliziert, nicht entspannend genug.


Nein, es gilt nur: möglichst viele, möglichst alle Maschen eines Strickstücks müssen rechts sein.


Der Bösewicht in dieser Geschichte ist natürlich auch schnell ausgemacht: die perfide linke Masche, die niemand mag, die niemand stricken will, die überhaupt augenblicklich einen Stress sondersgleichen in den Fingern und in den Anleitungen auslöst.


"Hilfe, linke Maschen", hört man allenthalben, oder "Hurra, keine linken Maschen."


(ein bisschen, und das sei nur am Rande bemerkt, erinnern mich diese Rufe an das Geschrei um die zu vernähenden Enden. Aber hierzu habe ich mich ja schon diverse Male meinen kleinen Senf beigetragen ;-)


Das ist natürlich interessant, denke ich mir. Stricken ist eine so komplexe Angelegenheit und hat so viele interessante Techniken über die Jahrhunderte und den gesamten Globus hervorgebracht, dass es doch wirklich schade erscheint, diese nicht auch zu verwenden.


Dabei ist mir natürlich vollkommen klar, dass sehr viele Menschen das Stricken für andere Zwecke verwenden und auch dafür brauchen. Man therapiert sich, man meditiert oder man schaltet die Welt um sich herum einfach für eine Weile völlig aus. Hat alles seine Berechtigung.


Aber ich habe jetzt Wochen um Wochen mit der rechten Masche in diversen Projekten verbracht, und ich sage: Schluss damit!


Ich kann nicht mehr! Mein Widerwillen, einen zweiten Ärmel zu stricken (und manchmal auch einen ersten), der ja - mal ehrlich - nichts anderes ist als ein überdimensionierter Sockenschlauch, ist kaum zu überwinden.


Das ist sooo langweilig. Und man kommt überhaupt nicht voran!

Kein Wunder, dass alle so begeistert von Streifenwolle sind. Da ist der progress keeper, der auch Glückshängerchen heißen könnte, quasi schon ins Projekt eingebaut.


Ich sage: weg mit dem Mythos! Die rechte Masche ist auf Dauer einfach nervtötend! Jaja, es geht schnell, aber es geht eben auch schnell auf den Senkel!


Eins ist klar: mein nächstes Projekt wird ein völlig überladener Zopfmusterpulli. Aber sowas von.

Montag, 20. September 2021

Kapitel 166 - Von der Evolution

Einer der schönsten Nebeneffekte unseres kreativen Hobbys ist die Beobachtung der eigenen Veränderung.

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ich mich lange in der Sockenecke getummelt habe und von dort aus nur wenige zaghafte Ausflüge zu Mützen, Schals und Handschuhen unternommen habe. Und "lange" bedeutet wirklich lange. Wir sprechen hier von Jahren, aber eben auch von Socken in allen möglichen Formen und Farben: toe-up, top-down, Jacquard, Ajour, Zopfmuster, etc., etc.


Es hat also ganze Weile gedauert, bis ich mich an Pullis herangetraut habe. Da hat es - leider - auch nichts geholfen, dass genügend Unterstützung da gewesen wäre. Wenn man sich irgendwie nicht traut, dann klappt's eben nicht.


Die Gründe waren aber natürlich auch nicht von der Hand zu weisen:

Was ist, wenn's nicht passt?

Was ist, wenn ich es anders will?

Was ist, wenn das Garn sich nicht mehr auftrennen lässt?


Wenn man weniger Zuversicht und eben auch weniger Wissen hat, dann scheut man die Ausgaben für eine Pullovermenge durchaus. Bei einem Paar Socken, das nix wird, hat man nur ca. €10,- in den Sand gesetzt. Und nicht womöglich das Zehnfache.


Mittlerweile ist der Schritt zur Oberbekleidung bekanntermaßen vollzogen und während ich einen Pulli stricke, habe ich im Kopf schon den nächsten angeschlagen.


Soweit, so gut also. 


Natürlich ist es aber immer noch so, dass auch Pullover manchmal nichts werden. Entweder, man hat die Anleitung nicht ganz kapiert, oder die Anleitung passt nicht zur eigenen Art des Strickens oder die Anleitung und die Wolle gehen nicht zusammen.


Ein paar Änderungen traue ich mir mittlerweile selbst vorzunehmen, andere lasse ich dann eben sein. Und wie bereits schon mehrfach erwähnt: diejenigen Ungenauigkeiten, die man vom galoppierenden Pferd aus nicht sieht? Die stören mich nicht.


Und genau diese Auffassung betrifft die neue Veränderung. Es gibt offensichtlich Dinge, die doch stören. Und wie!


Gehen wir ein paar Jahre zurück, zum Hype um das Soldotna Crop. Hat jeder gestrickt, völlig klar, und damit auch ich.


