Montag, 20. September 2021

Kapitel 166 - Von der Evolution

Einer der schönsten Nebeneffekte unseres kreativen Hobbys ist die Beobachtung der eigenen Veränderung.

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ich mich lange in der Sockenecke getummelt habe und von dort aus nur wenige zaghafte Ausflüge zu Mützen, Schals und Handschuhen unternommen habe. Und "lange" bedeutet wirklich lange. Wir sprechen hier von Jahren, aber eben auch von Socken in allen möglichen Formen und Farben: toe-up, top-down, Jacquard, Ajour, Zopfmuster, etc., etc.


Es hat also ganze Weile gedauert, bis ich mich an Pullis herangetraut habe. Da hat es - leider - auch nichts geholfen, dass genügend Unterstützung da gewesen wäre. Wenn man sich irgendwie nicht traut, dann klappt's eben nicht.


Die Gründe waren aber natürlich auch nicht von der Hand zu weisen:

Was ist, wenn's nicht passt?

Was ist, wenn ich es anders will?

Was ist, wenn das Garn sich nicht mehr auftrennen lässt?


Wenn man weniger Zuversicht und eben auch weniger Wissen hat, dann scheut man die Ausgaben für eine Pullovermenge durchaus. Bei einem Paar Socken, das nix wird, hat man nur ca. €10,- in den Sand gesetzt. Und nicht womöglich das Zehnfache.


Mittlerweile ist der Schritt zur Oberbekleidung bekanntermaßen vollzogen und während ich einen Pulli stricke, habe ich im Kopf schon den nächsten angeschlagen.


Soweit, so gut also. 


Natürlich ist es aber immer noch so, dass auch Pullover manchmal nichts werden. Entweder, man hat die Anleitung nicht ganz kapiert, oder die Anleitung passt nicht zur eigenen Art des Strickens oder die Anleitung und die Wolle gehen nicht zusammen.


Ein paar Änderungen traue ich mir mittlerweile selbst vorzunehmen, andere lasse ich dann eben sein. Und wie bereits schon mehrfach erwähnt: diejenigen Ungenauigkeiten, die man vom galoppierenden Pferd aus nicht sieht? Die stören mich nicht.


Und genau diese Auffassung betrifft die neue Veränderung. Es gibt offensichtlich Dinge, die doch stören. Und wie!


Gehen wir ein paar Jahre zurück, zum Hype um das Soldotna Crop. Hat jeder gestrickt, völlig klar, und damit auch ich.


Das erste Problem, die Länge, war leicht zu regeln. So viel Erfahrung war schon vorhanden, dass ich gemerkt habe, die super-cropped Länge ist nix für mich und meine Figur, da geht noch was.


Das zweite Problem, das sehr bald nach Erscheinen der Anleitung in der Strickwelt kursierte - der enge Halsausschnitt - war weniger leicht zu kurieren.


Aber man hat ja nicht umsonst verschiedene Bewältigungsstrategien zur Hand:

  1. das galoppierende Pferd (s.o.)
  2. die Verdrängung
  3. die Gewöhnung


Und genau an dieser Stelle folgt der evolutionäre Schritt, den ich zu meiner eigenen Begeisterung vollzogen zu haben scheine. Der Halsausschnitt nervt mich. Er nervt total! Also: weg damit!


Obwohl das bei einem top-down Pulli natürlich ein bisschen umständlich ist, geht es eben doch. Auftrennen, Maschen aufnehmen und mit einer höheren Maschenzahl wieder abketten. Passt.



Zurück zum ersten Problem. Auch die von mir bereits angefügten Zentimeter sind noch nicht genug, der Pulli einfach nicht lang genug. Also neu ausgemessen, Bündchen aufgemacht und Maschen wieder aufgenommen. Ich stricke jetzt bis zum Hüftknochen, basta.



Was für ein evolutionärer Schritt und vor allem: was für eine innerliche Befreiung!!! Eine Anleitung, auch die einer namhaften Designerin, ist nur ein Vorschlag. "Ich bin der Boss meines eigenen Projekts", wie Elizabeth Zimmermann ja schon immer wusste!


Mit diesem neu gewonnenen Selbstbewusstsein werde ich mich jetzt gleich an mein ältestes Nerv-Stück wagen, eine Jacke aus einem Volkshochschulkurs zum Thema 'Kleidungsstücke top-down gestrickt'.



