Donnerstag, 8. Juli 2021

Kapitel 161 - Lasst uns den Trend umkehren!

Eigentlich klingt es ja ganz einfach. Im Winter ist es kalt, da stricke ich mir einen warmen Pullover und im Sommer ist es warm, da brauche ich ein luftiges Oberteil.

Daran orientieren sich seit vielen Jahren alle großen Garnfirmen und natürlich auch die einschlägigen Publikationen. Alle Influencer, die Rang und Namen haben, zeigen gerade jetzt die neuen Sommergarne und werden uns sicherlich erst im Oktober die neuen kuschligen Winterflauschträume präsentieren.


Das funktioniert mit derselben Regelmäßigkeit, mit der es im November Plätzchenrezepte zu lesen gibt und im Januar die neuesten Diättrends.


Wir sind so daran gewöhnt, dass wir uns sogar wundern würden, wenn es jetzt nicht überall Baumwoll- und Leinengarne zu sehen gäbe. Wir wollen die tollen Qualitäten natürlich auch alle gerne haben, am liebsten schon in das wunderhübsche Oberteil verwandelt, das wir dank großflächiger Werbung ins Auge gefasst haben. Das wär's doch.


Genau darin liegt aber natürlich die Crux an der Sache. Stricken ist so langsam. Es ist sogar gaaaanz laaaaaangsam. Bei mir zum Beispiel und sicherlich auch bei vielen anderen, die ihre Zeit noch mit einem Arbeitgeber teilen müssen, der zwar das Geld für die Wolle bezahlt, aber der natürlich auch etwas für seine monetären Beiträge sehen will.


Also brauche ich für einen Pulli nicht nur eine Woche, sondern mindestens einen Monat, meistens mehr, sodass aus dem Winter ganz schnell der Frühling und aus dem Sommer flugs der Herbst wird.


Nicht zum ersten Mal habe ich einen im Winter begonnenen Schmusepullover erst in der nächsten - und manchmal sogar in der übernächsten - kalten Saison tragen können. Sehr schade!


Ich schlage daher einen Gegentrend vor.

Weg von den sommerlichen Knit-alongs, die wir sowieso nur unter Aufbietung aller Ressourcen bzw. bei sträflicher Vernachlässigung von allen anderen sommerlichen Vergnügungen irgendwie schaffen und stattdessen hin zur antizyklischen Strickbewegung.


Wie wär's denn, wenn man uns im Sommer das neue Flauschgarn mit all seinen neuen Farben vorstellen würde? Dann könnten wir gemütlich auswählen, die Maschenprobe stricken (was sicherlich auch bei hochsommerlichen Temperaturen klappt) und uns vielleicht sogar schon an einen Anschlag wagen.


Meist hat der Sommer ja auch ein paar kühlere Tage, sodass wir gemütlich an unserem neubegonnenn Winterpulli stricken können, damit wir ihn pünktlich zum richtig kühlen Herbst überstreifen können.


Und andersherum genau so. Wer hat nicht nach Wochen der Dunkelheit auf Grund der kurzen Tage Sehnsucht nach der Unbeschwertheit einer lauen Sommernacht? Und was könnte diese Sehnsucht besser stillen als das Wühlen in sommerlichen Farben und Anleitungen? Im Januar angeschlagen, ist das hübsche Top auch sicherlich bis zum Juli fertig.


Das könnte sogar ich schaffen!

Mittwoch, 30. Juni 2021

Kapitel 160 - Vom Verschenken und Verpacken

Zuerst eine gute Nachricht: es gibt wieder Wolle zu bewundern. Stash hin oder her. Manchmal muss man sich einfach inspirieren lassen, wenn man in der Podcast-Welt über neues Garn stolpert. Ich habe also auch fleißig den Bestellknopf gedrückt, mich bei diversen Läden sogar neu angemeldet und durfte mich freuen, wenn die Sachen dann eingetrudelt sind.

Jetzt aber die schlechte Nachricht: nicht alles ist für mich, denn ich verschenke ja auch gern Sachen, also habe ich für meine Geschenke-Woll-Freundin auch Wolle bestellt.


Und natürlich ist das ja eigentlich gar keine schlechte Nachricht, sondern vielmehr eine gute, weil Verschenken ja Spaß macht.


Hier könnte ich jetzt sogar in eine kleine Fußnote abschweifen, in der ich ausführlich erkläre, dass mein Lieblingsjob tatsächlich Geschenkeberater wäre - falls es sowas überhaupt gibt - weil es mir un-glaub-lich Spaß macht, Sachen zu finden, die perfekt für jemanden passen und auf die derjenige (oder diejenige) selbst gar nicht gekommen wäre. Mein Meisterstück war mal eine sehr clevere und sehr helle und dünne Stabtaschenlampe, die ich meinem ständig mit Projekten beschäftigten Vater geschenkt habe und die dieser dann viel später sogar auf eine gemeinsame Reise mitbekommen hat, weil er gar nicht mehr ohne aus dem Haus geht. Erfolg? Na, also bitte, das war unglaublich cool.