Das erste Problem, die Länge, war leicht zu regeln. So viel Erfahrung war schon vorhanden, dass ich gemerkt habe, die super-cropped Länge ist nix für mich und meine Figur, da geht noch was.


Das zweite Problem, das sehr bald nach Erscheinen der Anleitung in der Strickwelt kursierte - der enge Halsausschnitt - war weniger leicht zu kurieren.


Aber man hat ja nicht umsonst verschiedene Bewältigungsstrategien zur Hand:

  1. das galoppierende Pferd (s.o.)
  2. die Verdrängung
  3. die Gewöhnung


Und genau an dieser Stelle folgt der evolutionäre Schritt, den ich zu meiner eigenen Begeisterung vollzogen zu haben scheine. Der Halsausschnitt nervt mich. Er nervt total! Also: weg damit!


Obwohl das bei einem top-down Pulli natürlich ein bisschen umständlich ist, geht es eben doch. Auftrennen, Maschen aufnehmen und mit einer höheren Maschenzahl wieder abketten. Passt.



Zurück zum ersten Problem. Auch die von mir bereits angefügten Zentimeter sind noch nicht genug, der Pulli einfach nicht lang genug. Also neu ausgemessen, Bündchen aufgemacht und Maschen wieder aufgenommen. Ich stricke jetzt bis zum Hüftknochen, basta.



Was für ein evolutionärer Schritt und vor allem: was für eine innerliche Befreiung!!! Eine Anleitung, auch die einer namhaften Designerin, ist nur ein Vorschlag. "Ich bin der Boss meines eigenen Projekts", wie Elizabeth Zimmermann ja schon immer wusste!


Mit diesem neu gewonnenen Selbstbewusstsein werde ich mich jetzt gleich an mein ältestes Nerv-Stück wagen, eine Jacke aus einem Volkshochschulkurs zum Thema 'Kleidungsstücke top-down gestrickt'.



Coole Sache, zum ersten Mal von oben im Stück gestrickt. Aber: die mit verkürzten Reihen von oben eingestrickte Armkugel war nie so, wie ich es mir gewünscht hätte. Art der Jacke, Muster, alles zu verbessern. Außerdem und extra nervig - die rechte Seite sieht anders aus als die linke. Bäh!




Nicht mehr mit mir!


Jetzt geht es mit mir und dem evolutionierten Ich direkt zurück zu den Knäueln. Und mit denen stricke ich dann die Jacke meiner Träume.


Völlig klar!


Sonntag, 5. September 2021

Kapitel 165 - Analog versus digital

Morgen? Morgen bin ich dran? Habe ich wirklich 'morgen' gesagt in meinem letzten Beitrag? Ich denke schon.

Aber wie meine Schwiegermutter schon immer sagte - und auch ich hier schon mehr als einmal geschrieben habe - "plane nicht im Vorhinaus - es wird nichts draus."


Was ist also passiert?

Eigentlich ganz einfach. Eines Abends spät hat mir ein Blick auf den Internet-Router kein einziges Blinklichtlein angezeigt. Das Umstecken auf eine andere Stromquelle brachte nichts - der Router war komplett hinüber.


Und damit das Internet weg.


Vom Kundendienst der Telekom will ich hier gar nicht reden, jeder kann sich vorstellen, wie es ist, wenn man 15 Leuten quer durch Deutschland nachtelefoniert und kein einziger weiß, was der andere schon veranlasst hat. Allein meine im System gespeicherte Handynummer ist über 20 Jahre alt und wurde schon von mehr als fünf Mitarbeitern geändert, inklusive dem Mann im Telekomshop. Alles umsonst. Wie ein Phoenix aus der Asche taucht immer wieder die alte Nummer auf, auf der mich natürlich niemand erreichen kann.


Aber genug davon. Die Prognose war: Kabel im Boden kaputt (Blitzschlag), der Bautrupp muss kommen und alles reparieren. Geschätzte Dauer der Aktion: 14 Tage.


Kleine Fußnote dazwischen: der schnell verschickte so genannte Funkwürfel, der für Internetzugang in der Zwischenzeit sorgen sollte, hat natürlich nicht funktioniert. Siehe Kundenberater oben.


Nach dem ersten Schock hat man sich also notdürftig damit abfinden müssen. Das ist jetzt 'die' Gelegenheit für das Aufräumen des Kellers, und schließlich - man hat ja noch sein Strickzeug.


Damit werden doch die einsamen Abende zu füllen sein.


Aber, und das war die große Überraschung für mich, das ist gar nicht so einfach.


Wenn man sich freiwillig in eine digitale Pause begibt, so habe ich gemerkt, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn man sozusagen vom System gezwungen wird.


