Mittwoch, 1. Juni 2022

Kapitel 174 - Ein Hoch auf den zweiten

Das Strickuniversum hat mehrere Mysterien für uns parat. Da gibt es zum einen die unterschiedlichen Stricker-Kategorien. Schon sehr früh, so heißt es, entscheidet sich, ob man ein Projekt-Stricker oder ein Prozess-Stricker ist. Strickt man also, um das verflixte Teil endlich anziehen zu können, oder strickt man, um die Welt und alle Ärgernisse darin im Maschenzählen einfach zu vergessen?

Ein mindestens ebenso verwurzelter Glauben ist die Tatsache, dass der zweite Socken oder der zweite Ärmel einfach nur SCHRECKLICH sind. Auf Englisch gibt es sogar den Begriff des Sleeve Island, also eine einsame Insel, die man nicht verlassen kann, weil ja am Pullover-Stricken die Ärmel den schlimmsten Teil darstellen, der am längsten dauert, weil man ihn am häufigsten aufschiebt. Und so weiter, und so weiter.

Beim Sockenstricken ist es natürlich die zweite Socken, die allen Unmut auf sich zieht und bei der das Stricken weniger aus Erholung, sondern vielmehr aus gähnender Langeweile besteht.

Auf diversen Kanälen werden diverse Litaneien zu diesem Thema heruntergebetet, wieder und wieder, sodass ich mich an dieser Stelle gerne mit einem positiven Perspektivenwechsel einschalten möchte.

Vorab natürlich - warum wird überhaupt so viel Zeit darauf verwendet, die schlechten Seiten des eigenen Hobbys zu beklagen? Das habe ich ja noch nie verstanden. Wahrscheinlich geht es dabei aber um ein ganz natürliches Gemeinschaftsgefühl. Wenn sich alle drüber beschweren, dann muss/will/darf ich ja wohl auch mitmachen.

Wichtiger ist mir aber die Gegenposition. Das Ganze speist sich gerade im Moment auch aus einer Beinahe-Fluchover-Erfahrung mit meinem letzten Pulli.

Zuerst wurde der Ärmel nach Anleitung gestrickt. Zu eng.

Dann wurde der Ärmel gerade heruntergestrickt. Überraschung - zu weit.

Dann endlich, ab Ellenbogen doch Abnahmen gearbeitet, was schließlich und endlich doch dazu führte, dass der Ärmel genau so geworden ist, wie er sein sollte und der Trägerin auch bestens gefällt. Der ganze Ärmel war also drei Mal fast komplett gestrickt worden, bis er endlich fertig war.

Und damit ab zum zweiten Ärmel.

Jetzt müsste also das große Jammern einsetzen. Wie langweilig. Wie lange dauert das denn noch, etc.

Aber mitnichten. Denn beim zweiten Ärmel entfaltet sich doch recht eigentlich wieder die Herrlichkeit eines entspannenden Hobbys. Schließlich hatte ich mir ja ausführliche Notizen zum ersten Versuch gemacht, genügend Maschenmarkierer in den Ärmel gesteckt und alle Reihen mitgezählt, sodass der zweite Ärmel Erholung pur war. Einfach nur die Reihen abhaken und schwupp-di-wupp war alles fertig.

Genau so ist es üblicherweise beim zweiten Socken. Vor allem dann, wenn eine neue Anleitung ausprobiert wird. Hat man beim ersten Mal noch Schwierigkeiten herauszufinden, wie das Muster am besten aufgeht, so geht alles beim zweiten Mal ganz flott von der Hand.

Deswegen würde ich, denke ich, auch niemals den zweiten Socken nicht direkt im Anschluss stricken. Wenn sich da ein Projekt dazwischen schiebt, dann stehe ich nämlich wieder am Anfang und weiß nicht mehr genau, wie ich's am Ende gemacht habe. Dann wird alles unter Umständen doch zum Albtraum.

Da ist es also, das Hoch auf den zweiten Ärmel, auf den zweiten Socken, etc. Die zweite Runde geht viel schneller als die erste und eh man sich's versieht, ist man schon fertig damit.

