Montag, 21. November 2022

Kapitel 176 - Werden und Wachsen

Also - noch vor kurzem wurde hier das Loblied auf den zweiten Socken/Ärmel/Jackenteil gesungen. Das war auch ganz richtig so, aber: das war bevor man sich entschloss, endlich doch kopfüber loszuspringen in unbekanntes Terrain. Etwas versuchen, was man sich zuvor nicht getraut hatte. Etwas völlig Verrücktes machen.  Wovon ist denn nun schon wieder die Rede?

Von der magischen Abkürzung TAAT - two at a time - also zwei Teile gleichzeitig stricken.

Das ist ja nun kalter Kaffee, werden viele Leser und Leserinnen jetzt rufen, zumal was Socken betrifft. Das weiß schließlich jeder. Eh klar. 

Nachdem alle Sockenmethoden einmal durchprobiert waren: Nadelspiel, magic loop, Minirundnadel, zwei Rundstricknadeln - werden bei mir Socken jetzt tatsächlich so gestrickt, wie's im Moment am besten erscheint. GumGum-Socken mit dem Nadelspiel (aufgepasst, Ravelry-Link), Stinos auf zwei Rundstricknadeln und manchmal eben magic loop, wenn man beide Socken gleichzeitig fertig bekommen will, zum Beispiel im aktuellen Weihnachtsstrickgeschäft.

Projekt: Weihnachtssocken, Anleitung: meine eigene (aufgepasst, Ravelry-Link)

Aber wie das so ist, die große Podcast-Welt inspiriert ja nicht nur, was Projekte und Wolle betrifft. Es werden dabei auch immer wieder Methoden vorgestellt, die ein neues Licht auf das eigene Werkeln werfen. Und es fallen immer wieder ein paar gute Tipps ab, die man gerne auch umzusetzen versucht. Diesmal also: TAAT für zwei Ärmel.

Aber - was??? Zwei Ärmel gleichzeitig??? Das geht doch gar nicht!!!

Die Vorteile liegen natürlich klar auf der Hand. Nur einmal Maschen aufnehmen, das leidige Unterarmloch schließen und die Abnahmen verteilen.

Aus unerfindlichen Gründen konnte ich mir das aber einfach nicht vorstellen. Ich konnte, wie es auf Englisch so schön heißt, "meinen Kopf nicht drumherum wickeln". Man hat doch genug zu tun mit dem einen Ärmel - aufpassen, dass keine Masche abhaut, dass die leidigen Löcher beim Übergang verschwinden, dass die Abnahmen im richtigen Abstand erfolgen. Ich war ja richtig froh, als ich diesen Teil des Pulloverstrickens - top down, versteht sich - endlich verstanden hatte.

Dann aber kam das Thema in meinem neuen Lieblingspodcast Piece4Peace Crafting, den ich als neue Zuschauerin gerade von Beginn an nachverfolge, immer wieder vor. Lustigerweise sogar bei einem Pullover-Strickneuling. Na, dachte ich mir, wenn jemand, der bei einer einstelligen Zahl von fertigen Pullovern ist (merke: ich sehe den Podcast von Beginn an, aktuell Episode 5, mittlerweile sind es natürlich schon viel mehr Kleidungsstücke), dann muss ja was dran sein. Also mutig mein aktuelles Projekt als Versuchskaninchen vorgenommen.

Es handelt sich hierbei um ein Weihnachtsgeschenk für meinen werten Mitbewohner, der endlich wieder auf der Liste stand für einen Pullover.

Also, tief Luft geholt, in die Anleitung geblickt und einfach alle Anweisungen mit einer langen Rundstricknadel nacheinander wiederholt. Und siehe da, unglaublich aber wahr - es klappt.

Projekt: Weihnachtspullover, Anleitung: Single Malt (aufgepasst, Ravelry-Link)

Was wieder einmal beweist, dass es sich bei unserem Hobby eben nicht ums Bombenentschärfen handelt. Was soll denn auch groß passieren? Selbst wenn es ein paar Maschen vom Still-Lege-Faden nicht auf die Nadel schaffen, dann nimmt man sie halt später auf. Auch den Markierer für den Rundenbeginn kann man sich sparen, da beginnt ja die magic-loop-Runde, also kaum zu übersehen.

Und was soll ich sagen? Es klappt bestens und ich bin begeistert. Es hilft sogar beim Strickflow, weil man das Strickstück insgesamt nicht mehr so häufig hin- und herwenden muss, sondern in Ruhe erst einmal beide Rundenhälften abstrickt. Ich bin bekehrt!

