Sonntag, 31. Januar 2021

Kapitel 158 - Berührungsängste

Nach vielen Jahren unermüdlichen Einsatzes ist es mir in diesem Winter gelungen: ich habe einen Stricker erschaffen.

Sie ist 13 Jahre alt und hat sich beim letzten Weihnachtsfest sehr über Wollgeschenke gefreut, und zwar in unverstricktem Zustand. Es gab ein paar Stränge handgefärbtes Garn, ein bisschen Flausch und Sockenwolle.

Für mich ist das in vielerlei Hinsicht natürlich wunderbar. Zum einen kann ich hier hautnah verfolgen, wie sich jemand bestimmte Techniken und Fähigkeiten aneignet und wie sich dadurch auch Vorlieben ausbilden, zum anderen sehe ich hier, wie man strickt, wenn man keinen Stash hat.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich keinen Stash hatte. Da ich ja auch eine ganze Menge Wolle auf verschiedenen Wegen geerbt habe, hat sich mein ursprünglich kleiner Stash schnell zu einem Boxiversum ausgewachsen.


Aber jetzt bin ich also wieder auf Null.

Gleichzeitig kann ich versuchen, so viele gute Ratschläge wie möglich weiterzugeben:

Nicht zu viele Projekte auf einmal.

Fäden vernähen.

Durchhalten.

Es klappt besser, als ich vorher zu hoffen wagte.


Zu den schönsten Vorweihnachtserlebnissen gehört ein Besuch im lokalen Wollgeschäft, bei dem einfach drauflos ausgesucht werden durfte, was dann dem Christkind übergeben wurde.

Daraus wurde ein wunderbares Kuscheltuch (Hinweis: Ravelry-Link), das jetzt fix und fertig im Handarbeitskorb liegt.


Das Nächste sind ein paar Socken aus dem Opalabo, das wir uns teilen. Auch das ist wunderbar, weil ich immer dachte, für eine Person sind es auf Dauer schon sehr viele Knäuel pro Jahr, vor allem, wenn man noch etwas anderes stricken will. Aber zu zweit? Bestens!

Natürlich habe ich zur Begleitung auch ein paar Socken angeschlagen. Bei mir aus Resten, nach einer Spiralsockenanleitung (GumGum Socke Hinweis: Ravelry-Link). Es sind zwar schon viele meiner Garnüberbleibsel in meine diversen Reste-Häkeldecken gewandert, aber so schnell wie man möchte, geht es eben doch nicht.


Heute habe ich eine RVO-Strickjacke begonnen, die auch - doppelfädig mit schwarz - aus Resten bestehen soll. Und da kam dann endlich die entscheidende Frage auf: "Warum strickst du immer nur aus Resten? Du hast doch so schöne Wolle."


Stimmt das wirklich?

Na, das mit der Wolle stimmt bestimmt. Nicht umsonst hat man ja diverse Wollfeste und Spezialgarnläden besucht, als dies noch ganz normal zum Terminkalender eines Strickers gehörte. Es gilt ja sowieso: für's Hobby muss man auch Geld ausgeben dürfen, sonst macht es keinen Spaß.


Aber stricke ich wirklich nur mit Resten?

Nein, nicht immer. Aber: meine Gedanken kreisen doch oft um meine Reste. Ein paar Projekte, wie den Nanaimo Cardigan (Hinweis: Ravelry-Link) oder den Baw Baw Pullover (Hinweis: Ravelry-Link) habe ich nur begonnen, um zu sehen, wie ich da Reste unterbringen kann. Wenn ich dann noch Garn dazukaufen musste, geschenkt - das war leicht zu rechtfertigen, denn ich habe ja etwas Altes verbraucht.

Oft war auch der Erfolg gar nicht so durchschlagend. So habe ich für diesen Pulli Wolle am Ärmel verstrickt, die dafür gar nicht geeignet war, trotz doppelfädiger Sockenwolle. Seit dem ersten Tag pillt sie wie verrückt.