Wenn's doch aber gar nicht klappen will mit der Motivation, dann gibt es schließlich für die ganz Verzweifelten natürlich noch den ultimativen Überlebenstipp:

Bei allen ähnlichen Teilen: zwei Jackenvorderteile, zwei separat gestrickte Ärmel, etc. -> Immer gleichzeitig mit zwei Knäueln anschlagen. Dann sind erstens alle Abnahmen und Zunahmen mit Sicherheit in derselben Reihe und exakt gleich und zweitens am Ende auch beide Teile auf einmal fertig. Dann kann man sich die Jammerei erst recht sparen. Das ist doch was!

Montag, 25. April 2022

Kapitel 173 - Der Fluchover

Sieht unschuldig aus, hat es aber in sich: der Fluchover

Es heißt ja, es gebe diverse Heilige bzw. Gottheiten, deren einzige Aufgabe es ist, auf diejenigen Leute aufzupassen, die einem bestimmten Hobby frönen. Kaissa sorgt als Schachgöttin dafür, dass die Partie gewonnen wird, Petrus wird im Anglergruß um einen großen Fang gebeten. Da ist es natürlich auch durchaus möglich, dass es eine Strickgöttin gibt, die entweder wohlwollend oder strafend auf unsere Bemühungen blickt. Um das Ergebnis schon mal vorwegzunehmen: Ich glaube dran.

Wie bereits berichtet, versuche ich ja seit ein paar Jahren, diese Göttin milder zu stimmen, indem ich eine kleine Strickerin heranziehe, die auch bereits über beachtliche Fähigkeiten verfügt. Nur als zuletzt einen Pullover stricken wollte, hat mir die Strickgöttin offensichtlich aus irgendwelchen Gründen ihre Gunst entzogen.

Was war los?

Es begann mit einem traurigen Moment, dem man aber eine positive Seite abgewinnen konnte: unser lokaler Strickladen musste schließen. Da wird man also ganz traurig und rafft sich dann auf, um vielleicht das eine oder andere Schnäppchen zu erwischen. So auch meine kleine Strickerin. Ich hab ihr ein bisschen Geld gegeben, und sie durfte sich ganz allein aussuchen, was sie wollte. Sie kam zurück mit einem babyblauen schmuseweichen Teddygarn. Soweit so gut.

Es sollte ein Pullover werden, und zwar am liebsten ein Pullover mit Zöpfen. Naja, dachte ich, Zöpfe sind ja gut und schön, aber vielleicht nicht zu viele und auch mit einer schönen großen Nadelstärke, weil ein solches schmuseweiches Teddygarn ja überhaupt kein Spiel hat und sich kaum manipulieren lässt. Und schließlich sind ja Hinweise dieser Art durchaus Teil der Strickerziehung.

Also: zuerst eine Maschenprobe. Zur Not auch eine längere, damit man einige Nadelmöglichkeiten durchprobieren kann.

Soweit so gut.

Welche Anleitung? Auch kein Problem, dachte ich, wir versuchen wieder den genialen Raglanrechner von Thorsten Duit. Das hat bereits mehrfach geklappt, warum diesmal nicht.

Ja, warum eigentlich nicht?

Maschenprobe ausgezählt, der Rechner hat alles ausgerechnet und los ging's.

Erster Versuch: Ausschnitt viel zu klein. Und wenn man das Bündchen einfach weglässt? Trotzdem. Jedes Mal, wenn man den Pulli überwirft, säbelt man sich fast die Ohren ab. Geht leider so nicht. Bitte zurück auf Anfang.

Zweiter Versuch: Vorder- und Rückenteil sowie Ärmelmaschen markiert. Es geht los. Bitte aufpassen an den Raglanschrägen - hier sollen kleine Zöpfe hinkommen, deren Verzopfungsschema nicht mit den Raglanzunahmen korrespondiert. Aufpassen!




Wir spulen vor: Raglanzöpfe funktionieren, aber der dicke Zopf am Vorderteil wird plötzlich sehr fest und gar nicht mehr so locker wie in der Maschenprobe. Aha: auch der große Zopf am Vorderteil hat ein ganz eigenes Verzopfungsschema, auf das man achten sollte. So geht es leider auch nicht.

Diesmal Rettung durch eine Operation am offenen Herzen: also alle Zopfmaschen fallen lassen und nacheinander wieder - richtig verzopft - hochstricken. Hier lernt man Geduld und Durchhaltevermögen angesichts eines Herzschlags direkt im Hals. Eigentlich unglaublich, dass man das überleben kann.