Der einzige Nachteil, und den habe ich in meiner neuen messianischen Begeisterung wirklich nicht bedacht: ich stricke mit zwei zusammengehaltenen Fäden. Das heißt also für meine TAAT-Ärmel muss ich vier verschiedene Wickel-Bobbel managen. Und Nicht-Superwash-Garn hat ja so eine charmante Tendenz sich ineinander zu verwirren. Tja...

Aber solche Kleinigkeiten halten mich jetzt nicht mehr auf. Das Garn ist super und wie man sieht, fehlt ja nicht mehr viel. (Garn-Empfehlung: Frankenwolle aufgepasst, Ravelry-Link)

Es grüßt ein neuer Strickmensch. Ärmel, ich komme.

Samstag, 10. September 2022

Kapitel 175 - Fangirling

Ichauch, ichauch, ichauch!!! So müsste sich der verehrte Leser, die verehrte Leserin meine Wenigkeit vorstellen, bevor man sich in den Sommerurlaub verabschiedet hat.

Was war los? Na klar, nichts weniger als der endgültig gefasste Plan, auch mal das wieder stattfindende DÜSSELDORFER WOLLFEST zu besuchen. Man verzeihe an dieser Stelle die Großbuchstaben, aber die Aufregung war groß. Sehr groß!

Die Durchführung selbigen Planes war dann gar nicht so schwer, hatte sich die Familie doch für einen Urlaub in Mitteldeutschland entschieden. Wir waren in Magdeburg stationiert, also ging es nur einmal quer durchs Land hinüber. Mit der Bahn natürlich.

Tja, gebucht - geflucht, wie es so schön heißt. Der Zug endete überraschend in Duisburg mit 90 Minuten Verspätung und dem Bescheid: "Alles raus, sehn'Se mal zu, wie Sie selbst weiterkommen." Selten so gelacht!

Aber zum Glück war man ja im Urlaub und voller Vorfreude, da steckt man doch solche kleinen Widrigkeiten eher locker weg.

In Düsseldorf waren zum Glück die Zimmer noch reserviert und hatten eine sehr dringend notwendige funktionierende Dusche. Tro-pi-sche Temperaturen!

Dann, am selben Abend natürlich noch den Tatort ausspioniert, damit man am Morgen auch ja nicht zu spät kommt und sich womöglich noch verläuft. Nee, nee, gute Vorbereitung ist alles.

Das funktionierte so prächtig, dass wir am nächsten Morgen sogar einer Dame den Weg weisen konnten, die uns angesichts der eindeutig erkennbaren Strickbekleidung richtig als Wollfestbesucher identifiziert hatte und sich uns an der U-Bahn-Station bereits anschloss. Ich fürchte, sie war nicht so begeistert, als sie hörte, dass wir eigentlich aus dem tiefen Süden sind, denn sie brummelte ein bisschen ärgerlich, dass sie jetzt tatsächlich 'Auswärtige' um Orientierungshilfe bitten musste, wo sie selbst doch mal in Düsseldorf gewohnt hatte… Hierzu verkneife ich mir mal einen netten Kommentar. Das dazugehörige Grinsen aber nicht.

Jetzt nur noch 30 Minuten in der Warteschlange und in der Sonne brutzeln und dann aber nichts wie rein ins Vergnügen.

An dieser Stelle erfolgt jetzt kein detaillierter Bericht, diesen kann man sehr viel schöner und anschaulicher den diversen kompetenten Strick-YT-Helden und Heldinnen überlassen.

Aber soviel sei gesagt: nach der langen Vorfreude, der komplizierten Anreise, dem Anstehen und der Hitze war ich komplett erschlagen. Vom Angebot (riesig), den Menschen (Massen) und dem Wetter (tropisch).

Wie belämmert bin ich zwischen den Ständen hin und hergeeiert und wusste gar nicht mehr, was ich dort eigentlich wollte. Was hatte mich denn da geritten? Wolle im August?

Zum Glück gab's dagegen Kaffee und die hübschen Rheinterrassen, an denen man sich ein bisschen verschnaufen konnte. Wir haben uns für eine Weile ganz locker auf die Mauer gequetscht und erstmal die Beine baumeln lassen.

Bei der zweiten und dritten Runde hat sich dann die Einkaufsliste, die wir uns vorsorglich im Zug angelegt hatten, als hilfreich erwiesen. Tolle Wolle besorgt, Atmosphäre genossen, alles gut also.