Naja, das war natürlich zu Zeiten als Reisen noch möglich war und damit wir jetzt alle sentimental werden, schiebe ich gleich hinterher, dass dies eine Reise nach Leipzig gewesen ist, und zwar natürlich im Frühling. Wolle für mich und Babysitter/Stadttour für den Opa - was für ein Fest. Aber OK, OK, genug geseufzt.


Oder vielleicht doch noch nicht, denn jetzt kommt noch eine wirklich schlechte Nachricht. Meine liebe Woll-Freundin wohnt in England und daher hat mein Paket diese Reise noch gar nicht angetreten. Zu teuer und zu kompliziert.


Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist dies. Wolle für mich bestelle ich eigentlich eher bei großen Wollversendern, daher bin ich die Päckchen, die da kommen, gewohnt. Zum Beispiel dieses hier vom Opalabo. Kleine Box, Wolle drin und ich freue mich.



In dem Fall, um den es jetzt aber gehen soll, kam aber von der tollen Färberin BlackFlockFibres folgendes Paket an:




Man sieht also: die Wolle ist drin, sehr schön und sicher verpackt, worüber ich mich auch gefreut habe, aber schaut mal, was da alles noch so liegt: ein Teebeutel, Aufkleber, eine handgeschriebene Karte und watt weiß ich noch alles.


Dann habe ich mich daran erinnert, dass das ja auch immer von diversen Podcastern so 'gefeiert' wird (übrigens - diese Vokabel wäre ja auch mal einen eigenen Blogeintrag wert, die finde ich mindestens so seltsam wie das ewige 'spannend').


Also, was ich eigentlich sagen wollte - genau diese Extra-Verpackungsarbeit, die sich Miriam und Anna hier so hübsch und aufmerksam gemacht haben - ganz ehrlich - braucht man die wirklich?

Ich habe mich doch durch die Fotos geklickt und mich für diese Handfärberinnen entschieden, weil ich ihre Arbeit und Wolle toll finde. Das will ich ja doch eigentlich haben.


Und sie dann sozusagen durch sozialen Druck zu verpflichten, mir beim Auspacken auch noch ein Erlebnis zu bescheren? Das ist doch wirklich zu viel! Für dieses Erlebnis habe ich doch - bitte schön - selbst zu sorgen.


Und besonders amüsant finde ich die diversen Influencer und Influencerinnen, wenn sie dann auch noch begeistert von all den zusätzlichen Giveaways sind, die doch, wenn wir ehrlich sind, wirklich gar nicht nötig sind. Wer braucht denn das 150ste kleine Plastiknadelmaß oder noch eine Zopfnadel?


Und damit es dann so richtig albern wird, sind das häufig auch diejenigen Strickszenestars, die viel Zeit und Energie auf das Finden von möglichst biologischer, dem Schaf zartfühlend heruntergeschmeichelter, pflanzengefärbter Superwolle verwenden. Da passt doch der viele Verpackungsmüll und die vielen Extra-Plastiktütchen gar nicht dazu! Von der Extraarbeit, die wir unseren wunderbaren Färbern und Färberinnen aufhalsen, gar nicht zu reden.


Liebe Leute, beruhigt Euch, möchte ich da rufen. Es ist doch die Wolle, die wir toll finden und nicht die Verpackung.


Da lobe ich mir die österreichische Handfärberin, die mir auf einem Festival (ja, lang ist's her) die Wolle mal so verkauft hat:



Passt doch! Die Wolle ist geschützt, und es ist kein Extramaterial angefallen. Was wollen wir mehr?





Mittwoch, 23. Juni 2021

Kapitel 159 - Mein Shame-Shirt

Begonnen hat alles mit einem guten Vorsatz. Nicht zum ersten Mal und sicherlich auch nicht zum letzten Mal. Nebenbei bemerkt: schon das Wort 'Vorsatz' müsste den werten Leser bzw. die Leserin eigentlich stutzig machen. Da ist die Rutschpartie ins Chaos doch schon vorprogrammiert.

Aber kehren wir zu den Anfängen der Geschichte zurück.