Fußnote: Vor vielen Jahren habe ich einmal in YarnHarlots Blog über eine solche Zopf-Errettung gelesen und mir nur gedacht - die spinnt ja. Also auch hier die positive Seite: offensichtlich spinne ich inzwischen auch.

Dann, endlich der große Moment: Abtrennung von Ärmel und Körpermaschen. Jetzt kann man den Pullover auch wirklich anprobieren. Aber was stellt sich plötzlich heraus? Offensichtlich wurde ganz zu Beginn falsch gemessen oder die Maschenprobe hat sich heimlich verändert. Denn: der Pullover bedient eindeutig den Litfaß-Säulen-Look. Anders gesagt: in diesen Pullover passen meine kleine Strickerin sowie meine kleine Nichtstrickerin beide locker hinein. Geht also auch nicht.

An dieser Stelle des Abenteuers bekommt der Pulli den Titel Fluchover. Irgendetwas stimmt nicht. Das Projekt ist verflucht, die Strickgöttin verärgert und wir in der totalen Ungnade. Was tun?

Es hilft ja nichts. Dritter Versuch: alles wieder aufgetrennt und noch einmal neu begonnen. Und sogar noch einmal neu ausgerechnet. Schließlich hatten wir ja mit der fertigen Passe eine riesengroße Maschenprobe, die man doch bitteschön auch richtig auszählen kann.

Zur Belohnung gibt es den Neubeginn dann aber mit neuen Knäueln, weil ein zurückgeribbeltes Teddy-Schmusegarn sich nicht wirklich noch einmal so hübsch verstricken lässt.

Diesmal klappt die Raglanschräge, alle Zöpfe machen mit und auch die Ärmelabteilung klappt. Aber: der Körper hat immer noch viel zu viele Maschen. Warum, warum, warum? Da hilft nur eines: zügig abnehmen in den ersten Runden.


Was ich ja sonst vermeide wie die Pest, musste diesmal sein. Ich nahm meiner kleinen Dame das Strickzeug aus der Hand und strickte die ersten Runden selbst, bis man wieder bei einem vernünftigen Abnahmerhythmus angekommen war. Das wäre doch gelacht, wenn wir jetzt auf den letzten Metern aufgeben würden.

Und schließlich: der Pulli wurde doch fertig, er passt, er sieht gut aus und ist genau so geworden, wie die kleine Dame ihn geplant hatte.



Vielleicht war es also einfach eine (wirklich schwere) Prüfung der Strickgöttin?

In diesem Hause jedenfalls behält das gute Stück seinen Namen: es ist und bleibt der Fluchover. Hoffentlich löst ihn kein anderes Projekt jemals ab!


Montag, 7. Februar 2022

Kapitel 172 - Das große Kuddelmuddel

Die Schonung des Handgelenks hat ihren Dienst getan, und ich krabbele so langsam aus der Nicht-Stricken-Dürfen-Phase.

Diese hatte ich ja, um der Versuchung auch wirklich zu widerstehen, damit eingeleitet, dass ich alle meine Projekte feinsäuberlich verstaut und versteckt habe, damit ich sie ja nicht ansehen muss. Und vor allem, damit die Projekte mich nicht vorwurfsvoll anstarren müssen.

Aber jetzt, jetzt habe ich so langsam eins nach dem anderen hervorgekramt. Und da ist mir natürlich auch wieder der Orchideja-Pullover begegnet, den ich nach langem Hin- und Herüberlegen im letzten November endlich doch angeschlagen hatte. Ein ganzer Pullover, in Runden, in der Intarsientechnik. Ja, bin ich denn verrückt??? Offenbar!



Die erste Aufgabe war ja noch ganz überschaubar.  Fäden von 10m Länge abschneiden. Es tat mir zwar ein bisschen Leid, mein schönes Garn so zu zerschnipseln, aber OK.

Das Halsbündchen stricken, sogar doppelt gelegt, kein Problem. Aber dann, in der ersten Runde 12x4 verschiedene Fäden einstricken - da sah die Sache schon ganz anders aus.

Zuerst bin ich der Anleitung der Designerin gefolgt - siehe in diesem Video (ab Minute 21:14). Aber das ist ein perfektes Rezept für einen Herzkasperl, wie wir hier im Süden sagen. Die ersten Runden gingen ja noch, aber dann?