Aber dann endlich das Highlight: Kiko live! Aus meinem Lieblingspodcast. Die mich schon seit der ersten Stunde zuverlässig montags positiv in die Woche starten lässt! Wie cool ist das denn?

Zuerst haben wir sie nur heimlich bewundert, schließlich will man den Leuten beim eigenen Bummeln nicht auf den Wecker gehen. Aber dann, am Stand der Grünen Socke, endlich doch angesprochen. Schließlich war ich vorbereitet und hatte auch ein paar Sockenpaare zum Abgeben mitgebracht.

Was für ein Fangirl-Moment! Sie hat sich Zeit genommen, hat ihr tolles neues Tuch gezeigt und wirklich ein bisschen mit uns über ihre Stricksachen geplaudert. Ich bin mehr als ein paar Zentimeter über dem Boden geschwebt. In echt.

Da konnte dann nicht mehr viel kommen.

Daher nur noch schnell eine hübsche Tuchnadel ausgesucht und dann Richtung Eisdiele aufgebrochen. Es war ein toller Tag!

Nächstes Jahr wieder? Mal sehen, mal sehen. Ich hab den Wetterbericht (und die Bahn) im Blick!


Mittwoch, 1. Juni 2022

Kapitel 174 - Ein Hoch auf den zweiten

Das Strickuniversum hat mehrere Mysterien für uns parat. Da gibt es zum einen die unterschiedlichen Stricker-Kategorien. Schon sehr früh, so heißt es, entscheidet sich, ob man ein Projekt-Stricker oder ein Prozess-Stricker ist. Strickt man also, um das verflixte Teil endlich anziehen zu können, oder strickt man, um die Welt und alle Ärgernisse darin im Maschenzählen einfach zu vergessen?

Ein mindestens ebenso verwurzelter Glauben ist die Tatsache, dass der zweite Socken oder der zweite Ärmel einfach nur SCHRECKLICH sind. Auf Englisch gibt es sogar den Begriff des Sleeve Island, also eine einsame Insel, die man nicht verlassen kann, weil ja am Pullover-Stricken die Ärmel den schlimmsten Teil darstellen, der am längsten dauert, weil man ihn am häufigsten aufschiebt. Und so weiter, und so weiter.

Beim Sockenstricken ist es natürlich die zweite Socken, die allen Unmut auf sich zieht und bei der das Stricken weniger aus Erholung, sondern vielmehr aus gähnender Langeweile besteht.

Auf diversen Kanälen werden diverse Litaneien zu diesem Thema heruntergebetet, wieder und wieder, sodass ich mich an dieser Stelle gerne mit einem positiven Perspektivenwechsel einschalten möchte.

Vorab natürlich - warum wird überhaupt so viel Zeit darauf verwendet, die schlechten Seiten des eigenen Hobbys zu beklagen? Das habe ich ja noch nie verstanden. Wahrscheinlich geht es dabei aber um ein ganz natürliches Gemeinschaftsgefühl. Wenn sich alle drüber beschweren, dann muss/will/darf ich ja wohl auch mitmachen.

Wichtiger ist mir aber die Gegenposition. Das Ganze speist sich gerade im Moment auch aus einer Beinahe-Fluchover-Erfahrung mit meinem letzten Pulli.

Zuerst wurde der Ärmel nach Anleitung gestrickt. Zu eng.

Dann wurde der Ärmel gerade heruntergestrickt. Überraschung - zu weit.

Dann endlich, ab Ellenbogen doch Abnahmen gearbeitet, was schließlich und endlich doch dazu führte, dass der Ärmel genau so geworden ist, wie er sein sollte und der Trägerin auch bestens gefällt. Der ganze Ärmel war also drei Mal fast komplett gestrickt worden, bis er endlich fertig war.

Und damit ab zum zweiten Ärmel.

Jetzt müsste also das große Jammern einsetzen. Wie langweilig. Wie lange dauert das denn noch, etc.

Aber mitnichten. Denn beim zweiten Ärmel entfaltet sich doch recht eigentlich wieder die Herrlichkeit eines entspannenden Hobbys. Schließlich hatte ich mir ja ausführliche Notizen zum ersten Versuch gemacht, genügend Maschenmarkierer in den Ärmel gesteckt und alle Reihen mitgezählt, sodass der zweite Ärmel Erholung pur war. Einfach nur die Reihen abhaken und schwupp-di-wupp war alles fertig.

Genau so ist es üblicherweise beim zweiten Socken. Vor allem dann, wenn eine neue Anleitung ausprobiert wird. Hat man beim ersten Mal noch Schwierigkeiten herauszufinden, wie das Muster am besten aufgeht, so geht alles beim zweiten Mal ganz flott von der Hand.