Coole Sache, zum ersten Mal von oben im Stück gestrickt. Aber: die mit verkürzten Reihen von oben eingestrickte Armkugel war nie so, wie ich es mir gewünscht hätte. Art der Jacke, Muster, alles zu verbessern. Außerdem und extra nervig - die rechte Seite sieht anders aus als die linke. Bäh!




Nicht mehr mit mir!


Jetzt geht es mit mir und dem evolutionierten Ich direkt zurück zu den Knäueln. Und mit denen stricke ich dann die Jacke meiner Träume.


Völlig klar!


Sonntag, 5. September 2021

Kapitel 165 - Analog versus digital

Morgen? Morgen bin ich dran? Habe ich wirklich 'morgen' gesagt in meinem letzten Beitrag? Ich denke schon.

Aber wie meine Schwiegermutter schon immer sagte - und auch ich hier schon mehr als einmal geschrieben habe - "plane nicht im Vorhinaus - es wird nichts draus."


Was ist also passiert?

Eigentlich ganz einfach. Eines Abends spät hat mir ein Blick auf den Internet-Router kein einziges Blinklichtlein angezeigt. Das Umstecken auf eine andere Stromquelle brachte nichts - der Router war komplett hinüber.


Und damit das Internet weg.


Vom Kundendienst der Telekom will ich hier gar nicht reden, jeder kann sich vorstellen, wie es ist, wenn man 15 Leuten quer durch Deutschland nachtelefoniert und kein einziger weiß, was der andere schon veranlasst hat. Allein meine im System gespeicherte Handynummer ist über 20 Jahre alt und wurde schon von mehr als fünf Mitarbeitern geändert, inklusive dem Mann im Telekomshop. Alles umsonst. Wie ein Phoenix aus der Asche taucht immer wieder die alte Nummer auf, auf der mich natürlich niemand erreichen kann.


Aber genug davon. Die Prognose war: Kabel im Boden kaputt (Blitzschlag), der Bautrupp muss kommen und alles reparieren. Geschätzte Dauer der Aktion: 14 Tage.


Kleine Fußnote dazwischen: der schnell verschickte so genannte Funkwürfel, der für Internetzugang in der Zwischenzeit sorgen sollte, hat natürlich nicht funktioniert. Siehe Kundenberater oben.


Nach dem ersten Schock hat man sich also notdürftig damit abfinden müssen. Das ist jetzt 'die' Gelegenheit für das Aufräumen des Kellers, und schließlich - man hat ja noch sein Strickzeug.


Damit werden doch die einsamen Abende zu füllen sein.


Aber, und das war die große Überraschung für mich, das ist gar nicht so einfach.


Wenn man sich freiwillig in eine digitale Pause begibt, so habe ich gemerkt, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn man sozusagen vom System gezwungen wird.


Mir war auch gar nicht bewusst zuvor, wie sehr ich von der Inspiration im Internet abhängig bin. Wie mich alle Blogs und Podcasts, die ich verfolge, beeinflussen und sei es nur als Fenster in die große Welt des Strickens.


Denn natürlich ist mir klar, dass Stricken am Ende ein einsames Hobby ist und schon viele Jahrhunderte lang von Menschen alleine zu Hause gepflegt worden ist. Jeder einzelne Maschenstich muss alleine ausgeführt werden.


Aber genau das ist es eben, warum das Internet so besonders gut zu unserem Hobby passt. Dadurch können wir sehen und erleben, dass wir nicht alleine sind.


Wir sehen andere Leute, wir sehen andere Garne, wir sehen Anleitungen, die wir selbst gar nicht gefunden oder gestrickt hätten, weil wir so eingefahren in unseren Mustern und Projekten sind.


Im Ergebnis habe ich in den gut 15 Tagen bis der Bautrupp kam, fast überhaupt nichts gestrickt. Mein Mojo war weg.


Sogar Filme ohne Strickzeug in der Hand kamen vor, normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Ich konnte mich gar nicht aufraffen zu stricken.


(Naja, vielleicht hat mich das viele Räumen im Keller auch besonders müde gemacht.)


Aber wie dem auch sei, kaum waren die Helden mit Schaufeln und Messgerät da gewesen, ging es wieder aufwärts.