Das heißt, jetzt geht es also ans Eingemachte. Es stimmt, mein kleiner Stricker hatte recht. Ich habe irgendwie eine Scheu, meine schönen Knäuels, meine herrlichen Stränge anzubrechen. Ich habe auch schon Projekte wieder aufgetrennt, weil ich das Gefühl hatte, sie würden der Wolle nicht gerecht, etwas passt nicht richtig, etwas sieht irgendwie nicht gut aus und vor allem bei Socken beliebt: das Garn ist zu schade. Das hebe ich mir lieber für ein "besonderes Projekt" auf.


Vielleicht weil ich aus einer Generation stamme, in der die Vokabel "auftragen" noch eine Rolle gespielt hat?

Der Wintermantel, die Sandalen, der Badeanzug sind doch noch gut in Schuss. Die kann man noch gut auftragen. Es ist nicht notwendig, in der brandneuen Sonntagsjacke beim Spaziergang durch den Wald zu traben. Da "tut es auch" die alte.


Das bedeutet beim Stricken dann auch, dass ich erst mal meine Reste "aufstricken" muss, die "tun es doch noch", bevor ich das neue, das teure, das besondere Garn anstricken darf. Was für ein alberner Zwang, der aber natürlich, so wie alle inneren Zwänge, gar nicht so einfach abgeschüttelt werden kann, wie man das rational vor sich selbst begründen kann.


Schließlich hat man ja gelernt, dass man das neue Stück Käse im Kühlschrank erst dann anschneidet, wenn das alte aufgegessen ist.

Nur, dass das beim Stricken fast nie passiert. Hier haben wir das Dilemma:

Wer kann denn ernsthaft von sich behaupten, dass er alle seine Reste verbraucht hat?

Na, ich weiß es - mein kleiner, neuer Stricker, dieses kleine Fräulein kann aus dem Vollen schöpfen, und tut das auch, sehr zu meiner Freude.


Und ich?

Ich werde jetzt mal ein Wechselmodell versuchen. Und meine kognitive Dissonanz mit folgendem Mantra zu überwinden suchen: es wächst jeden Tag Wolle nach! Wenn sie verstrickt ist, dann gibt es irgendwo wieder neue!

Mal sehen, ob's klappt.


Und bei dem neuen Kuscheltuch meiner Tochter? Ist ein kleines Mini-Knäuel übrig geblieben. Das werde ich am besten einfach diskret verschwinden lassen. Schließlich will man nicht alle seine wunderlichen Angewohnheiten weitervererben.


P.S.: Gerade habe ich gesehen - den Sockenreste-Wollpullover habe ich letztes Jahr im Januar angeschlagen. Vielleicht ist es nur ein jahreszeitlich bedingtes Formtief? Hoffen wir's.

Mittwoch, 20. Januar 2021

Kapitel 157 - ein neuer Trend???

Es gibt ja Ereignisse, nach denen kann man die Uhr stellen. In jedem einzelnen Januar, den ich auf diesem Planeten bewusst erlebt habe, war der Monat Januar der Moment des Großen-Aufräumens, des Alles-Umkrempelns und wie sollte es anders sein nach den Weihnachtsherrlichkeiten: der Moment der Endlich-Zu-Erfolgenden-Ernährungsumstellung. Vorsätze gibt es ja genug. Da ist es natürlich kein Wunder, dass man als kleiner Stricker im Januar auch den einen oder anderen Plan für das neue Jahr fasst.

Also zum Beispiel eine neue Technik ausprobieren: Patent oder Double-Face oder Steeken.

Oder eine bestimmte Projektart in Angriff nehmen: endlich auch mal einen echten Islandpullover stricken.

Oder eine neuartige Wolle ausprobieren: ich will auch mal mit Mohair einen Flausch erzeugen.


Soweit so normal. Selbst Ravelry hat vor ein paar Jahren einen Challenge-Button eingeführt, bei dem man sich für seine eigene Projektseite der Herausforderung stellen kann, eine vorher selbst bestimmte Anzahl von Projekten in einem Kalenderjahr zu beenden. Dies hat auch bei mir im letzten Dezember noch zu hektischen Manövern geführt, nur damit ich die gesetzte Zahl auch wirklich erreichen konnte. Ein bisschen albern, ich weiß, aber doch ein Supergefühl.