Deswegen würde ich, denke ich, auch niemals den zweiten Socken nicht direkt im Anschluss stricken. Wenn sich da ein Projekt dazwischen schiebt, dann stehe ich nämlich wieder am Anfang und weiß nicht mehr genau, wie ich's am Ende gemacht habe. Dann wird alles unter Umständen doch zum Albtraum.

Da ist es also, das Hoch auf den zweiten Ärmel, auf den zweiten Socken, etc. Die zweite Runde geht viel schneller als die erste und eh man sich's versieht, ist man schon fertig damit.

Wenn's doch aber gar nicht klappen will mit der Motivation, dann gibt es schließlich für die ganz Verzweifelten natürlich noch den ultimativen Überlebenstipp:

Bei allen ähnlichen Teilen: zwei Jackenvorderteile, zwei separat gestrickte Ärmel, etc. -> Immer gleichzeitig mit zwei Knäueln anschlagen. Dann sind erstens alle Abnahmen und Zunahmen mit Sicherheit in derselben Reihe und exakt gleich und zweitens am Ende auch beide Teile auf einmal fertig. Dann kann man sich die Jammerei erst recht sparen. Das ist doch was!

Montag, 25. April 2022

Kapitel 173 - Der Fluchover

Sieht unschuldig aus, hat es aber in sich: der Fluchover

Es heißt ja, es gebe diverse Heilige bzw. Gottheiten, deren einzige Aufgabe es ist, auf diejenigen Leute aufzupassen, die einem bestimmten Hobby frönen. Kaissa sorgt als Schachgöttin dafür, dass die Partie gewonnen wird, Petrus wird im Anglergruß um einen großen Fang gebeten. Da ist es natürlich auch durchaus möglich, dass es eine Strickgöttin gibt, die entweder wohlwollend oder strafend auf unsere Bemühungen blickt. Um das Ergebnis schon mal vorwegzunehmen: Ich glaube dran.

Wie bereits berichtet, versuche ich ja seit ein paar Jahren, diese Göttin milder zu stimmen, indem ich eine kleine Strickerin heranziehe, die auch bereits über beachtliche Fähigkeiten verfügt. Nur als zuletzt einen Pullover stricken wollte, hat mir die Strickgöttin offensichtlich aus irgendwelchen Gründen ihre Gunst entzogen.

Was war los?

Es begann mit einem traurigen Moment, dem man aber eine positive Seite abgewinnen konnte: unser lokaler Strickladen musste schließen. Da wird man also ganz traurig und rafft sich dann auf, um vielleicht das eine oder andere Schnäppchen zu erwischen. So auch meine kleine Strickerin. Ich hab ihr ein bisschen Geld gegeben, und sie durfte sich ganz allein aussuchen, was sie wollte. Sie kam zurück mit einem babyblauen schmuseweichen Teddygarn. Soweit so gut.

Es sollte ein Pullover werden, und zwar am liebsten ein Pullover mit Zöpfen. Naja, dachte ich, Zöpfe sind ja gut und schön, aber vielleicht nicht zu viele und auch mit einer schönen großen Nadelstärke, weil ein solches schmuseweiches Teddygarn ja überhaupt kein Spiel hat und sich kaum manipulieren lässt. Und schließlich sind ja Hinweise dieser Art durchaus Teil der Strickerziehung.

Also: zuerst eine Maschenprobe. Zur Not auch eine längere, damit man einige Nadelmöglichkeiten durchprobieren kann.

Soweit so gut.

Welche Anleitung? Auch kein Problem, dachte ich, wir versuchen wieder den genialen Raglanrechner von Thorsten Duit. Das hat bereits mehrfach geklappt, warum diesmal nicht.

Ja, warum eigentlich nicht?

Maschenprobe ausgezählt, der Rechner hat alles ausgerechnet und los ging's.

Erster Versuch: Ausschnitt viel zu klein. Und wenn man das Bündchen einfach weglässt? Trotzdem. Jedes Mal, wenn man den Pulli überwirft, säbelt man sich fast die Ohren ab. Geht leider so nicht. Bitte zurück auf Anfang.

Zweiter Versuch: Vorder- und Rückenteil sowie Ärmelmaschen markiert. Es geht los. Bitte aufpassen an den Raglanschrägen - hier sollen kleine Zöpfe hinkommen, deren Verzopfungsschema nicht mit den Raglanzunahmen korrespondiert. Aufpassen!