Sogar das Sockengarn wurde wieder durchgesehen, ob nicht doch wieder ein Film- und Fernsehprojekt locken könnte.


Natürlich hat am Ende ein Blick auf meine Podcast-Liste gezeigt, dass ich gar nicht so viel verpasst habe, wie ich dachte, aber du meine Güte - bin ich froh, dass ich mir alles wieder selbst einteilen kann.


Und einen Pulli habe ich auch neu angeschlagen:


Ein RVO aus Resten in der GumGum-Socken-Methode.


Es geht wieder aufwärts und der Strickherbst kann kommen!

Samstag, 14. August 2021

Kapitel 164 - Sommerzeit ist Strickzeit?

Haaaach, wie hat man sich all die Monate - die dunklen und die hellen - auf den Sommer gefreut. Endlich Strickzeit, endlich Anschlageritis. Im Geiste hat man sich schon herumstolzieren sehen in all den Herrlichkeiten, die dann ohne den Stress des Alltags entstehen würden. Eins nach dem anderen.

Das einzige, winzige Hindernis waren die paar WIPs, die man noch schnell beenden wollte, damit es endlich losgehen kann.


Aber wie meine werte Schwiegermutter schon immer so treffend formuliert hat: 'Plane nicht im Vorhinaus - es wird nichts draus.'


Dabei hat alles zunächst noch ganz gut ausgesehen. Mein Reste-Streifen-Raglan war eigentlich fertig. Haupt- und Nebenfarbe für die Streifen war geklärt, Ärmel waren schon abgetrennt und eine Farbe, von der nur sehr wenig übrig war, wurde noch in einen vollständigen Streifen gepackt.


Nix wie ran also an die Projekttasche und das Körperteil beendet. OK, der letzte Streifen hat seine 12 Runden nicht mehr geschafft, aber geschenkt, es folgt das Bündchen und schließlich bin ich ja vehementer Verfechter des englischen Galoppmantras, was strickige Ungenauigkeiten betrifft: "Wenn man es von einem galoppierenden Pferd aus nicht sehen kann, dann…".


Ab zu den Ärmeln und jetzt ging es leider Schlag auf Schlag. Erstens: bei genauerer Überprüfung der übrigen Knäuel stellt sich heraus, dass die Hauptfarbe für die Ärmel nicht reichen wird. OK, dann eben Garn geteilt und blockmäßig so weit gestrickt, wie's halt geht.


Ärmel daraufhin 'etwas' knapp bemessen, Bündchen sowieso mit einer Streifenfarbe, damit noch Hauptgarn gespart wird. Damit werden die Ärmel nach zwei breiten Farbblöcken plötzlich dreifarbig, das war nicht der Plan, aber gut, es ist ein Resteprojekt, also OK.


Kaum ist ein Ärmel fertig, taucht doch noch ein Miniknäuel in der Ärmelfarbe auf. Im Ernst jetzt?


Sofort klappt natürlich der übliche Fragenkatalog in meinem Kopf auf:

Was jetzt?

Trenne ich den Ärmel wieder auf und verlängere ihn?

Lohnt sich das?


OK, nochmal rational nachgedacht. Die Ärmel sind eh knapp bemessen gewesen, alle Hoffnung wurde auf das Spannen gelegt, da würden ein paar Zentimeter mehr ganz gut tun.


Also alles wieder auf Anfang, Bündchen aufgetrennt, Maschen aufgenommen, die brav abgeteilte Restwolle drangestrickt und schließlich nochmal das Bündchen gestrickt.

Nochmal vernähen und dasselbe natürlich auf der anderen Seite.

Endlich fertig! Und damit ran an das nächste WIP.


Restepulli nach Thorsten Duits genialer RVO-Anleitung (Youtube und Ravelry)

Hier schien die Sache einfacher. Der Pulli besteht aus zwei gigantischen Teilen - Vorderteil und Ärmel in einem - und ein Teil war schon fertig.


Passt doch, dachte das kleine naive Urlaubs-Ich. Wenn ich dranbleibe, dann geht doch auch das zweite Teil recht flott von der Nadel.

So war es dann auch zum Glück und schwupp-di-wupp war ich fertig. Jetzt aber: wie verbinde ich das Ganze?