Dieses Jahr, so scheint mir aber, kommt noch eine neue Dimension dazu. Offensichtlich soll 2021 ganz im Zeichen des großen Stash-Abbaus stehen. Auch an dieser Stelle wurde davon schon gesprochen, ganz angesteckt von Mandy Strickt Jeden Tag. Sie ist aber nicht allein. Auch Monika von Momas Wollwelt hat ihre Truhen durchforstet, Kiko von Kikos Strickschule plant weniger Neuanschläge und mehr Projektbeendigungen. Und jetzt höre ich schließlich auch den Frickelcast davon sprechen, im Januar möglichst alle angefangenen Projekte zu beenden. Oder zumindest jeden Monat eine solche Projektleiche aufzustöbern und so lange wieder zu beleben, bis sie fertig ist. Was ist da los? Das Jahr 2021 als das Jahr des Großreinemachens?


Es scheint, als hätten wir Zeit genug. Gerade erst ist der Lockdown erneut verlängert worden. Viele von uns sitzen zu Hause und können mit den Nadeln klappern.

Aber das stimmt natürlich leider nicht. Gerade die Vermischung von Arbeit und Freizeit in den eigenen vier Wänden nimmt langsam aber sicher ein Ausmaß an, das nur noch schwer erträglich ist. Und dazu scheint der neue Trend besonders zu passen.


Es scheint ein allgemeines Gefühl der Notwendigkeit von erfolgreicher Kontrolle zu geben. Wenn ich schon sonst so völlig den Launen eines winzigen Virus ausgesetzt bin, dann kann ich doch wenigstens meine Projektzahl in den Griff bekommen und bei mir zu Hause alles besser organisieren.


Das stimmt wohl und zu dieser Kategorie zähle ich mich selbst auch immer noch. Der Plan, zwei Projekte zu beenden, bevor ein neues angeschlagen wird, hat zu einer fertigen Strickjacke und einem Paar Socken geführt, die sonst vielleicht noch nicht beendet gewesen wären. Das hat mich sehr beruhigt, und aus dieser Ruhe heraus habe ich dann meine neuen Fingerhandschuhe angeschlagen.


Vielleicht ist aber das genaue Gegenteil richtig? Schließlich handelt es sich hier um ein Hobby, um etwas, das unseren Alltagsstress lindert. Es soll Spaß machen, es soll uns beruhigen, vor allem aber soll es zwanglos sein. Wenn wir uns hier auch noch strengen Regeln unterwerfen, dann haben wir überhaupt keinen Raum mehr für Erholung.


Und dann blüht uns vielleicht etwas, wovon wir im Februar wieder zuverlässig lesen werden: der Jojo-Effekt. Zumindest was meine Projekttaschen (und meine Figur) betrifft, so möchte ich lieber darauf verzichten.


Da halte ich mich doch lieber an Mandys neues Motto aus ihrem letzten Podcast: alle Pläne über Bord!


Na dann: Ahoi und eine Buddel voll Rum!


Montag, 4. Januar 2021

Kapitel 156 - Meine persönliche C-Kurve

 2020 war das Jahr der Zahlen und Kurven. Ständig hat man Werte und Diagramme studiert und verfolgt, ob die Kurve abflacht oder ansteigt oder sogar exponentiell ansteigt und so wie es aussieht, wird uns das noch eine ganze Weile auch 2021 begleiten.


Grund genug, dachte ich mir, mal den persönlichen Knäuel-(Re)produktions-Faktor und die ureigene WEK = Wolleinkaufskurve unter die Lupe zu nehmen.


Im Rückblick hat sich zuerst alles noch ganz gut angelassen. Der Lockdown kam, die Kisten waren gefüllt. Endlich war der jahrelang feinsäuberlich kuratierte Wollvorrat vulgo Stash zu etwas Nutze. Man hatte Auswahl, man hatte Gelegenheit und man hat natürlich aus dem Vollen geschöpft.