Noch dazu waren zwei meiner Garne etwas dünner und empfindlicher als die anderen, das bedeutet also, dass sie beim Herausziehen auch mehr gelitten haben und ein bisschen unansehnlich wurden. Noch mehr Herzkasperl.

Da musste also eine andere Lösung her. Ich habe es dann mit kleinen Pappstückchen versucht, um die ich meine Wolle gewickelt habe. Viel zu schwer! Da wurden meine Maschen regelrecht nach unten gezogen.

Schließlich bin ich auf kleine Wollknäuelchen ausgewichen, die man um Zeigefinger und Daumen wickelt. Oder um die Hand, so wie hier.

Merke, Intarsien-Stricken verlangt einem Einiges ab.

Als es dann richtig losging, war das Kuddelmuddel fertig:




Die Rundpasse hat 81 Runden, aufgehört hatte ich im Dezember bei Runde 28. Du liebe Güte. Da hilft nur Reihe für Reihe abstreichen.



Mittlerweile ist die Rundpasse aber fertig, und ich habe Einiges gelernt, was ich Euch nicht vorenthalten will.

  1. Man lernt Geduld. Eine ganze Masse davon. Denn Intarsien-Stricken geht super-langsam. Langsamer als langsam, weil man ja immer wieder seinen 'Garnsalat' (O-Ton der Designerin) sortieren muss.
    Aber es geht eben doch voran. Auch das langsamste Projekt wächst.
  2. Das Projekt eignet sich nicht zum Herumschleppen, sondern sollte möglichst an einem Ort belassen werden. Dann kann man es vorsichtig aufheben und wieder hinlegen. Ich möchte mir nicht ausmalen, was eine Projekttasche, und sei sie auch noch so schön, da angerichtet hätte.
  3. Wenn man nach ein bisschen Verkreuzen, das Strickstück festhält und ein bisschen schüttelt, dann entwirren sich die kleinen Knäuelchen recht schnell.
  4. Beim Wickeln der kleinen Knäuelchen nicht am Garn sparen. Mir sind an ein paar Stellen die 10m-Fäden ausgegangen, und ich habe die neuen kleiner gemacht, ohne zu berücksichtigen, dass die Passe-Zunahmen mehr Garn verbrauchen werden. Ergebnis: ich muss deutlich mehr Garnenden vernähen, als es hätten sein müssen. Das kann man vermeiden.
  5. Noch ohne Gewähr: beim Verkreuzen der Fäden lieber ein bisschen fester anziehen als zu locker lassen. Wenn der Pulli später gebadet wird und sich die Maschen entspannt hinlegen, dann sind hoffentlich keine Lücken da.

Tja, und schließlich: es ist nicht mein erstes Projekt mit Chart, aber mit Sicherheit war keines darunter, bei dem ich so viel Freude hatte, die einzelnen Zeilen abzuhaken. Was für ein Erfolg!



Und dann erst der Kick, wenn man mit einzelnen Farben fertig ist, und sich die kleinen übrigen Knäuelchen am Arbeitsplatz häufen und nicht mehr an der Nadel herumbaumeln. Yay!



Fazit: Alles wird gut. Meine Souvenirgarne, heiß geliebt und teuer erstanden, sind in einem Projekt untergebracht, das allem Anschein nach wirklich fertig werden wird. Jetzt muss nur noch der Besuch beim Düsseldorfer Wollfest klappen!


Samstag, 29. Januar 2022

Kapitel 171 - Von der Not und der Tugend

Knapp drei Wochen habe ich es jetzt ausgehalten, aber nein, ganz ohne Stricken? Das geht ja gar nicht. Da können noch so viele Leute (aka Ärzte) sagen: "Geben's halt ein bisschen Ruhe. Hören's halt auf mit dem Stricken." Nein, das geht leider nicht. Da wird man ja verrückt.

Was habe ich also getan? Erstmal die lokale Apotheke leergekauft, Schmerzgel forte und einen Riesenpack Sport Tape.

Dann ran an YT und Videos gesucht, die mir erklären, wie man denn nun mit dem Tape umgeht. Und natürlich fleißig zweimal täglich das Wundergel aufgetragen. Hoffentlich hilft's.

Aber am Allerwichtigsten: ich habe mein Stricken umgelernt.