Wir spulen vor: Raglanzöpfe funktionieren, aber der dicke Zopf am Vorderteil wird plötzlich sehr fest und gar nicht mehr so locker wie in der Maschenprobe. Aha: auch der große Zopf am Vorderteil hat ein ganz eigenes Verzopfungsschema, auf das man achten sollte. So geht es leider auch nicht.

Diesmal Rettung durch eine Operation am offenen Herzen: also alle Zopfmaschen fallen lassen und nacheinander wieder - richtig verzopft - hochstricken. Hier lernt man Geduld und Durchhaltevermögen angesichts eines Herzschlags direkt im Hals. Eigentlich unglaublich, dass man das überleben kann.

Fußnote: Vor vielen Jahren habe ich einmal in YarnHarlots Blog über eine solche Zopf-Errettung gelesen und mir nur gedacht - die spinnt ja. Also auch hier die positive Seite: offensichtlich spinne ich inzwischen auch.

Dann, endlich der große Moment: Abtrennung von Ärmel und Körpermaschen. Jetzt kann man den Pullover auch wirklich anprobieren. Aber was stellt sich plötzlich heraus? Offensichtlich wurde ganz zu Beginn falsch gemessen oder die Maschenprobe hat sich heimlich verändert. Denn: der Pullover bedient eindeutig den Litfaß-Säulen-Look. Anders gesagt: in diesen Pullover passen meine kleine Strickerin sowie meine kleine Nichtstrickerin beide locker hinein. Geht also auch nicht.

An dieser Stelle des Abenteuers bekommt der Pulli den Titel Fluchover. Irgendetwas stimmt nicht. Das Projekt ist verflucht, die Strickgöttin verärgert und wir in der totalen Ungnade. Was tun?

Es hilft ja nichts. Dritter Versuch: alles wieder aufgetrennt und noch einmal neu begonnen. Und sogar noch einmal neu ausgerechnet. Schließlich hatten wir ja mit der fertigen Passe eine riesengroße Maschenprobe, die man doch bitteschön auch richtig auszählen kann.

Zur Belohnung gibt es den Neubeginn dann aber mit neuen Knäueln, weil ein zurückgeribbeltes Teddy-Schmusegarn sich nicht wirklich noch einmal so hübsch verstricken lässt.

Diesmal klappt die Raglanschräge, alle Zöpfe machen mit und auch die Ärmelabteilung klappt. Aber: der Körper hat immer noch viel zu viele Maschen. Warum, warum, warum? Da hilft nur eines: zügig abnehmen in den ersten Runden.


Was ich ja sonst vermeide wie die Pest, musste diesmal sein. Ich nahm meiner kleinen Dame das Strickzeug aus der Hand und strickte die ersten Runden selbst, bis man wieder bei einem vernünftigen Abnahmerhythmus angekommen war. Das wäre doch gelacht, wenn wir jetzt auf den letzten Metern aufgeben würden.

Und schließlich: der Pulli wurde doch fertig, er passt, er sieht gut aus und ist genau so geworden, wie die kleine Dame ihn geplant hatte.



Vielleicht war es also einfach eine (wirklich schwere) Prüfung der Strickgöttin?

In diesem Hause jedenfalls behält das gute Stück seinen Namen: es ist und bleibt der Fluchover. Hoffentlich löst ihn kein anderes Projekt jemals ab!


Montag, 7. Februar 2022

Kapitel 172 - Das große Kuddelmuddel

Die Schonung des Handgelenks hat ihren Dienst getan, und ich krabbele so langsam aus der Nicht-Stricken-Dürfen-Phase.

Diese hatte ich ja, um der Versuchung auch wirklich zu widerstehen, damit eingeleitet, dass ich alle meine Projekte feinsäuberlich verstaut und versteckt habe, damit ich sie ja nicht ansehen muss. Und vor allem, damit die Projekte mich nicht vorwurfsvoll anstarren müssen.

Aber jetzt, jetzt habe ich so langsam eins nach dem anderen hervorgekramt. Und da ist mir natürlich auch wieder der Orchideja-Pullover begegnet, den ich nach langem Hin- und Herüberlegen im letzten November endlich doch angeschlagen hatte. Ein ganzer Pullover, in Runden, in der Intarsientechnik. Ja, bin ich denn verrückt??? Offenbar!



Die erste Aufgabe war ja noch ganz überschaubar.  Fäden von 10m Länge abschneiden. Es tat mir zwar ein bisschen Leid, mein schönes Garn so zu zerschnipseln, aber OK.