Es ist Juni, also Pride Month, wie jeder aufmerksame Mensch auf diesem Planeten sicherlich weiß und gutheißt. Wie bereits im letzten Jahr veranstaltet die engagierte und freundliche Podcasterin Sissi den so genannten Regenbogen-Make-Along (Hinweis: Ravelry-Link), bei dem genau dieses Thema im Zentrum steht. Die Regenbogenfarben als Zeichen der Sichtbarkeit für eine diversifizierte und offene Gesellschaft sind das Thema, die Ausführung der Projekte bleibt jedem selbst überlassen.


Na, da will ich doch mal! Bereits letztes Jahr habe ich erfolgreich mitgemacht und hatte meinen bunten Spaß im Juni.

Dieses Mal ist ein Ringelshirt (Hinweis: Ravelry-Link) aus meiner langfristigen Projektplanungsliste raketenartig nach oben gerückt und sollte also sofort angeschlagen werden.


Und ganz gemäß meiner immer noch aktiven Stashbemühungen für 2021 habe ich natürlich Reste im Visier gehabt. Aber eben, wie der Zufall so freundlich wollte, hübsche Reste in bunten Farben.




Los geht's. Die gewählte Anleitung passt sogar in die ebenfalls von mir positiv begrüßte Knit-a-book-challenge, weil sich bei mir ja auch ein nicht geringer Bücher-Stash befindet.


Es läuft auch alles nach Plan. Maschenprobe und damit auch Festlegung der Streifenbreite klappten super. Richtige Größe ausgesucht und sofort angeschlagen.


Nach gut 2cm habe ich mir das Gestricksel mal locker um den Hals gelegt und dachte mir, das wird aber reichlich weit. Das rutscht ja von den Schultern. Also Kommando zurück. Aufgetrennt und neu angeschlagen, diesmal in einer kleineren Größe.


Nach weiteren 2cm habe ich mich entschlossen, doch schnell Kopien der Buchseiten anzufertigen, damit ich nicht immer mein Taschenbuch mit diversen Kaffeetassen in wackliger Position offenhalten muss. In diesem Zusammenhang gelingt es mir offensichtlich auch, einen richtigen Blick in die Anleitung zu werfen und was muss ich sehen? Entgegen meiner automatischen Annahme beginnt das Oberteil VON UNTEN und nicht etwa wie automatisch angenommen top down. Na, kein Wunder, dass die erste Version so weit gewesen ist. Und auch kein Wunder, dass die neue, kleinere Maschenzahl auf keinen Fall über meine hübschen aber stattlichen Hüften passen würde. Also nochmal aufgetrennt und wieder die ursprüngliche Maschenzahl angeschlagen.


Da geht es dann eine Woche lang voran. Von kleineren Ausrutschern wie dem Vergessen des Nadelwechsels direkt nach dem kraus rechten Bündchen und der nachfolgenden Flip-flap-Bewegung des Strickstücks nicht zu reden. Da habe ich einfach große Hoffnungen in das Thema Spannen und Dämpfen gelegt. Oder mir eingeredet.


Nach einer Woche und ungefähr der Hälfte der erforderlichen Länge vor der Passe ist Bestandsaufnahme angesagt.



Diese ergibt Folgendes:

  1. Das Flip-flap nervt.
  2. Ich verstricke Reste, d.h. der Wollvorrat ist begrenzt. In der Passe werden die Streifen sehr breit und ein Anstückeln in der Grundfarbe (weiß) sieht hier besonders blöd aus.
  3. Die von mir gewählte Maschenprobe ergibt als Pullover ein echt festes Gestrick, das sich u.U. nicht so toll eignet für hochsommerliche Temperaturen, wie sie gerade herrschen.


Also Kommando zurück. Neue Maschenprobe und neue Festlegung der richtigen Maschenzahl. Diesmal verzichte ich auch auf ein kraus rechtes Bündchen, sondern stricke stattdessen mein geliebtes Rippenbündchen. Hab ich auch erst gemerkt, nachdem ich mit größerer Nadel ein superlockeres und damit ätzendes Bündchen gestrickt hatte, aber was soll's, diesmal war's nur ein kleiner Umweg.


Los geht's also wieder.

Aber: um dieses Bündchen als Effekt einzusetzen und nicht wie eine Abbindeschnur in Rügenwalder-Teewurst-Manier muss ich zuerst mehr Maschen anschlagen und sie dann in der ersten Reihe des 'normalen Musters' wieder abnehmen. In der Anleitung wird allerdings in der ersten Reihe nach dem Bündchen bereits kräftig zugenommen. Dann beginne ich eben mit dieser endgültigen Maschenanzahl.

In diesem Plan steckt natürlich ein grober Denkfehler, aber wer findet den schon bei über 30°C im Schatten? Ich nicht!


Das heißt, ich beginne einfach einfach neu, und zwar mit größerer Nadel bereits fürs Bündchen. Das ursprüngliche Strickstück ist noch nicht wieder in seine Bestandteile zerlegt, weil ich zuerst testen will, ob mir das neue Gestrick wirklich lockerer und damit besser erscheint.