Denn es ist tatsächlich so, dass die verflixte linke Masche schuld ist. Bei dieser Masche nämlich, so hat es sich herausgestellt, wackle ich offenbar gehörig mit meinem linken Handgelenk hin und her, bis sie dann endlich fertig gestrickt und durch die alte Masche gezogen auf die rechte Nadel wandert. Genau das aber geht mir offenbar auf's Gelenk. Mit besonderem Vergnügen offenbar bei kleiner Nadelstärke.

Bei Frau Litzi habe ich dann noch vor Weihnachten gesehen, dass sie offenbar gelenkschonender mit der so genannten osteuropäischen Strickweise arbeitet. Also die linke Masche anders wickelt, sodass die rechte Masche der nächsten Reihe verkehrt bzw. verschränkt auf der Nadel liegt.

Auch Daniela Johannsenova strickt auf diese Weise. Das sieht zwar einfach aus, aber da wird die Umgewöhnung noch etwas dauern, das weiß ich genau. Das Stricken ist einem ja doch über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen - Stichwort muscle memory - und jetzt wieder über jede Masche nachdenken? Mal sehen, ob mir das gelingt.

Was ich allerdings schon vor einer Weile angefangen habe zu üben, einfach weil ich wissen wollte, ob ich das fertig bringe, kommt mir jetzt tatsächlich überraschend gelegen.

Das Stricken auf die englische Art.

Aus zugegebenermaßen sehr eitlen Angebergründen, wollte ich ja schon immer mal in der Lage sein, beim Jacquard-Stricken mit beiden Händen gleichzeitig jeweils einen Faden zu führen. Hauptfarbe auf links, Kontrastfarbe mit rechts. Das sieht so ultra-cool und professionell aus! Und geht offenbar so fix. Und nochmal: es sieht einfach obercool aus.

Damit könnte man sogar diejenigen miesepetrigen Zweifler überzeugen, die Stricken immer noch für langweilig halten. In beiden Händen je einen Faden und daraus ein Textilstück zaubern? Sensationell!

Aber leider: meine Versuche in dieser Richtung waren nie von Erfolg gekrönt. Ganz im Gegenteil, es gab ein ganz schreckliches Kuddelmuddel auf beiden Nadeln, von der richtigen Fadenspannung ganz zu schweigen. Da fehlt also noch einiges zur sensationellen Perfektion.

Daher habe ich den zweifarbigen Versuch schnell wieder aufgegeben und weiter tapfer bei Fairisle-Mustern mit beiden Fäden über dem linken Zeigefinger gewerkelt. Klappt auch, Spannung passt, aber es sieht halt dann nicht so toll aus. (Das Stricken meine ich, nicht das Strickstück)

Aber gleichzeitig habe ich begonnen, immer wenn ich an irgendeiner Stelle in einem Strickstück eine lange Phase glatt rechts vor mir hatte, zu versuchen, ein paar Maschen englisch zu stricken. Also den Faden mit rechts zu führen. Einfach nur, um das Auszuprobieren und ein bisschen zu üben.

Was soll ich sagen? Das Tempo war natürlich grauenhaft langsam, aber wenn man dabei bleibt, dann verändert sich das. Ich bin nach ein paar Monaten über einigermaßen schneckenhaft bis auf das Niveau 'respektabler Anfänger' gekommen. Gar nicht so übel.

Und dann kam mir mein lädiertes linkes Handgelenk dazwischen. Genau zur Geschenke-Strickphase, in der einige Socken noch auf ihre Fertigstellung warteten.

Vielleicht, vielleicht, dachte ich, geht das das ganze Stück ja schon mit rechts. Ganz vorsichtig also, Nadel in die erste Masche gesteckt, dann den Faden um die Hand geschlungen, den rechten Zeigefinger zum pünktlichen Herumschlingen des Garns bereitgehalten und los ging's.

Mit angehaltenem Atem eine Runde an einem Socken zu stricken, das war ja schon viele Jahre her. Ich bin also wieder ein echter Neuling. Aber das Tolle ist:

Es klappt! Mit sechsfacher Sockenwollstärke ist es sogar noch etwas einfacher. Natürlich dauert es ungefähr doppelt so lange wie zuvor, aber es funktioniert! Hurra! Hurra!

Das bedeutet für mich in meiner schmerzvollen Jammerphase natürlich vor allem - ich kann wieder stricken! Stress ade!