Mit dieser Idee war ich natürlich nicht alleine, in mehr als einem Podcast oder Blog habe ich davon gehört und gelesen, dass es vielen so ging. Da wurde sogar Pläne aufgestellt, nur aus dem Stash zu stricken oder alle angefangenen Arbeiten zu beenden oder einfach nichts Neues zu kaufen, wenn nicht der Wolladen vor Ort wieder aufmacht.


Das ging auch eine Weile ganz gut. Ich habe mit meiner Rest-Deckenwolle eine neue Corona-Quarantäne-Decke begonnen und jeden Tag ein Fleckerl gestrickt. Genug Wolle war ja da.


Aber…kaum war ein bisschen Ruhe eingekehrt, der neue Alltag organisiert, habe ich gemerkt: ich hatte plötzlich auch viel mehr Zeit mir diverse Podcasts neu anzusehen, auf Ravelry zu stöbern und überhaupt erst neue Strickideen zu bekommen.


Und genau dann haben die Wolläden schließlich doch wieder aufgemacht.


Es kam, wie es kommen musste: nichts wie hin, den lokalen Handel unterstützen und natürlich Wolle für viele neue Ideen kaufen. Mit anderen Worten: meine Wolleinkaufskurve ging steil nach oben.  Ich habe geschwelgt. Und meine Pläne, alles erst einmal aufzustricken waren natürlich perdu.


Dann kam der zweite Lockdown und die zweite Runde an Vorsätzen. Wieder wurde brav aus dem Stash gestrickt, alle vorhandenen Projekttaschen mit den dazugehörigen Projekten unter die Lupe genommen und neu sortiert. Aber natürlich war auch wieder Zeit da, in schon schon vorhandenen Büchern und Magazinen zu stöbern. Sehr hilfreich für die Ideenfindung, aber nicht sehr hilfreich für die Entschlusskraft.


Das Weihnachtsfest kam ins Blickfeld, Geschenke (=Wolle) und Wolle für gestrickte Geschenke musste besorgt werden. Nebenbei gesagt - das ist nach wie vor die beste Entschuldigung für den Wollkauf: "Es ist ja nicht für mich selber, sondern für XYZ." Hahaha.


Dann wurden schon Überlegungen für das neue Jahr angestellt, Strickpläne erwogen, über Make Nines gegrübelt, und die neuen Stricktrends unter die Lupe genommen (dicke und leichte Garne, echte und unbehandelte Schafwollgarne, Klützer, Klützer, Klützer). So viele Sachen!!!


Politisch kamen jetzt auch die Brexit-Verhandlungen in der letzten Runde dazu und die Angst vor möglichen neuen und sicherlich viel höheren Portokosten. Der Klickfinger konnte gar nicht anders als ständig unkontrolliert vor sich hinzuzucken. Und so hat die Weltpolitik meine persönliche Strickpolitik beeinflusst. Die Wollkurve stieg und stieg und stieg.


Damit hat sich meine Strickkurve nahezu nahtlos der vorhandenen C-Kurve angepasst. Anstieg, abflachen, neuerlicher Anstieg. Es ist gar nicht so verkehrt, hier von explosionsartigen Stash-Zunahmen zu sprechen. Alles natürlich, um den lokalen und überhaupt den Wollhandel zu unterstützen. Bin ich unverbesserlich?


Jetzt kann mich eigentlich nur noch Mandy retten. Es ist Januar 2021 und ich steige ein bei Mandys Stash-Abbau-Projekt. Alle meine Projekttaschen habe ich in Kisten gepackt und werde sie nacheinander herausziehen und fertigstricken. Das ist der Plan. So lange bis die Kurve wieder flacher ist. Dann wird man weitersehen. Noch bin ich guter Dinge!


Euch allen, liebe Leser, ein wunderbares neues Jahr. Wir müssen uns einfach weiter durchkämpfen - und sei es durch neue Stash-Berge ;-)

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Kapitel 155 - Die Lösung!