Nach ein paar Farbwechseln beginnt das innere Wollhühnchen wieder zu gackern. Reicht denn die Wolle wirklich? Hast du überhaupt ausgerechnet, ob bei der neuen Maschenprobe oben auch die richtige Farbe herauskommt (natürlich nicht). Die Passe ist ja schon wirklich breit, wäre denn top-down in so einem Fall nicht besser?


Es wurde laut in meinem Kopf und schließlich habe ich aufgegeben. 

Na gut, dann aber ein Raglan-Streifenshirt. Da komme ich mit der Anleitung von Thorsten Duit (Achtung: Ravelry-Link) gut zurecht und ich kann das Bündchen unten ja immer noch länger machen, sollten die Farben wirklich nicht reichen. Wenigstens kann ich aber dann in meiner Lieblingsfarbe oben anschlagen. Es soll ein V-Ausschnitt sein, da gibt es zwar einiges zu beachten, aber was soll's, los geht's endlich.


Schnell den Kragen ausgemessen, in den Raglan-Rechner eingegeben und ran.


Bei Farbe 3 - wir befinden uns mittlerweile in der dritten Juniwoche - stelle ich fest, dass Thorsten recht hat. Man muss tatsächlich aufpassen, dass einem der V-Ausschnitt nicht von der Schulter fällt. Wer hätte das gedacht???


Außerdem würde mein V-Ausschnitt bei dem Tempo meiner zögerlichen Zunahmen (jede dritte Hinreihe) locker bis zum Bauchnabel reichen und das wäre in meinem Alter und auch, wenn wir mal ehrlich sind, bei meiner Figur nicht so erstrebenswert. So breit kann das Bündchen da nicht mehr werden, um hier was zu retten.


Es kommt also, wie es kommen muss. Auch diese Version fliegt von den Nadeln und endlich meldet sich bei mir jemand Vernünftiges im Kopf. "Nimm mal ein Oberteil mit V-Ausschnitt, das passt", heißt es plötzlich, "und messe da den Halsausschnitt." Clevere Idee, denke ich mir. Gesagt getan. Und siehe da, statt 65cm kommt plötzlich nur 58cm heraus. Sitzt immer noch schön locker, aber eben nicht wie ein Carmenausschnitt gleich zu Beginn.


Und dann geht es plötzlich endlich richtig voran. Die Nadelstärke ist gut gewählt, die Farben machen Spaß und das Strickstück wird passen. Aber in diesem Juni wird es nicht mehr fertig. Shame on me!





P.S.: Na, wer hat mitgezählt? Ich bin in der siebten Runde und von Knitter's Pride kann nicht mehr die Rede sein. Aber für den ursprünglichen Zweck stricke ich es fertig. Das wäre ja gelacht!


Sonntag, 31. Januar 2021

Kapitel 158 - Berührungsängste

Nach vielen Jahren unermüdlichen Einsatzes ist es mir in diesem Winter gelungen: ich habe einen Stricker erschaffen.

Sie ist 13 Jahre alt und hat sich beim letzten Weihnachtsfest sehr über Wollgeschenke gefreut, und zwar in unverstricktem Zustand. Es gab ein paar Stränge handgefärbtes Garn, ein bisschen Flausch und Sockenwolle.

Für mich ist das in vielerlei Hinsicht natürlich wunderbar. Zum einen kann ich hier hautnah verfolgen, wie sich jemand bestimmte Techniken und Fähigkeiten aneignet und wie sich dadurch auch Vorlieben ausbilden, zum anderen sehe ich hier, wie man strickt, wenn man keinen Stash hat.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich keinen Stash hatte. Da ich ja auch eine ganze Menge Wolle auf verschiedenen Wegen geerbt habe, hat sich mein ursprünglich kleiner Stash schnell zu einem Boxiversum ausgewachsen.


Aber jetzt bin ich also wieder auf Null.

Gleichzeitig kann ich versuchen, so viele gute Ratschläge wie möglich weiterzugeben:

Nicht zu viele Projekte auf einmal.

Fäden vernähen.

Durchhalten.

Es klappt besser, als ich vorher zu hoffen wagte.


Zu den schönsten Vorweihnachtserlebnissen gehört ein Besuch im lokalen Wollgeschäft, bei dem einfach drauflos ausgesucht werden durfte, was dann dem Christkind übergeben wurde.

Daraus wurde ein wunderbares Kuscheltuch (Hinweis: Ravelry-Link), das jetzt fix und fertig im Handarbeitskorb liegt.