Die Anleitung schlägt vor, Maschen abzuketten und dann die Teile zusammenzunähen. Ach neeee, denke ich, das muss doch anders gehen.


In weiser Voraussicht hatte ich die Maschen des Rückteils schon auf eine lange Nadel gezogen, möglichst natürlich für einen 3-needle-bind-off.

Also: mein (Großes Ravensburger) Strickbuch konsultiert und darin steht ganz eindeutig: bei Lochmustern ist es sinnvoll, zuerst abzuketten und die Teile dann in einer Art Maschenstich zusammenzunähen.

Ich probier's.


Es sieht ganz OK aus, aber du meine Güte - die Naht wird ja fürchterlich dick. Das ist bei einem sowieso schon dicken Garn ehrlich kein Spaß auf der Schulter.

Glücklicherweise fällt mir ein, dass der 3-needle-bind-off auch so einen kleinen Wulst produziert, den niemand haben will, und dass die Vorderseite damit auch nicht so ganz flach liegt - und ehrlicherweise nicht ganz so hübsch aussieht.


Ich kehre also zurück zu meiner ersten Idee - Zusammennähen im Maschenstich.

Nur hatte ich ja beide Teile mittlerweile abgekettet. Klar.


Also, alle Maschen wieder Stichlein für Stichlein zurück auf die Nadeln und dann endlich los.

Den ganzen Ärmel mitsamt der Schulter auf beiden Seiten im Maschenstich zusammennähen ist jetzt kein Spaß, aber wofür hat man denn Urlaub. Mit der Naht bin ich zufrieden, kein Wulst, alles passt.


Aber: jetzt habe ich einen Poncho. Denn seitlich müssen der Körper und auch der Ärmel noch zusammengenäht werden. Diesmal im Matratzenstich. 


- Kurze Anmerkung: Den Pulli strick ich sicherlich kein zweites Mal ;-) -


Es hilft kein Jammern und kein Seufzen. Besser ist es, sich all die schönen neuen Projekte vorzustellen, die ich dann anschlagen darf.


Endlich, endlich ist alles fertig, aber das war ein Tag Strickzeit dahin.


Fledermaus-Pullover aus Rebecca Nr. 73, Modell Nr. 9


Tja, und dann sind die Nadeln im Anschlag und wer kommt zur Tür herein? Mein werter Mitbewohner.


Er hat seine Stricksachen durchgewühlt, wie man das so in seinen freien Momenten macht, wenn es Sommer ist und man sie nicht braucht und siehe da: keine Ellbogen mehr da, sondern nur riesige Löcher.




"Kann man da was machen, eventuell? Schließlich, äh, hast du ja jetzt ein bisschen Zeit."


Naja, man kann natürlich. Und man ist ja auch kein Unmensch. Also auf in meine Restekiste und passendes Garn gesucht.


Schnell das geniale Video von Kikos Strickschule aufgerufen, in dem es um das Reparieren eines Haramaki geht (die Suchmaschine hilft) und los geht's.


Anfänglich, bei dickerem Garn, geht alles eigentlich ganz flott, aber dann folgen die dünneren Pullover mit den riesigeren Löchern.




Jetzt zeigt's sich also, und ich kann nur eines sagen - wenn es nicht so viele nette Podcaster gäbe in diesem Strickuniversum, dann wäre ich sicherlich verzweifelt. Ich danke Euch allen von Herzen!!!


Denn auf der anderen Seite gibt es den fadenscheinigsten Ellbogen überhaupt:



Das Ergebnis ist schließlich eigentlich OK für den Hausgebrauch - mein galoppierendes Pferd hat keine Einwände - aber: wieder ein Stricktag dahin. Dieses Aufstricken und einweben dauert e-w-i-g!



Aber morgen, morgen da bin ich dran!


Mittwoch, 28. Juli 2021

Kapitel 163 - Sommergrüße von der Sockeninsel

Noch vor wenigen Jahren, als mich dieses Hobby längst gepackt hatte, saß ich lange - eigentlich zu lange - auf der Sockeninsel fest.


Ich strickte ein Paar nach dem anderen und kaufte auch ein Knäuel Sockenwolle nach dem anderen. Socken für mich, Socken für die Kinder, Socken als Weihnachtsgeschenk, Socken auf eine Bitte hin, Socken für alle.