 Wenn man sich so durch die Strickwelt klickt in diesen Tagen, wird wieder mal deutlich, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Ich habe ja schon berichtet, dass der Lockdown im Frühling bei mir nicht zu der vorher imaginierten Pulloverflut geführt hat, sondern ganz im Gegenteil mich wieder zu den gerade glücklich verlassenen Deckenfleckerln zurückgeschickt hat. Andere dagegen haben sich quasi selbst übertroffen und massenweise die ganze Familie eingekleidet.

Jetzt hat uns seit einer Weile - zumindest vorerst - der Alltag einigermaßen wieder und da habe ich gemerkt, dass wir so ungleich gar nicht sind. Das Hauptproblem teilen wir doch alle: woher soll die Strickzeit kommen, wenn so viel zu tun ist?

Dabei halte ich mich schon seit Jahren an die Yarnharlot-Regel und fange erst dann widerwillig mit der Hausarbeit an, wenn, wie sie es formuliert, die Katze am Küchenboden festzukleben beginnt. Ich habe gar keine Katze, aber Ihr versteht, was ich meine. Die Wäsche holt mich natürlich immer schneller wieder ein, aber so ist es eben.

Gleichzeitig beginnt natürlich im Herbst die Strickzeit in allen möglichen Medien und man wird geflutet mit den tollsten Anleitungen, die auf die Tapetenrolle wandern (müssen). OK, was also tun? Tja, da habe ich jetzt für mich über Umwege eine coole Lösung gefunden, die mich gerade total begeistert.

Aber der Reihe nach. Zunächst muss man nämlich wissen, dass ich für mein Leben gerne Sachen, von denen ich gelesen habe, ausprobiere. Ich habe schon (vor Corona-Zeiten) extra Urlaub in Thale (im Harz) gemacht, nur weil ich vorher einen tollen Roman von Fontane gelesen hatte, der im Hotel Zehnpfund in Thale spielt. Wir haben dann auch die Wanderungen gemacht, die Cécile und ihr Mann unternehmen und sind zum Forellen-Essen gegangen, weil das im Roman vorkommt. Es war großartig!

Genauso begeistert war ich, als ich bei meinem Metzger des Vertrauens entdeckt habe, dass Pastrami auch hier zu haben ist. Davon habe ich immer nur im Zusammenhang mit coolen Sandwiches aus New Yorker Delis gelesen. Musste ich natürlich gleich ausprobieren. Ist übrigens auch zu empfehlen.

Da verwundert es natürlich nicht, dass ich im Supermarkt folgende Packung kaufen musste, obwohl ich gar nicht wusste, was es eigentlich ist:


Warum hab ich es mitgenommen? Na, weil ich davon gelesen habe. Tapioka-Pudding gab es in meiner Geschichte, und das wollte ich natürlich ausprobieren.

Glücklicherweise ist man heute ja nicht allein, denn keines meiner Kochbücher konnte mir Auskunft geben, aber ein bisschen Geklicke hat geholfen. Man kann daraus einen Milchpudding kochen. Aber dafür, so wurde empfohlen, braucht man ein spezielles Kochgerät, denn sonst brennt alles gleich an. Und zwar dieses hier:


Das ist, wie ich herausgefunden habe, ein Slowcooker. Ein Kochgerät vor allem aus dem englischsprachigen Raum, das zum einen sehr günstig ist - meins hat nicht einmal €50,- gekostet - und zum anderen tatsächlich alleine vor sich hinschmurgeln kann, ohne dass man dabeistehen muss. Die perfekte Lösung also!!!

Ich bereite meinen Kochkram vor, und dann kann ich mich endlich den wesentlichen Dingen widmen. Und niemand aus der Familie kann sich über die ewige Brotzeit - aka kalte Küche beschweren. Haha!

Im Moment hat beispielsweise ein Geschenk für meinen kleinen Patensohn höchste Priorität, mit Stickerei und allem drum und dran:



Das ist die Anleitung Web Spinner (Achtung, das ist ein Ravelry-Link) - sieht super aus, dauert aber ewig. Alles egal, denn mein schlechtes Gewissen ist ein für allemal perdu. Es kommt was Warmes auf den Tisch und ich darf fröhlich weitermachen.