Das Nächste sind ein paar Socken aus dem Opalabo, das wir uns teilen. Auch das ist wunderbar, weil ich immer dachte, für eine Person sind es auf Dauer schon sehr viele Knäuel pro Jahr, vor allem, wenn man noch etwas anderes stricken will. Aber zu zweit? Bestens!

Natürlich habe ich zur Begleitung auch ein paar Socken angeschlagen. Bei mir aus Resten, nach einer Spiralsockenanleitung (GumGum Socke Hinweis: Ravelry-Link). Es sind zwar schon viele meiner Garnüberbleibsel in meine diversen Reste-Häkeldecken gewandert, aber so schnell wie man möchte, geht es eben doch nicht.


Heute habe ich eine RVO-Strickjacke begonnen, die auch - doppelfädig mit schwarz - aus Resten bestehen soll. Und da kam dann endlich die entscheidende Frage auf: "Warum strickst du immer nur aus Resten? Du hast doch so schöne Wolle."


Stimmt das wirklich?

Na, das mit der Wolle stimmt bestimmt. Nicht umsonst hat man ja diverse Wollfeste und Spezialgarnläden besucht, als dies noch ganz normal zum Terminkalender eines Strickers gehörte. Es gilt ja sowieso: für's Hobby muss man auch Geld ausgeben dürfen, sonst macht es keinen Spaß.


Aber stricke ich wirklich nur mit Resten?

Nein, nicht immer. Aber: meine Gedanken kreisen doch oft um meine Reste. Ein paar Projekte, wie den Nanaimo Cardigan (Hinweis: Ravelry-Link) oder den Baw Baw Pullover (Hinweis: Ravelry-Link) habe ich nur begonnen, um zu sehen, wie ich da Reste unterbringen kann. Wenn ich dann noch Garn dazukaufen musste, geschenkt - das war leicht zu rechtfertigen, denn ich habe ja etwas Altes verbraucht.

Oft war auch der Erfolg gar nicht so durchschlagend. So habe ich für diesen Pulli Wolle am Ärmel verstrickt, die dafür gar nicht geeignet war, trotz doppelfädiger Sockenwolle. Seit dem ersten Tag pillt sie wie verrückt.


Das heißt, jetzt geht es also ans Eingemachte. Es stimmt, mein kleiner Stricker hatte recht. Ich habe irgendwie eine Scheu, meine schönen Knäuels, meine herrlichen Stränge anzubrechen. Ich habe auch schon Projekte wieder aufgetrennt, weil ich das Gefühl hatte, sie würden der Wolle nicht gerecht, etwas passt nicht richtig, etwas sieht irgendwie nicht gut aus und vor allem bei Socken beliebt: das Garn ist zu schade. Das hebe ich mir lieber für ein "besonderes Projekt" auf.


Vielleicht weil ich aus einer Generation stamme, in der die Vokabel "auftragen" noch eine Rolle gespielt hat?

Der Wintermantel, die Sandalen, der Badeanzug sind doch noch gut in Schuss. Die kann man noch gut auftragen. Es ist nicht notwendig, in der brandneuen Sonntagsjacke beim Spaziergang durch den Wald zu traben. Da "tut es auch" die alte.


Das bedeutet beim Stricken dann auch, dass ich erst mal meine Reste "aufstricken" muss, die "tun es doch noch", bevor ich das neue, das teure, das besondere Garn anstricken darf. Was für ein alberner Zwang, der aber natürlich, so wie alle inneren Zwänge, gar nicht so einfach abgeschüttelt werden kann, wie man das rational vor sich selbst begründen kann.


Schließlich hat man ja gelernt, dass man das neue Stück Käse im Kühlschrank erst dann anschneidet, wenn das alte aufgegessen ist.

Nur, dass das beim Stricken fast nie passiert. Hier haben wir das Dilemma:

Wer kann denn ernsthaft von sich behaupten, dass er alle seine Reste verbraucht hat?

Na, ich weiß es - mein kleiner, neuer Stricker, dieses kleine Fräulein kann aus dem Vollen schöpfen, und tut das auch, sehr zu meiner Freude.


Und ich?

Ich werde jetzt mal ein Wechselmodell versuchen. Und meine kognitive Dissonanz mit folgendem Mantra zu überwinden suchen: es wächst jeden Tag Wolle nach! Wenn sie verstrickt ist, dann gibt es irgendwo wieder neue!

Mal sehen, ob's klappt.


Und bei dem neuen Kuscheltuch meiner Tochter? Ist ein kleines Mini-Knäuel übrig geblieben. Das werde ich am besten einfach diskret verschwinden lassen. Schließlich will man nicht alle seine wunderlichen Angewohnheiten weitervererben.