Es sind freilich nur kleine Projekte möglich, die Fadenspannung ist immer noch viel zu fest, aber es geht voran! Ich stricke wieder!

Sonntag, 9. Januar 2022

Kapitel 170 - Die Weihnachtsüberraschung

OK, ich gebe zu, das Thema ist schon wieder ein wenig in den Hintergrund gerückt, aber die Auswirkungen sind immer noch zu spüren, und zwar in beide Richtungen.

Gehen wir also ein bisschen zurück und sehen wir nach.

Im Dezember 2021 ist mir dasselbe passiert wie allen Strickerinnen und Strickern auf der Welt. Der Advent hat mich völlig überrumpelt und plötzlich waren alle Vorsätze dieses Jahr auf einmal über Bord geworfen.

Das ist mein Hobby, Stricken dauert sehr lange, und ich stricke nur für mich? Das alles gilt genau elf Monate lang - im Dezember gelten plötzlich völlig andere Regeln.

Die Vlogosphäre wird geflutet von Geschenkideen. Ein Youtuber nach dem anderen zeigt seine Geschenke, seine Geschenkideen, seine Stricküberraschungen und es dauert nicht lange, bis man auf einmal selbst eine kleine Liste anlegt.

Vielleicht doch ein Paar Socken für die Schwester? Ein Paar Handschuhe für die kleinen Neffen? Und eh man sich's versieht, wird die Tapetenrolle länger und länger. Die eigenen Projekte werden nach hinten verschoben und der Schreibtisch füllt sich mit halb begonnenen Kleinprojekten, die schnell noch fertig werden müssen, denn der Weihnachtsabend nähert sich wie jedes Jahr mit Riesenschritten.

Tja, und dann besucht man seine Eltern, schlendert ein bisschen ziellos durch das Handarbeitszimmer (meine liebe Mutter ist Patchworkerin und hat nach Jahren endlich Platz für ihr Hobby) und findet eine geheimnisvolle Tüte.

Das war drin:





Eine halbfertige Häkeldecke in Blockstreifen. Wenig überraschend war es auch einmal ein Weihnachtsgeschenk gewesen, aber dann hatte sie die Häkellust - neudeutsch Mojo - verlassen.

Ursprünglich sollte es eine kleine Kniedecke werden, aber so weit kam sie nie.

Auch ein zweiter Versuch mit ein paar Granny Squares brachte nicht den gewünschten Erfolg:



Damit war's natürlich sofort um mich geschehen.

  1. Eine Kniedecke ist tatsächlich das perfekte Geschenk für einen Mann (= meinen Vater), der mehr und mehr Zeit mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen verbringt.
  2. und - sind wir mal ehrlich - noch wichtiger: Das war die perfekte Entschuldigung für mich, doch endlich am Decken-KAL von Kikos Strickschule mitzumachen - die Optic Blanket.

Das ganze vergangene Jahr über habe ich jede Woche den Fortschritt dieser Decke im Podcast bewundert, bin aber doch stark geblieben. Nicht noch eine Decke anfangen. Erst die eigenen Projekte beenden. Eine gestrickte Decke? Das schaffe ich ja nie.

Aber jetzt: eine Kniedecke? Das kann ich doch schaffen.

Mit Kikos Tutorial war das erste Fleckchen schnell gestrickt:



Tja, und dann war ich nicht zu halten. Die Farben passten super zusammen für einen wirklichen Op-Art-Effekt und das Aneinanderstricken der Fleckchen hat so viel Spaß gemacht! Keine Nähte!

Es stand viel weniger Dunkelblau als Creme zur Verfügung, aber für zwölf große Flecken hat es noch gereicht. Und mit einem breiten Häkelrand wurde die Decke groß genug:



Das perfekte Geschenk!

Wenn nur der zweite Effekt nicht wäre. Ganz entgegen meiner Planung habe ich also im Dezember non-stop gestrickt. Weil die Decke natürlich einen festgeschriebenen Liefertermin hatte und weil das Stricken so viel Spaß gemacht hat.

Dafür muss ich im Januar jetzt leider Pause machen. Das Handgelenk macht sich bemerkbar und ist wieder mit Stulpe und Dehnungsübungen ruhig gestellt.