Damit einhergehend und zusätzlich angespornt von diversen hippen Strickbloggern, machte sich auch sogleich mein Sammeltrieb bemerkbar. Auf Flohmärkten, bei Internetsuchen und natürlich in meinem lokalen Buchhandel fand ich viele Schätze, die ich seither wie meinen Augapfel gehütet habe.


Denn - Überraschung - viele dieser Anleitungsbücher stellten sich als zu anspruchsvoll für meine damaligen bescheidenen Strickkünste heraus. Nachdem man gerade erst verstanden hat, wie eine Käppchenferse funktioniert, sind Cookie A's Bücher nicht automatisch der nächste Schritt. Sie waren aber wunderhübsch anzuschauen.


Meine Strickfähigkeiten vergrößerten sich aber schließlich doch schön langsam und so folgte ein Paar auf das andere. Socken im Jacquardmuster, Socken mit Zöpfen, Socken mit Lochmuster. Kaum war ein Paar abgekettet, wurde das nächste angeschlagen.


Dann, ganz plötzlich, verschwand das Sockenfieber. Ich versuchte mit aller Kraft endlich die Insel zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Mehr Tücher, mehr Mützen, vor allem aber mehr Oberteile - endlich!


Die Socken blieben zwar in meinem Hinterkopf, aber da waren sie für eine Weile ganz gut aufgehoben. Wer will schon Socken stricken, wenn er es endlich geschafft hat, einen passenden Pullover zu zaubern?


Außerdem musste ich doch ausprobieren, was an diesen "entspannenden langen Reihen" dran ist, von denen eine Strickfreundin schwärmte. Und tatsächlich: da ist was dran.


Ich merkte so einiges:

Man kann auch mit 3mm Nadeln eine Strickjacke fertigstellen, dauert zwar, aber funktioniert.

Wenn man dabei bleibt, dann kommt man auch bei Oberteilen gut voran.

Und schließlich - es ist durchaus möglich, passende Oberteile zu stricken, die nach der Fertigstellung keine Enttäuschung sind.


Ich war also gut beschäftigt.


Erst eine sehr lange Weile später tauchten die Socken aber doch wieder langsam auf.


Zunächst nur in der Rezeption - die Sockenberichte in diversen Podcasts ("sock tawk") bereiteten nicht wenig Vergnügen und von dort habe ich auch drei Ideen aufgeschnappt:


  1. Socken in glatt rechts passen einfach am besten.
    Vor allem, wenn man sie rund um's Jahr in Schuhen trägt und nicht einfach zum Herumschlappen zu Hause.
  2. Man kann kleine Sockenwollreste perfekt für Bündchen, Ferse und Spitze verwenden. Macht mehr Spaß und sieht am Ende hübsch aus. Und macht natürlich auch im Wollbudget Sinn.
  3. Und schließlich sind Socken das perfekte Belohnungsprojekt - das, was auf englisch instant gratification genannt wird - sofortige Belohnung.


Da war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich meine Wollreste neu sortiert, ein neues Paar angeschlagen und sogleich fertig gestrickt habe.

Herrlich. Passende und vor allem hübsche Socken. Und ein fertiges Projekt. Nach nur ein paar Abenden Strickzeit.


Auch das neu zugelegte gehälftelte Opal-Abo tat da sein Übriges. Große Auswahl und vor allem viele Kombinationsmöglichkeiten mit meinen Resten.




Das heißt also, die Sockeninsel kam wieder in den Blick, wurde langsam größer, und schließlich habe ich doch wieder am Ufer angelegt.


Aber in der Zwischenzeit hat sich auch was getan.


Cookie A's Anleitungen sind kein Mysterium mehr. Ich bin mutiger, einzelne Abschnitte der Anleitung zu ändern ohne gleich Angst zu haben, alles zu verderben. Und ich bin so schnell fertig! 


Sockenstricken ist eben doch ein Kick - mit dem cleveren Nebeneffekt, immer ein Geschenk in der Hinterhand zu haben.


Alles gut also? Rückkehr zur Sockeninsel? Ganz so schlimm ist es nicht. Mein Plan ist jetzt ganz einfach:


Ein Paar Socken als laufendes Projekt ist OK. Das ist gut für Wartezeiten, für Abende, an denen Beruhigung notwendig ist, oder wenn ich nicht nachdenken will oder kann.