Mir war auch gar nicht bewusst zuvor, wie sehr ich von der Inspiration im Internet abhängig bin. Wie mich alle Blogs und Podcasts, die ich verfolge, beeinflussen und sei es nur als Fenster in die große Welt des Strickens.


Denn natürlich ist mir klar, dass Stricken am Ende ein einsames Hobby ist und schon viele Jahrhunderte lang von Menschen alleine zu Hause gepflegt worden ist. Jeder einzelne Maschenstich muss alleine ausgeführt werden.


Aber genau das ist es eben, warum das Internet so besonders gut zu unserem Hobby passt. Dadurch können wir sehen und erleben, dass wir nicht alleine sind.


Wir sehen andere Leute, wir sehen andere Garne, wir sehen Anleitungen, die wir selbst gar nicht gefunden oder gestrickt hätten, weil wir so eingefahren in unseren Mustern und Projekten sind.


Im Ergebnis habe ich in den gut 15 Tagen bis der Bautrupp kam, fast überhaupt nichts gestrickt. Mein Mojo war weg.


Sogar Filme ohne Strickzeug in der Hand kamen vor, normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Ich konnte mich gar nicht aufraffen zu stricken.


(Naja, vielleicht hat mich das viele Räumen im Keller auch besonders müde gemacht.)


Aber wie dem auch sei, kaum waren die Helden mit Schaufeln und Messgerät da gewesen, ging es wieder aufwärts.


Sogar das Sockengarn wurde wieder durchgesehen, ob nicht doch wieder ein Film- und Fernsehprojekt locken könnte.


Natürlich hat am Ende ein Blick auf meine Podcast-Liste gezeigt, dass ich gar nicht so viel verpasst habe, wie ich dachte, aber du meine Güte - bin ich froh, dass ich mir alles wieder selbst einteilen kann.


Und einen Pulli habe ich auch neu angeschlagen:


Ein RVO aus Resten in der GumGum-Socken-Methode.


Es geht wieder aufwärts und der Strickherbst kann kommen!

Samstag, 14. August 2021

Kapitel 164 - Sommerzeit ist Strickzeit?

Haaaach, wie hat man sich all die Monate - die dunklen und die hellen - auf den Sommer gefreut. Endlich Strickzeit, endlich Anschlageritis. Im Geiste hat man sich schon herumstolzieren sehen in all den Herrlichkeiten, die dann ohne den Stress des Alltags entstehen würden. Eins nach dem anderen.

Das einzige, winzige Hindernis waren die paar WIPs, die man noch schnell beenden wollte, damit es endlich losgehen kann.


Aber wie meine werte Schwiegermutter schon immer so treffend formuliert hat: 'Plane nicht im Vorhinaus - es wird nichts draus.'


Dabei hat alles zunächst noch ganz gut ausgesehen. Mein Reste-Streifen-Raglan war eigentlich fertig. Haupt- und Nebenfarbe für die Streifen war geklärt, Ärmel waren schon abgetrennt und eine Farbe, von der nur sehr wenig übrig war, wurde noch in einen vollständigen Streifen gepackt.


Nix wie ran also an die Projekttasche und das Körperteil beendet. OK, der letzte Streifen hat seine 12 Runden nicht mehr geschafft, aber geschenkt, es folgt das Bündchen und schließlich bin ich ja vehementer Verfechter des englischen Galoppmantras, was strickige Ungenauigkeiten betrifft: "Wenn man es von einem galoppierenden Pferd aus nicht sehen kann, dann…".


Ab zu den Ärmeln und jetzt ging es leider Schlag auf Schlag. Erstens: bei genauerer Überprüfung der übrigen Knäuel stellt sich heraus, dass die Hauptfarbe für die Ärmel nicht reichen wird. OK, dann eben Garn geteilt und blockmäßig so weit gestrickt, wie's halt geht.


Ärmel daraufhin 'etwas' knapp bemessen, Bündchen sowieso mit einer Streifenfarbe, damit noch Hauptgarn gespart wird. Damit werden die Ärmel nach zwei breiten Farbblöcken plötzlich dreifarbig, das war nicht der Plan, aber gut, es ist ein Resteprojekt, also OK.


Kaum ist ein Ärmel fertig, taucht doch noch ein Miniknäuel in der Ärmelfarbe auf. Im Ernst jetzt?


Sofort klappt natürlich der übliche Fragenkatalog in meinem Kopf auf:

Was jetzt?

Trenne ich den Ärmel wieder auf und verlängere ihn?

Lohnt sich das?


OK, nochmal rational nachgedacht. Die Ärmel sind eh knapp bemessen gewesen, alle Hoffnung wurde auf das Spannen gelegt, da würden ein paar Zentimeter mehr ganz gut tun.