Das Halsbündchen stricken, sogar doppelt gelegt, kein Problem. Aber dann, in der ersten Runde 12x4 verschiedene Fäden einstricken - da sah die Sache schon ganz anders aus.

Zuerst bin ich der Anleitung der Designerin gefolgt - siehe in diesem Video (ab Minute 21:14). Aber das ist ein perfektes Rezept für einen Herzkasperl, wie wir hier im Süden sagen. Die ersten Runden gingen ja noch, aber dann?

Noch dazu waren zwei meiner Garne etwas dünner und empfindlicher als die anderen, das bedeutet also, dass sie beim Herausziehen auch mehr gelitten haben und ein bisschen unansehnlich wurden. Noch mehr Herzkasperl.

Da musste also eine andere Lösung her. Ich habe es dann mit kleinen Pappstückchen versucht, um die ich meine Wolle gewickelt habe. Viel zu schwer! Da wurden meine Maschen regelrecht nach unten gezogen.

Schließlich bin ich auf kleine Wollknäuelchen ausgewichen, die man um Zeigefinger und Daumen wickelt. Oder um die Hand, so wie hier.

Merke, Intarsien-Stricken verlangt einem Einiges ab.

Als es dann richtig losging, war das Kuddelmuddel fertig:




Die Rundpasse hat 81 Runden, aufgehört hatte ich im Dezember bei Runde 28. Du liebe Güte. Da hilft nur Reihe für Reihe abstreichen.



Mittlerweile ist die Rundpasse aber fertig, und ich habe Einiges gelernt, was ich Euch nicht vorenthalten will.

  1. Man lernt Geduld. Eine ganze Masse davon. Denn Intarsien-Stricken geht super-langsam. Langsamer als langsam, weil man ja immer wieder seinen 'Garnsalat' (O-Ton der Designerin) sortieren muss.
    Aber es geht eben doch voran. Auch das langsamste Projekt wächst.
  2. Das Projekt eignet sich nicht zum Herumschleppen, sondern sollte möglichst an einem Ort belassen werden. Dann kann man es vorsichtig aufheben und wieder hinlegen. Ich möchte mir nicht ausmalen, was eine Projekttasche, und sei sie auch noch so schön, da angerichtet hätte.
  3. Wenn man nach ein bisschen Verkreuzen, das Strickstück festhält und ein bisschen schüttelt, dann entwirren sich die kleinen Knäuelchen recht schnell.
  4. Beim Wickeln der kleinen Knäuelchen nicht am Garn sparen. Mir sind an ein paar Stellen die 10m-Fäden ausgegangen, und ich habe die neuen kleiner gemacht, ohne zu berücksichtigen, dass die Passe-Zunahmen mehr Garn verbrauchen werden. Ergebnis: ich muss deutlich mehr Garnenden vernähen, als es hätten sein müssen. Das kann man vermeiden.
  5. Noch ohne Gewähr: beim Verkreuzen der Fäden lieber ein bisschen fester anziehen als zu locker lassen. Wenn der Pulli später gebadet wird und sich die Maschen entspannt hinlegen, dann sind hoffentlich keine Lücken da.

Tja, und schließlich: es ist nicht mein erstes Projekt mit Chart, aber mit Sicherheit war keines darunter, bei dem ich so viel Freude hatte, die einzelnen Zeilen abzuhaken. Was für ein Erfolg!



Und dann erst der Kick, wenn man mit einzelnen Farben fertig ist, und sich die kleinen übrigen Knäuelchen am Arbeitsplatz häufen und nicht mehr an der Nadel herumbaumeln. Yay!



Fazit: Alles wird gut. Meine Souvenirgarne, heiß geliebt und teuer erstanden, sind in einem Projekt untergebracht, das allem Anschein nach wirklich fertig werden wird. Jetzt muss nur noch der Besuch beim Düsseldorfer Wollfest klappen!


Samstag, 29. Januar 2022

Kapitel 171 - Von der Not und der Tugend

Knapp drei Wochen habe ich es jetzt ausgehalten, aber nein, ganz ohne Stricken? Das geht ja gar nicht. Da können noch so viele Leute (aka Ärzte) sagen: "Geben's halt ein bisschen Ruhe. Hören's halt auf mit dem Stricken." Nein, das geht leider nicht. Da wird man ja verrückt.

Was habe ich also getan? Erstmal die lokale Apotheke leergekauft, Schmerzgel forte und einen Riesenpack Sport Tape.