P.S.: Gerade habe ich gesehen - den Sockenreste-Wollpullover habe ich letztes Jahr im Januar angeschlagen. Vielleicht ist es nur ein jahreszeitlich bedingtes Formtief? Hoffen wir's.

Mittwoch, 20. Januar 2021

Kapitel 157 - ein neuer Trend???

Es gibt ja Ereignisse, nach denen kann man die Uhr stellen. In jedem einzelnen Januar, den ich auf diesem Planeten bewusst erlebt habe, war der Monat Januar der Moment des Großen-Aufräumens, des Alles-Umkrempelns und wie sollte es anders sein nach den Weihnachtsherrlichkeiten: der Moment der Endlich-Zu-Erfolgenden-Ernährungsumstellung. Vorsätze gibt es ja genug. Da ist es natürlich kein Wunder, dass man als kleiner Stricker im Januar auch den einen oder anderen Plan für das neue Jahr fasst.

Also zum Beispiel eine neue Technik ausprobieren: Patent oder Double-Face oder Steeken.

Oder eine bestimmte Projektart in Angriff nehmen: endlich auch mal einen echten Islandpullover stricken.

Oder eine neuartige Wolle ausprobieren: ich will auch mal mit Mohair einen Flausch erzeugen.


Soweit so normal. Selbst Ravelry hat vor ein paar Jahren einen Challenge-Button eingeführt, bei dem man sich für seine eigene Projektseite der Herausforderung stellen kann, eine vorher selbst bestimmte Anzahl von Projekten in einem Kalenderjahr zu beenden. Dies hat auch bei mir im letzten Dezember noch zu hektischen Manövern geführt, nur damit ich die gesetzte Zahl auch wirklich erreichen konnte. Ein bisschen albern, ich weiß, aber doch ein Supergefühl.


Dieses Jahr, so scheint mir aber, kommt noch eine neue Dimension dazu. Offensichtlich soll 2021 ganz im Zeichen des großen Stash-Abbaus stehen. Auch an dieser Stelle wurde davon schon gesprochen, ganz angesteckt von Mandy Strickt Jeden Tag. Sie ist aber nicht allein. Auch Monika von Momas Wollwelt hat ihre Truhen durchforstet, Kiko von Kikos Strickschule plant weniger Neuanschläge und mehr Projektbeendigungen. Und jetzt höre ich schließlich auch den Frickelcast davon sprechen, im Januar möglichst alle angefangenen Projekte zu beenden. Oder zumindest jeden Monat eine solche Projektleiche aufzustöbern und so lange wieder zu beleben, bis sie fertig ist. Was ist da los? Das Jahr 2021 als das Jahr des Großreinemachens?


Es scheint, als hätten wir Zeit genug. Gerade erst ist der Lockdown erneut verlängert worden. Viele von uns sitzen zu Hause und können mit den Nadeln klappern.

Aber das stimmt natürlich leider nicht. Gerade die Vermischung von Arbeit und Freizeit in den eigenen vier Wänden nimmt langsam aber sicher ein Ausmaß an, das nur noch schwer erträglich ist. Und dazu scheint der neue Trend besonders zu passen.


Es scheint ein allgemeines Gefühl der Notwendigkeit von erfolgreicher Kontrolle zu geben. Wenn ich schon sonst so völlig den Launen eines winzigen Virus ausgesetzt bin, dann kann ich doch wenigstens meine Projektzahl in den Griff bekommen und bei mir zu Hause alles besser organisieren.


Das stimmt wohl und zu dieser Kategorie zähle ich mich selbst auch immer noch. Der Plan, zwei Projekte zu beenden, bevor ein neues angeschlagen wird, hat zu einer fertigen Strickjacke und einem Paar Socken geführt, die sonst vielleicht noch nicht beendet gewesen wären. Das hat mich sehr beruhigt, und aus dieser Ruhe heraus habe ich dann meine neuen Fingerhandschuhe angeschlagen.


Vielleicht ist aber das genaue Gegenteil richtig? Schließlich handelt es sich hier um ein Hobby, um etwas, das unseren Alltagsstress lindert. Es soll Spaß machen, es soll uns beruhigen, vor allem aber soll es zwanglos sein. Wenn wir uns hier auch noch strengen Regeln unterwerfen, dann haben wir überhaupt keinen Raum mehr für Erholung.


Und dann blüht uns vielleicht etwas, wovon wir im Februar wieder zuverlässig lesen werden: der Jojo-Effekt. Zumindest was meine Projekttaschen (und meine Figur) betrifft, so möchte ich lieber darauf verzichten.


Da halte ich mich doch lieber an Mandys neues Motto aus ihrem letzten Podcast: alle Pläne über Bord!


Na dann: Ahoi und eine Buddel voll Rum!