Und weil es so schön ist, habe ich gleich noch ein Projekt angeschlagen. Hier kann man mir nicht mal besondere Perfidie unterstellen, denn erstens, es handelt sich um superdicke Wolle, und zweitens: der Slowcooker läuft schon wieder. 


Ich bin begeistert!



Montag, 3. August 2020

Kapitel 154 - das Vokabelproblem

In letzter Zeit hat - so mein Eindruck - ein Trend in der Strickwelt überhand genommen, der mir zunehmend gegen den Strich geht, weshalb ich hiermit mal ein bisschen Stellung beziehen will.

Nun ist es ja nicht so, dass ich nicht schon mal was von 'Leben und Leben lassen' gehört hätte, aber: was man auch über mich wissen kann, ist

1) ich liebe Wörter, Wortspiele, schöne Formulierungen, etc. Ich schreibe mir sogar besonders gelungene Metaphern aus Büchern auf und zwar vor allem aus dem Hochgefühl heraus, dass hier jemand etwas auf eine Weise ausgedrückt hat, wie ich das selbst nie gekonnt hätte.
2) ich habe schon reihenweise Nächte mit dem Rotstift und einer Menge Papier verbracht, sodass ich mir über die Jahre eine gewisse Empfindlichkeit antrainiert habe.

Was insgesamt dazu führt, dass es mich tatsächlich nervt, wenn schon wieder einer der angesagten Podcaster, Blogger, Strick-Influencer meint, dass etwas "spannend" ist.

Liebe Leute, was habe ich mir da schon angehört:
Garn ist spannend
Farben sind spannend
Techniken sind spannend
Stricken ist spannend, usw. usw.

Was ist denn da auf einmal los??? Und es ist ja auch nicht nur einer, der davon spricht, nein, alle möglichen Leute haben offenbar keine anderen Vokabeln mehr, wenn sie aus dem Woll-Universum berichten.

Es ist ja nun auch nicht so, dass ich nicht gewisse Mode-Momente der Sprache mitgemacht hätte. Auch ich war mal ein Teenager, der alles Mögliche "süß" fand, was vielleicht gar nicht so ist. Aber ganz ehrlich, Teenager sind wir doch alle nicht mehr.

Daher weiß ich nicht, wie sich hier für mich zum einen das Bemühen um Jugendsprache anfühlt - was nicht alles schon "geil" gefunden worden ist, und das Wort ist nun wirklich mindestens 20 Jahre alt - und zum anderen diese etwas unglückliche Umwidmung eines eigentlich schönen Adjektivs.

Da rufe ich gerne in Erinnerung, was es in Wirklichkeit bedeuten sollte, nämlich das Aufweisen einer so genannten Spannungskurve, bei der man mitfiebern kann: z.B. in einem spannenden Roman, einem spannenden Film, einer spannenden Geschichte.

Aber ein "spannendes Garn"? Ernsthaft? Was soll das denn sein?

Also, um ehrlich zu sein, mich kann das nicht überzeugen.

Stattdessen schlage ich mal unverbindlich das Durchforsten eines Synonymenlexikons vor, dass hier u.U. ein bisschen Hilfestellung geben könnte.

Wie wäre es also damit:
Ein Garn ist: schön, weich, gut verzwirnt, flauschig, dick, dünn, griffig, elastisch, kratzig, ungewöhnlich zusammengesetzt, einheimischen Ursprungs, etc.
Eine Farbe ist: leuchtend, zart, schön, ungewöhnlich, modisch, changierend, glänzend, aus unterschiedlichen Nuancen zusammengesetzt, mit besonders gelungenem Farbverlauf, etc.
Eine Technik ist: kompliziert, einfach, überliefert, neu, interessant, entspannend, etc.

Außerdem entstehen ja jeden Tag neue Wörter, Sprache ist ständig im Fluss, vielleicht wird irgendwo gerade ein neues Wort für diverse Eigenheiten unseres geliebten Hobbys entwickelt. Oder es werden neue Methoden entwickelt, für die dann wiederum neue Wörter benötigt werden. Das wäre dann mal wirklich spannend!