Aber dann habe ich wenigstens Zeit meine Tapetenrolle für 2022 zu überdenken! Es ist Januar und wenn gestrickt wird, dann wieder nur für mich. Bis zum nächsten Dezember wahrscheinlich ;-)


Montag, 6. Dezember 2021

Kapitel 169 - Die Gehirnforschung und ich

Fangen wir mal ganz klassisch an, denn wie war das doch gleich mit Bildern und Worten?


Tja, das, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, ist mein aktuelles Strickprojekt. Und zwar einzig und allein, weil ich mir selber damit einen Beweis für die aktuelle Gehirnforschung liefern wollte. Wie das denn, bitte?


Seit einigen Jahren gibt es den schönen Begriff der Neuroplastizität oder auch neuronalen Plastizität. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Gehirn in der Lage ist, immer und in jedem Alter neue Bahnen zu legen, Synapsen zu verknüpfen, Areale zu aktivieren. Und zwar auch ohne dass bereits eine Bahnung in eine bestimmte Richtung in frühester Jugend gelegt wurde. Mit anderen Worten, Hänschen lernt, aber der alte Hans kommt auch noch ganz gut mit.


Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass man eben etwas Neues probiert. Klingt logisch.


So habe ich ja auch nach langer Verweildauer irgendwann meinen Platz auf der Sockeninsel verlassen und mich an Pullover gewagt. Und kaum hat man ein paar hübsche (einfache!) Raglanpullis hinter sich, sind Pulloveranleitungen auch kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Die Bahnung ist gelegt, meine Synapsen feuern mit. Soweit, so gut. Aber da müsste doch noch mehr gehen.


Und wie es häufig so ist, hat man mal selbst einen Gedanken gehabt, dann läuft einem dieselbe Idee auch auf anderen Kanälen über den Weg (ist natürlich auch schon längst erforscht).


Kanal 1: die berühmten Grocery Girls, die in ihrer Ravelry-Gruppe kürzlich abgefragt haben, womit man selbst neu begonnen hat, da die eine von ihnen jetzt gerade erst mit Kreuzstich angefangen hat. Und wo eine der ersten Antworten bereits davon gehandelt hat, wie man spüren kann, dass neue Verbindungen im Hirn aufgebaut werden. Da will ich mit!


Kanal 2: na klar, der Frickelcast. Die beiden freundlichen Damen haben die neue Pascuali-Kollektion (Vorsicht, Ravelry-Link) vorgestellt, und ich habe mich tatsächlich Knall auf Fall in das Modell Orchideja (Vorsicht, Ravelry-Link) verliebt. Schockverliebt, wie es so schön heißt. Aber Intarsia? Echt jetzt? Das schaffe ich ja nie.


Na, da muss eben die nötige Motivation her.


Dazu passte dann natürlich auch, dass gerade mein schöner Oktober-Knitalong, Stephen Wests Mysteryshawl zu Ende war, der wie immer mit den eigentlich Furcht einflößenden Worten: "substantial leftovers", also "nicht geringe Menge an Restwolle" geendet hat.


Ich hatte also viel schöne Lieblings- und Erinnerungswolle übrig und ich hatte noch nie so richtig Intarsia versucht. Na dann, nix wie los!


Was einem aber niemand erzählt, ist natürlich, dass sich dieses Plastilin im Kopf nur sehr zäh bewegen lässt. Es ist keinesfalls ein Kinderspiel, neue Sachen zu lernen. Da muss man sich reinfuchsen, mit tausend Fäden hantieren und darf nicht verzweifeln. (Hier empfehle ich noch einmal einen kurzen Blick auf das Bild ganz oben)


Und da ist Hänschen dem alten Hans eben doch ein bisschen überlegen: ein bisschen mehr Mumm und Unverfrorenheit hat er schon, verglichen mit jemand, der nicht zum ersten Mal gescheitert ist. Aber: das wäre doch gelacht! So schnell wird nicht aufgegeben.


Was hilft, ist ein hübsches Chart mit genau 81 Runden, die ja wohl zu überleben sind. Gerade habe ich die 26. Runde überstanden, geht doch!


Und nächste große Ziel ist schon in Sicht: ein All-over-Zopfmusterpulli. Immer her mit den neuronalen Bahnungen!


Aber jetzt muss ich mich erstmal um Runde 27 kümmern. Was muss ich machen? Noch ein paar Fäden mehr für die Runde mit dazunehmen? Ach je, worauf hab ich mich da eingelassen?