Dann ran an YT und Videos gesucht, die mir erklären, wie man denn nun mit dem Tape umgeht. Und natürlich fleißig zweimal täglich das Wundergel aufgetragen. Hoffentlich hilft's.

Aber am Allerwichtigsten: ich habe mein Stricken umgelernt.

Denn es ist tatsächlich so, dass die verflixte linke Masche schuld ist. Bei dieser Masche nämlich, so hat es sich herausgestellt, wackle ich offenbar gehörig mit meinem linken Handgelenk hin und her, bis sie dann endlich fertig gestrickt und durch die alte Masche gezogen auf die rechte Nadel wandert. Genau das aber geht mir offenbar auf's Gelenk. Mit besonderem Vergnügen offenbar bei kleiner Nadelstärke.

Bei Frau Litzi habe ich dann noch vor Weihnachten gesehen, dass sie offenbar gelenkschonender mit der so genannten osteuropäischen Strickweise arbeitet. Also die linke Masche anders wickelt, sodass die rechte Masche der nächsten Reihe verkehrt bzw. verschränkt auf der Nadel liegt.

Auch Daniela Johannsenova strickt auf diese Weise. Das sieht zwar einfach aus, aber da wird die Umgewöhnung noch etwas dauern, das weiß ich genau. Das Stricken ist einem ja doch über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen - Stichwort muscle memory - und jetzt wieder über jede Masche nachdenken? Mal sehen, ob mir das gelingt.

Was ich allerdings schon vor einer Weile angefangen habe zu üben, einfach weil ich wissen wollte, ob ich das fertig bringe, kommt mir jetzt tatsächlich überraschend gelegen.

Das Stricken auf die englische Art.

Aus zugegebenermaßen sehr eitlen Angebergründen, wollte ich ja schon immer mal in der Lage sein, beim Jacquard-Stricken mit beiden Händen gleichzeitig jeweils einen Faden zu führen. Hauptfarbe auf links, Kontrastfarbe mit rechts. Das sieht so ultra-cool und professionell aus! Und geht offenbar so fix. Und nochmal: es sieht einfach obercool aus.

Damit könnte man sogar diejenigen miesepetrigen Zweifler überzeugen, die Stricken immer noch für langweilig halten. In beiden Händen je einen Faden und daraus ein Textilstück zaubern? Sensationell!

Aber leider: meine Versuche in dieser Richtung waren nie von Erfolg gekrönt. Ganz im Gegenteil, es gab ein ganz schreckliches Kuddelmuddel auf beiden Nadeln, von der richtigen Fadenspannung ganz zu schweigen. Da fehlt also noch einiges zur sensationellen Perfektion.

Daher habe ich den zweifarbigen Versuch schnell wieder aufgegeben und weiter tapfer bei Fairisle-Mustern mit beiden Fäden über dem linken Zeigefinger gewerkelt. Klappt auch, Spannung passt, aber es sieht halt dann nicht so toll aus. (Das Stricken meine ich, nicht das Strickstück)

Aber gleichzeitig habe ich begonnen, immer wenn ich an irgendeiner Stelle in einem Strickstück eine lange Phase glatt rechts vor mir hatte, zu versuchen, ein paar Maschen englisch zu stricken. Also den Faden mit rechts zu führen. Einfach nur, um das Auszuprobieren und ein bisschen zu üben.

Was soll ich sagen? Das Tempo war natürlich grauenhaft langsam, aber wenn man dabei bleibt, dann verändert sich das. Ich bin nach ein paar Monaten über einigermaßen schneckenhaft bis auf das Niveau 'respektabler Anfänger' gekommen. Gar nicht so übel.

Und dann kam mir mein lädiertes linkes Handgelenk dazwischen. Genau zur Geschenke-Strickphase, in der einige Socken noch auf ihre Fertigstellung warteten.

Vielleicht, vielleicht, dachte ich, geht das das ganze Stück ja schon mit rechts. Ganz vorsichtig also, Nadel in die erste Masche gesteckt, dann den Faden um die Hand geschlungen, den rechten Zeigefinger zum pünktlichen Herumschlingen des Garns bereitgehalten und los ging's.

Mit angehaltenem Atem eine Runde an einem Socken zu stricken, das war ja schon viele Jahre her. Ich bin also wieder ein echter Neuling. Aber das Tolle ist:

Es klappt! Mit sechsfacher Sockenwollstärke ist es sogar noch etwas einfacher. Natürlich dauert es ungefähr doppelt so lange wie zuvor, aber es funktioniert! Hurra! Hurra!