Montag, 4. Januar 2021

Kapitel 156 - Meine persönliche C-Kurve

 2020 war das Jahr der Zahlen und Kurven. Ständig hat man Werte und Diagramme studiert und verfolgt, ob die Kurve abflacht oder ansteigt oder sogar exponentiell ansteigt und so wie es aussieht, wird uns das noch eine ganze Weile auch 2021 begleiten.


Grund genug, dachte ich mir, mal den persönlichen Knäuel-(Re)produktions-Faktor und die ureigene WEK = Wolleinkaufskurve unter die Lupe zu nehmen.


Im Rückblick hat sich zuerst alles noch ganz gut angelassen. Der Lockdown kam, die Kisten waren gefüllt. Endlich war der jahrelang feinsäuberlich kuratierte Wollvorrat vulgo Stash zu etwas Nutze. Man hatte Auswahl, man hatte Gelegenheit und man hat natürlich aus dem Vollen geschöpft.

Mit dieser Idee war ich natürlich nicht alleine, in mehr als einem Podcast oder Blog habe ich davon gehört und gelesen, dass es vielen so ging. Da wurde sogar Pläne aufgestellt, nur aus dem Stash zu stricken oder alle angefangenen Arbeiten zu beenden oder einfach nichts Neues zu kaufen, wenn nicht der Wolladen vor Ort wieder aufmacht.


Das ging auch eine Weile ganz gut. Ich habe mit meiner Rest-Deckenwolle eine neue Corona-Quarantäne-Decke begonnen und jeden Tag ein Fleckerl gestrickt. Genug Wolle war ja da.


Aber…kaum war ein bisschen Ruhe eingekehrt, der neue Alltag organisiert, habe ich gemerkt: ich hatte plötzlich auch viel mehr Zeit mir diverse Podcasts neu anzusehen, auf Ravelry zu stöbern und überhaupt erst neue Strickideen zu bekommen.


Und genau dann haben die Wolläden schließlich doch wieder aufgemacht.


Es kam, wie es kommen musste: nichts wie hin, den lokalen Handel unterstützen und natürlich Wolle für viele neue Ideen kaufen. Mit anderen Worten: meine Wolleinkaufskurve ging steil nach oben.  Ich habe geschwelgt. Und meine Pläne, alles erst einmal aufzustricken waren natürlich perdu.


Dann kam der zweite Lockdown und die zweite Runde an Vorsätzen. Wieder wurde brav aus dem Stash gestrickt, alle vorhandenen Projekttaschen mit den dazugehörigen Projekten unter die Lupe genommen und neu sortiert. Aber natürlich war auch wieder Zeit da, in schon schon vorhandenen Büchern und Magazinen zu stöbern. Sehr hilfreich für die Ideenfindung, aber nicht sehr hilfreich für die Entschlusskraft.


Das Weihnachtsfest kam ins Blickfeld, Geschenke (=Wolle) und Wolle für gestrickte Geschenke musste besorgt werden. Nebenbei gesagt - das ist nach wie vor die beste Entschuldigung für den Wollkauf: "Es ist ja nicht für mich selber, sondern für XYZ." Hahaha.


Dann wurden schon Überlegungen für das neue Jahr angestellt, Strickpläne erwogen, über Make Nines gegrübelt, und die neuen Stricktrends unter die Lupe genommen (dicke und leichte Garne, echte und unbehandelte Schafwollgarne, Klützer, Klützer, Klützer). So viele Sachen!!!


Politisch kamen jetzt auch die Brexit-Verhandlungen in der letzten Runde dazu und die Angst vor möglichen neuen und sicherlich viel höheren Portokosten. Der Klickfinger konnte gar nicht anders als ständig unkontrolliert vor sich hinzuzucken. Und so hat die Weltpolitik meine persönliche Strickpolitik beeinflusst. Die Wollkurve stieg und stieg und stieg.


Damit hat sich meine Strickkurve nahezu nahtlos der vorhandenen C-Kurve angepasst. Anstieg, abflachen, neuerlicher Anstieg. Es ist gar nicht so verkehrt, hier von explosionsartigen Stash-Zunahmen zu sprechen. Alles natürlich, um den lokalen und überhaupt den Wollhandel zu unterstützen. Bin ich unverbesserlich?


Jetzt kann mich eigentlich nur noch Mandy retten. Es ist Januar 2021 und ich steige ein bei Mandys Stash-Abbau-Projekt. Alle meine Projekttaschen habe ich in Kisten gepackt und werde sie nacheinander herausziehen und fertigstricken. Das ist der Plan. So lange bis die Kurve wieder flacher ist. Dann wird man weitersehen. Noch bin ich guter Dinge!