Also alles wieder auf Anfang, Bündchen aufgetrennt, Maschen aufgenommen, die brav abgeteilte Restwolle drangestrickt und schließlich nochmal das Bündchen gestrickt.

Nochmal vernähen und dasselbe natürlich auf der anderen Seite.

Endlich fertig! Und damit ran an das nächste WIP.


Restepulli nach Thorsten Duits genialer RVO-Anleitung (Youtube und Ravelry)

Hier schien die Sache einfacher. Der Pulli besteht aus zwei gigantischen Teilen - Vorderteil und Ärmel in einem - und ein Teil war schon fertig.


Passt doch, dachte das kleine naive Urlaubs-Ich. Wenn ich dranbleibe, dann geht doch auch das zweite Teil recht flott von der Nadel.

So war es dann auch zum Glück und schwupp-di-wupp war ich fertig. Jetzt aber: wie verbinde ich das Ganze?


Die Anleitung schlägt vor, Maschen abzuketten und dann die Teile zusammenzunähen. Ach neeee, denke ich, das muss doch anders gehen.


In weiser Voraussicht hatte ich die Maschen des Rückteils schon auf eine lange Nadel gezogen, möglichst natürlich für einen 3-needle-bind-off.

Also: mein (Großes Ravensburger) Strickbuch konsultiert und darin steht ganz eindeutig: bei Lochmustern ist es sinnvoll, zuerst abzuketten und die Teile dann in einer Art Maschenstich zusammenzunähen.

Ich probier's.


Es sieht ganz OK aus, aber du meine Güte - die Naht wird ja fürchterlich dick. Das ist bei einem sowieso schon dicken Garn ehrlich kein Spaß auf der Schulter.

Glücklicherweise fällt mir ein, dass der 3-needle-bind-off auch so einen kleinen Wulst produziert, den niemand haben will, und dass die Vorderseite damit auch nicht so ganz flach liegt - und ehrlicherweise nicht ganz so hübsch aussieht.


Ich kehre also zurück zu meiner ersten Idee - Zusammennähen im Maschenstich.

Nur hatte ich ja beide Teile mittlerweile abgekettet. Klar.


Also, alle Maschen wieder Stichlein für Stichlein zurück auf die Nadeln und dann endlich los.

Den ganzen Ärmel mitsamt der Schulter auf beiden Seiten im Maschenstich zusammennähen ist jetzt kein Spaß, aber wofür hat man denn Urlaub. Mit der Naht bin ich zufrieden, kein Wulst, alles passt.


Aber: jetzt habe ich einen Poncho. Denn seitlich müssen der Körper und auch der Ärmel noch zusammengenäht werden. Diesmal im Matratzenstich. 


- Kurze Anmerkung: Den Pulli strick ich sicherlich kein zweites Mal ;-) -


Es hilft kein Jammern und kein Seufzen. Besser ist es, sich all die schönen neuen Projekte vorzustellen, die ich dann anschlagen darf.


Endlich, endlich ist alles fertig, aber das war ein Tag Strickzeit dahin.


Fledermaus-Pullover aus Rebecca Nr. 73, Modell Nr. 9


Tja, und dann sind die Nadeln im Anschlag und wer kommt zur Tür herein? Mein werter Mitbewohner.


Er hat seine Stricksachen durchgewühlt, wie man das so in seinen freien Momenten macht, wenn es Sommer ist und man sie nicht braucht und siehe da: keine Ellbogen mehr da, sondern nur riesige Löcher.




"Kann man da was machen, eventuell? Schließlich, äh, hast du ja jetzt ein bisschen Zeit."


Naja, man kann natürlich. Und man ist ja auch kein Unmensch. Also auf in meine Restekiste und passendes Garn gesucht.


Schnell das geniale Video von Kikos Strickschule aufgerufen, in dem es um das Reparieren eines Haramaki geht (die Suchmaschine hilft) und los geht's.


Anfänglich, bei dickerem Garn, geht alles eigentlich ganz flott, aber dann folgen die dünneren Pullover mit den riesigeren Löchern.




Jetzt zeigt's sich also, und ich kann nur eines sagen - wenn es nicht so viele nette Podcaster gäbe in diesem Strickuniversum, dann wäre ich sicherlich verzweifelt. Ich danke Euch allen von Herzen!!!


Denn auf der anderen Seite gibt es den fadenscheinigsten Ellbogen überhaupt:



Das Ergebnis ist schließlich eigentlich OK für den Hausgebrauch - mein galoppierendes Pferd hat keine Einwände - aber: wieder ein Stricktag dahin. Dieses Aufstricken und einweben dauert e-w-i-g!



Aber morgen, morgen da bin ich dran!