Das bedeutet für mich in meiner schmerzvollen Jammerphase natürlich vor allem - ich kann wieder stricken! Stress ade!

Es sind freilich nur kleine Projekte möglich, die Fadenspannung ist immer noch viel zu fest, aber es geht voran! Ich stricke wieder!

Sonntag, 9. Januar 2022

Kapitel 170 - Die Weihnachtsüberraschung

OK, ich gebe zu, das Thema ist schon wieder ein wenig in den Hintergrund gerückt, aber die Auswirkungen sind immer noch zu spüren, und zwar in beide Richtungen.

Gehen wir also ein bisschen zurück und sehen wir nach.

Im Dezember 2021 ist mir dasselbe passiert wie allen Strickerinnen und Strickern auf der Welt. Der Advent hat mich völlig überrumpelt und plötzlich waren alle Vorsätze dieses Jahr auf einmal über Bord geworfen.

Das ist mein Hobby, Stricken dauert sehr lange, und ich stricke nur für mich? Das alles gilt genau elf Monate lang - im Dezember gelten plötzlich völlig andere Regeln.

Die Vlogosphäre wird geflutet von Geschenkideen. Ein Youtuber nach dem anderen zeigt seine Geschenke, seine Geschenkideen, seine Stricküberraschungen und es dauert nicht lange, bis man auf einmal selbst eine kleine Liste anlegt.

Vielleicht doch ein Paar Socken für die Schwester? Ein Paar Handschuhe für die kleinen Neffen? Und eh man sich's versieht, wird die Tapetenrolle länger und länger. Die eigenen Projekte werden nach hinten verschoben und der Schreibtisch füllt sich mit halb begonnenen Kleinprojekten, die schnell noch fertig werden müssen, denn der Weihnachtsabend nähert sich wie jedes Jahr mit Riesenschritten.

Tja, und dann besucht man seine Eltern, schlendert ein bisschen ziellos durch das Handarbeitszimmer (meine liebe Mutter ist Patchworkerin und hat nach Jahren endlich Platz für ihr Hobby) und findet eine geheimnisvolle Tüte.

Das war drin:





Eine halbfertige Häkeldecke in Blockstreifen. Wenig überraschend war es auch einmal ein Weihnachtsgeschenk gewesen, aber dann hatte sie die Häkellust - neudeutsch Mojo - verlassen.

Ursprünglich sollte es eine kleine Kniedecke werden, aber so weit kam sie nie.

Auch ein zweiter Versuch mit ein paar Granny Squares brachte nicht den gewünschten Erfolg:



Damit war's natürlich sofort um mich geschehen.

  1. Eine Kniedecke ist tatsächlich das perfekte Geschenk für einen Mann (= meinen Vater), der mehr und mehr Zeit mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen verbringt.
  2. und - sind wir mal ehrlich - noch wichtiger: Das war die perfekte Entschuldigung für mich, doch endlich am Decken-KAL von Kikos Strickschule mitzumachen - die Optic Blanket.

Das ganze vergangene Jahr über habe ich jede Woche den Fortschritt dieser Decke im Podcast bewundert, bin aber doch stark geblieben. Nicht noch eine Decke anfangen. Erst die eigenen Projekte beenden. Eine gestrickte Decke? Das schaffe ich ja nie.

Aber jetzt: eine Kniedecke? Das kann ich doch schaffen.

Mit Kikos Tutorial war das erste Fleckchen schnell gestrickt:



Tja, und dann war ich nicht zu halten. Die Farben passten super zusammen für einen wirklichen Op-Art-Effekt und das Aneinanderstricken der Fleckchen hat so viel Spaß gemacht! Keine Nähte!

Es stand viel weniger Dunkelblau als Creme zur Verfügung, aber für zwölf große Flecken hat es noch gereicht. Und mit einem breiten Häkelrand wurde die Decke groß genug:



Das perfekte Geschenk!

Wenn nur der zweite Effekt nicht wäre. Ganz entgegen meiner Planung habe ich also im Dezember non-stop gestrickt. Weil die Decke natürlich einen festgeschriebenen Liefertermin hatte und weil das Stricken so viel Spaß gemacht hat.

Dafür muss ich im Januar jetzt leider Pause machen. Das Handgelenk macht sich bemerkbar und ist wieder mit Stulpe und Dehnungsübungen ruhig gestellt.

Aber dann habe ich wenigstens Zeit meine Tapetenrolle für 2022 zu überdenken! Es ist Januar und wenn gestrickt wird, dann wieder nur für mich. Bis zum nächsten Dezember wahrscheinlich ;-)