Euch allen, liebe Leser, ein wunderbares neues Jahr. Wir müssen uns einfach weiter durchkämpfen - und sei es durch neue Stash-Berge ;-)

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Kapitel 155 - Die Lösung!

 Wenn man sich so durch die Strickwelt klickt in diesen Tagen, wird wieder mal deutlich, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Ich habe ja schon berichtet, dass der Lockdown im Frühling bei mir nicht zu der vorher imaginierten Pulloverflut geführt hat, sondern ganz im Gegenteil mich wieder zu den gerade glücklich verlassenen Deckenfleckerln zurückgeschickt hat. Andere dagegen haben sich quasi selbst übertroffen und massenweise die ganze Familie eingekleidet.

Jetzt hat uns seit einer Weile - zumindest vorerst - der Alltag einigermaßen wieder und da habe ich gemerkt, dass wir so ungleich gar nicht sind. Das Hauptproblem teilen wir doch alle: woher soll die Strickzeit kommen, wenn so viel zu tun ist?

Dabei halte ich mich schon seit Jahren an die Yarnharlot-Regel und fange erst dann widerwillig mit der Hausarbeit an, wenn, wie sie es formuliert, die Katze am Küchenboden festzukleben beginnt. Ich habe gar keine Katze, aber Ihr versteht, was ich meine. Die Wäsche holt mich natürlich immer schneller wieder ein, aber so ist es eben.

Gleichzeitig beginnt natürlich im Herbst die Strickzeit in allen möglichen Medien und man wird geflutet mit den tollsten Anleitungen, die auf die Tapetenrolle wandern (müssen). OK, was also tun? Tja, da habe ich jetzt für mich über Umwege eine coole Lösung gefunden, die mich gerade total begeistert.

Aber der Reihe nach. Zunächst muss man nämlich wissen, dass ich für mein Leben gerne Sachen, von denen ich gelesen habe, ausprobiere. Ich habe schon (vor Corona-Zeiten) extra Urlaub in Thale (im Harz) gemacht, nur weil ich vorher einen tollen Roman von Fontane gelesen hatte, der im Hotel Zehnpfund in Thale spielt. Wir haben dann auch die Wanderungen gemacht, die Cécile und ihr Mann unternehmen und sind zum Forellen-Essen gegangen, weil das im Roman vorkommt. Es war großartig!

Genauso begeistert war ich, als ich bei meinem Metzger des Vertrauens entdeckt habe, dass Pastrami auch hier zu haben ist. Davon habe ich immer nur im Zusammenhang mit coolen Sandwiches aus New Yorker Delis gelesen. Musste ich natürlich gleich ausprobieren. Ist übrigens auch zu empfehlen.

Da verwundert es natürlich nicht, dass ich im Supermarkt folgende Packung kaufen musste, obwohl ich gar nicht wusste, was es eigentlich ist:


Warum hab ich es mitgenommen? Na, weil ich davon gelesen habe. Tapioka-Pudding gab es in meiner Geschichte, und das wollte ich natürlich ausprobieren.

Glücklicherweise ist man heute ja nicht allein, denn keines meiner Kochbücher konnte mir Auskunft geben, aber ein bisschen Geklicke hat geholfen. Man kann daraus einen Milchpudding kochen. Aber dafür, so wurde empfohlen, braucht man ein spezielles Kochgerät, denn sonst brennt alles gleich an. Und zwar dieses hier:


Das ist, wie ich herausgefunden habe, ein Slowcooker. Ein Kochgerät vor allem aus dem englischsprachigen Raum, das zum einen sehr günstig ist - meins hat nicht einmal €50,- gekostet - und zum anderen tatsächlich alleine vor sich hinschmurgeln kann, ohne dass man dabeistehen muss. Die perfekte Lösung also!!!

Ich bereite meinen Kochkram vor, und dann kann ich mich endlich den wesentlichen Dingen widmen. Und niemand aus der Familie kann sich über die ewige Brotzeit - aka kalte Küche beschweren. Haha!

Im Moment hat beispielsweise ein Geschenk für meinen kleinen Patensohn höchste Priorität, mit Stickerei und allem drum und dran:



Das ist die Anleitung Web Spinner (Achtung, das ist ein Ravelry-Link) - sieht super aus, dauert aber ewig. Alles egal, denn mein schlechtes Gewissen ist ein für allemal perdu. Es kommt was Warmes auf den Tisch und ich darf fröhlich weitermachen.

Und weil es so schön ist, habe ich gleich noch ein Projekt angeschlagen. Hier kann man mir nicht mal besondere Perfidie unterstellen, denn erstens, es handelt sich um superdicke Wolle, und zweitens: der Slowcooker läuft schon wieder. 


Ich bin begeistert!