Ein neues Paar schlage ich erst an, wenn das jetzige in Arbeit fertig ist.

Klappt bestens bisher und mal ehrlich: wer kann bei einer solch genialen Anleitung auch widerstehen?


Socken kai-mei aus dem Buch Sock Innovation.




Mittwoch, 14. Juli 2021

Kapitel 162 - der V-Ausschnitt und ich

Man hat ja nicht umsonst diverse 'Was steht mir am besten?' Bücher studiert. Da hat sich also nach langer Lektüre ergeben, dass der V-Ausschnitt für viele Leute - und damit auch für mich - eine ganz vorteilhafte Halsausschnittsform ist.

Also will ich natürlich auch meine persönlich angefertigten Kleidungsstücke mit einem solchen V-Ausschnitt schmücken. Klappt soweit ganz gut, beim RVO nimmt man also einfach langsam vorne beidseitig zu, bis man schließlich zur Runde schließt und den Pullover fertig strickt.

Dann noch schnell die Maschen aus dem Ausschnitt aufnehmen, Bündchen dran und fertig.


Klingt einfach und ist es auch - wenn..., ja wenn es sich um ein einfarbiges Garn handelt.

Über die Jahre hat man sich eine gut funktionierende Randmasche angewöhnt, die Maschenaufnahme klappt damit, und der Pulli sieht OK aus.




Was passiert aber bei einem Streifenpulli? Die vielen Farbwechsel bringen die Fadenspannung durcheinander, die Randmasche verändert sich.




Auch beim x-ten Versuch will es einfach nicht gelingen, hier die Maschen anständig aufzunehmen. Ich komme über einen einigermaßen krakeligen Rand nicht hinaus. Das gestrickte Bündchen sieht ja ganz gut aus, aber der Rand des V-Ausschnitts? Nein danke. Dieser Pulli wird ganz sicherlich das überlaute Etikett selbstgemacht von der Welt da draußen verliehen bekommen. Und das ist nie so nett gemeint, wie es klingt.


Jetzt bin ich zwar die letzte, die etwas gegen kleinere Fehler hat. Damit kann ich ganz gut leben. Aber der gesamte Ausschnittrand? Vorne am Pullover? Das geht zu weit.


Für die Lösung, die mir schließlich eingefallen ist und die ich gerne mit Euch teile, benötigt man dieses kleine und alltägliche Gerät:




Man beginne also am Rückenteil und häkle eine Reihe fester Maschen. Gesagt, getan.


Dann aber kommt mir wieder der V-Ausschnitt entgegen, ich häkle weiter und…das geht ja gar nicht! Das ist ja sogar schlimmer als vorher, denn jetzt sieht man die seltsamen 'Füßchen' der festen Maschen.




Also nochmal Kommando zurück.

Wir beginnen am Rückenteil, häkeln feste Maschen, aber wenn die V-Ausschnittsschrägung in den Blick kommt, dann wechseln wir und arbeiten Kettmaschen durch die Maschen der Schrägung hindurch.






Das geht mit ein bisschen Übung leicht von der Hand und man kann die Schrägung ganz wunderbar nachkontrollieren.


Ordentlich genug?

Genügend Maschen pro Farbrapport?

Passt!




So arbeitet man sich um die Schrägung herum wieder auf die Rückseite. Sobald das Gestrick wieder gerade wird, werden wieder feste Maschen gehäkelt.


Bei der letzten Masche wird die Häkelschlaufe auf eine Stricknadel gelegt. Die Stricknadel deutlich dünner wählen und dann durch die hinteren Schlaufen der Häkelmaschen hindurch einfach die Maschen für den Halsausschnitt aufnehmen.





Weiter geht's in der nächsten Runde mit der normalen Bündchennadel.






Dadurch entsteht eine Art Naht um den Halsausschnitt herum, die ganz gut zu einem V-Ausschnitt passt.



Am V-Ausschnitt



Auf der Rückseite


Und der hässliche Rand mit den ungleichmäßigen Maschen und den vielen Fäden verschwindet im Inneren.



Wer sagt's denn? Da hatte ich tatsächlich mal eine vernünftige Idee.


Jetzt muss ich nur noch die verflixte Mittelmasche schöner stricken. Gute Ideen sind immer willkommen!