Mittwoch, 27. Oktober 2021

Kapitel 168 - Vom Abschiedsschmerz

Jetzt hat es mich also auch erwischt. Irgendwie habe ich's ja geahnt, aber lange nicht wahrhaben wollen:


Mein LYS - mein lokaler, naher, schöner Wolleladen - hat leider schließen müssen. Ich wusste natürlich, dass die Besitzerin nicht mehr die Jüngste war. Dabei war sie es gewesen, die heldenhaft vor einigen Jahren, als sich schon einmal ein Ende des Ladens als Gespenst am Horizont abzeichnete, mutig einsprang und kurzerhand den Laden selbst übernahm, damit er eben nicht schließen musste. Auch wenn die Inhaberfirma unseren Ort verlassen wollte.


Das hat uns noch ein paar schöne Jahre beschert - Garn und Nadeln immer parat, wenn sie plötzlich mitten im Projekt ausgehen wollten.


Natürlich war es kein moderner, stylischer Wolldealer, der mit allem möglichen Schnickschnack herhalten konnte, sondern ein eingesessener Krimskrams-Laden, der eben auch den Reißverschluss und das Nähgarn für die Strickjacke in der richtigen Länge und in der richtigen Farbe sofort und ohne Umstände hervorzaubern konnte.


Das war es auch, was besonders geschätzt worden ist und was - interessanterweise - auch den stetigen Umsatz beschert hat, von dem die Inhaberin und ihre Mitarbeiterinnen letztlich lebten. Vom Kleinkram, den Knöpfen, der Nähseide, dem Flies, der Stopfwolle, die so gerne ausgehen und wegen derer man aber ungern die komplette Liefer- und Verschickindustrie beauftragen will.


Was für ein Luxus, wenn solch ein Laden nur ein paar Radlminuten entfernt ist. Und was für eine Riesenlücke, wenn solch ein Laden plötzlich schließt.


Dabei geht es natürlich um den ganz normalen Prozess des Sich-in-den-Ruhestand-Verabschiedens. Auch eine langjährige Ladeninhaberin darf halt irgendwann aufhören und sich zur Abwechslung mal erholen.

Es ist aber dennoch traurig, wenn man hört, dass sie schon länger als ein Jahr nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin gesucht hat, die sich aber einfach nicht finden ließen. Auch der am Schluss verzweifelt beauftragte Großhändler konnte nicht mehr weiterhelfen. Schade, schade.


Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Ich weiß es nicht.


Zu den besonders guten Zeiten hatten wir zwei Wollläden in unserer Schlafstadt vor den Toren einer süddeutschen Großstadt, jetzt bleibt leider gar keiner mehr übrig.


Vor allem passen diese schlechten Nachrichten gar nicht so gut zur blühenden Strickwelt im Virtuellen.


Da kann gar nicht genug Wolle geshoppt werden, kommt es mir vor.


Da werden Kurse angeboten und gebucht.

Da wird teure und teuerste Wolle problemlos verkauft.

Da gibt es Strickabende und Knitalongs und alles mögliche andere, für das die begeisterte Kundschaft gerne bereit ist zu bezahlen. All das für den Spaß an der Freud, aber auch deshalb, damit so ein Laden überleben kann.


Woran kann es also hier liegen?


Das letzte einschneidende Erlebnis war die Schließung des örtlichen Bastelladens. Auch dort konnte niemand gefunden werden, der den Laden übernimmt. Als ich nachgefragt habe, wurde mir erzählt, dass die Banken einfach nicht bereit seien, für Bastelbedarf Kredite zu vergeben. Ladensterben hin oder her.


Kann das der Grund sein? Kein Verständnis für kreative Notwendigkeiten in der Kreditabteilung eines lokalen Geldinstituts?


Diese Erklärung wäre dann aber zumindest wenigstens einigermaßen amüsant.


Vor allem, wenn man weiß, dass erst vor zwei Wochen das dritte Tattoo-Studio hier im Ort neu eröffnet hat. Alle drei höchstens fünf Minuten voneinander entfernt.


Vielleicht ist das ein Wink des Schicksals?


Na dann: ich habe verstanden. Offensichtlich brauche ich ganz dringend ein schickes Wolltattoo!