Donnerstag, 8. Juli 2021

Kapitel 161 - Lasst uns den Trend umkehren!

Eigentlich klingt es ja ganz einfach. Im Winter ist es kalt, da stricke ich mir einen warmen Pullover und im Sommer ist es warm, da brauche ich ein luftiges Oberteil.

Daran orientieren sich seit vielen Jahren alle großen Garnfirmen und natürlich auch die einschlägigen Publikationen. Alle Influencer, die Rang und Namen haben, zeigen gerade jetzt die neuen Sommergarne und werden uns sicherlich erst im Oktober die neuen kuschligen Winterflauschträume präsentieren.


Das funktioniert mit derselben Regelmäßigkeit, mit der es im November Plätzchenrezepte zu lesen gibt und im Januar die neuesten Diättrends.


Wir sind so daran gewöhnt, dass wir uns sogar wundern würden, wenn es jetzt nicht überall Baumwoll- und Leinengarne zu sehen gäbe. Wir wollen die tollen Qualitäten natürlich auch alle gerne haben, am liebsten schon in das wunderhübsche Oberteil verwandelt, das wir dank großflächiger Werbung ins Auge gefasst haben. Das wär's doch.


Genau darin liegt aber natürlich die Crux an der Sache. Stricken ist so langsam. Es ist sogar gaaaanz laaaaaangsam. Bei mir zum Beispiel und sicherlich auch bei vielen anderen, die ihre Zeit noch mit einem Arbeitgeber teilen müssen, der zwar das Geld für die Wolle bezahlt, aber der natürlich auch etwas für seine monetären Beiträge sehen will.


Also brauche ich für einen Pulli nicht nur eine Woche, sondern mindestens einen Monat, meistens mehr, sodass aus dem Winter ganz schnell der Frühling und aus dem Sommer flugs der Herbst wird.


Nicht zum ersten Mal habe ich einen im Winter begonnenen Schmusepullover erst in der nächsten - und manchmal sogar in der übernächsten - kalten Saison tragen können. Sehr schade!


Ich schlage daher einen Gegentrend vor.

Weg von den sommerlichen Knit-alongs, die wir sowieso nur unter Aufbietung aller Ressourcen bzw. bei sträflicher Vernachlässigung von allen anderen sommerlichen Vergnügungen irgendwie schaffen und stattdessen hin zur antizyklischen Strickbewegung.


Wie wär's denn, wenn man uns im Sommer das neue Flauschgarn mit all seinen neuen Farben vorstellen würde? Dann könnten wir gemütlich auswählen, die Maschenprobe stricken (was sicherlich auch bei hochsommerlichen Temperaturen klappt) und uns vielleicht sogar schon an einen Anschlag wagen.


Meist hat der Sommer ja auch ein paar kühlere Tage, sodass wir gemütlich an unserem neubegonnenn Winterpulli stricken können, damit wir ihn pünktlich zum richtig kühlen Herbst überstreifen können.


Und andersherum genau so. Wer hat nicht nach Wochen der Dunkelheit auf Grund der kurzen Tage Sehnsucht nach der Unbeschwertheit einer lauen Sommernacht? Und was könnte diese Sehnsucht besser stillen als das Wühlen in sommerlichen Farben und Anleitungen? Im Januar angeschlagen, ist das hübsche Top auch sicherlich bis zum Juli fertig.


Das könnte sogar ich schaffen!

Mittwoch, 30. Juni 2021

Kapitel 160 - Vom Verschenken und Verpacken

Zuerst eine gute Nachricht: es gibt wieder Wolle zu bewundern. Stash hin oder her. Manchmal muss man sich einfach inspirieren lassen, wenn man in der Podcast-Welt über neues Garn stolpert. Ich habe also auch fleißig den Bestellknopf gedrückt, mich bei diversen Läden sogar neu angemeldet und durfte mich freuen, wenn die Sachen dann eingetrudelt sind.

Jetzt aber die schlechte Nachricht: nicht alles ist für mich, denn ich verschenke ja auch gern Sachen, also habe ich für meine Geschenke-Woll-Freundin auch Wolle bestellt.


Und natürlich ist das ja eigentlich gar keine schlechte Nachricht, sondern vielmehr eine gute, weil Verschenken ja Spaß macht.


Hier könnte ich jetzt sogar in eine kleine Fußnote abschweifen, in der ich ausführlich erkläre, dass mein Lieblingsjob tatsächlich Geschenkeberater wäre - falls es sowas überhaupt gibt - weil es mir un-glaub-lich Spaß macht, Sachen zu finden, die perfekt für jemanden passen und auf die derjenige (oder diejenige) selbst gar nicht gekommen wäre. Mein Meisterstück war mal eine sehr clevere und sehr helle und dünne Stabtaschenlampe, die ich meinem ständig mit Projekten beschäftigten Vater geschenkt habe und die dieser dann viel später sogar auf eine gemeinsame Reise mitbekommen hat, weil er gar nicht mehr ohne aus dem Haus geht. Erfolg? Na, also bitte, das war unglaublich cool.


Naja, das war natürlich zu Zeiten als Reisen noch möglich war und damit wir jetzt alle sentimental werden, schiebe ich gleich hinterher, dass dies eine Reise nach Leipzig gewesen ist, und zwar natürlich im Frühling. Wolle für mich und Babysitter/Stadttour für den Opa - was für ein Fest. Aber OK, OK, genug geseufzt.


Oder vielleicht doch noch nicht, denn jetzt kommt noch eine wirklich schlechte Nachricht. Meine liebe Woll-Freundin wohnt in England und daher hat mein Paket diese Reise noch gar nicht angetreten. Zu teuer und zu kompliziert.


Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist dies. Wolle für mich bestelle ich eigentlich eher bei großen Wollversendern, daher bin ich die Päckchen, die da kommen, gewohnt. Zum Beispiel dieses hier vom Opalabo. Kleine Box, Wolle drin und ich freue mich.



In dem Fall, um den es jetzt aber gehen soll, kam aber von der tollen Färberin BlackFlockFibres folgendes Paket an:




Man sieht also: die Wolle ist drin, sehr schön und sicher verpackt, worüber ich mich auch gefreut habe, aber schaut mal, was da alles noch so liegt: ein Teebeutel, Aufkleber, eine handgeschriebene Karte und watt weiß ich noch alles.


Dann habe ich mich daran erinnert, dass das ja auch immer von diversen Podcastern so 'gefeiert' wird (übrigens - diese Vokabel wäre ja auch mal einen eigenen Blogeintrag wert, die finde ich mindestens so seltsam wie das ewige 'spannend').


Also, was ich eigentlich sagen wollte - genau diese Extra-Verpackungsarbeit, die sich Miriam und Anna hier so hübsch und aufmerksam gemacht haben - ganz ehrlich - braucht man die wirklich?

Ich habe mich doch durch die Fotos geklickt und mich für diese Handfärberinnen entschieden, weil ich ihre Arbeit und Wolle toll finde. Das will ich ja doch eigentlich haben.


Und sie dann sozusagen durch sozialen Druck zu verpflichten, mir beim Auspacken auch noch ein Erlebnis zu bescheren? Das ist doch wirklich zu viel! Für dieses Erlebnis habe ich doch - bitte schön - selbst zu sorgen.


Und besonders amüsant finde ich die diversen Influencer und Influencerinnen, wenn sie dann auch noch begeistert von all den zusätzlichen Giveaways sind, die doch, wenn wir ehrlich sind, wirklich gar nicht nötig sind. Wer braucht denn das 150ste kleine Plastiknadelmaß oder noch eine Zopfnadel?


Und damit es dann so richtig albern wird, sind das häufig auch diejenigen Strickszenestars, die viel Zeit und Energie auf das Finden von möglichst biologischer, dem Schaf zartfühlend heruntergeschmeichelter, pflanzengefärbter Superwolle verwenden. Da passt doch der viele Verpackungsmüll und die vielen Extra-Plastiktütchen gar nicht dazu! Von der Extraarbeit, die wir unseren wunderbaren Färbern und Färberinnen aufhalsen, gar nicht zu reden.


Liebe Leute, beruhigt Euch, möchte ich da rufen. Es ist doch die Wolle, die wir toll finden und nicht die Verpackung.


Da lobe ich mir die österreichische Handfärberin, die mir auf einem Festival (ja, lang ist's her) die Wolle mal so verkauft hat:



Passt doch! Die Wolle ist geschützt, und es ist kein Extramaterial angefallen. Was wollen wir mehr?