Mittwoch, 8. Juli 2020

Kapitel 153 - vom Stricken in der Krise

Tja, wenn man sich so umsieht, dann könnte man fast glauben, dass es keine Krise mehr gibt, die Leute fahren ja sogar wieder nach Italien in den Urlaub.
Aber ich finde, so ist es ganz und gar nicht. Das böse C-Wort hat die Welt - und mich - voll im Griff.
Auch bei mir ist im März erstmal die Tür zur Arbeit zugegangen und alles ist auf das berühmte Homeoffice umgestellt worden. 

Super, dachte ich, da bist du in der Nähe der Wollschätze und kannst soviel stricken, wie das Herz begehrt. Pläne hatte ich natürlich zur Genüge.
Aber wie so oft - es kam ganz anders!

Zuerst einmal habe ich gemerkt, dass ich gar nicht stricken kann. Zumindest dann nicht, wenn es sich um etwas handelt, was wohlüberlegt sein will, wie z.B. ein Pullover.

Größe entscheiden, Nadel entscheiden, Änderungen entscheiden, das alles hat mich plötzlich völlig überfordert. Ich konnte mich vor Sorge um diverse Risikopatienten in meiner Familie überhaupt nicht konzentrieren. Und alle Nachrichten, die so eingetrudelt sind, waren alles andere als beruhigend. Was tun?

Da fiel mir etwas ein, was mir schon oft geholfen hat, nämlich ein kleines, überschaubares Projekt. Ein Viereck.

Ganz passend dazu haben Arne&Carlos ein Projekt namens 'Hug me later' herausgebracht, eine Jacquard-Decke, bei der sie wöchentlich ein Fleckchen veröffentlicht haben. Sehr gut, dachte ich, da kannst du gleich die Doubleface-Technik üben. Also habe mir ein bisschen Deckenwolle aka Acrylwolle von Stylecraft zurechtgelegt und mitgemacht. Es sind 30 Motive erschienen, aber in der dazugehörigen Facebook-Gruppe haben viele Leute weitere Ideen und Projekte gepostet. Eine große Decke wird mit ungefähr 96 Fleckchen angegeben, da habe ich also noch gut zu tun:


Einstweilen macht mir das Stricken Spaß, Doubleface geht langsam schneller und die Ideen gehen nicht aus. Vor allem die neu ausgedachten Motive der anderen Mitstricker sind wie eine Chronik der Ereignisse und damit mehr als eine neue Decke aus dem Jahr 2020. Sie sind eine wirkliche Memory Blanket.

Zum zweiten war schon lange eine Restedecke fällig. Begonnen im Februar, war jetzt die ideale Zeit, diese zu beenden. Da muss ich nicht viel nachdenken, das schaffe ich, dachte ich mir.

Wieder sprechen wir von Vierecken, diesmal gehäkelt, und zwar nach der einfachen und schönen Anleitung von Claudetta Crochet. Das ist ja meine Haus- und Hofanleitung für jegliche Granny Squares dieser Art und auch diesmal hat sie mich nicht enttäuscht.

Der Vorteil von Restedecken ist natürlich, dass man tatsächlich eine Menge von übrig gebliebenen Garnen nach Belieben hineinarbeiten kann und trotzdem sieht die Decke am Ende gut aus. Vorausgesetzt, man arbeitet mit einer Grundfarbe. In meinem Fall schwarz: 


Diese Decke war für eines meiner Mädels bestimmt. Man beachte - wenn dies auch nur schwer möglich ist - den Rand. Hier wurden kilometerweise eine uralte, ererbte, grüne Jackenwolle verarbeitet, die auf diese Weise noch eine sinnvolle Bestimmung erhalten hat.
Und wie das so ist bei Zwillingen, wollte die zweite der Damen natürlich auch eine Decke und Reste waren noch da:

Mein Fazit aus der Krise: offensichtlich kann ich bei übersichtlichen und einfachen Projekten am besten abschalten. Und wenn sich das viele Deckenstricken und -häkeln stupide anhört, so bleiben mir am Ende doch wenigstens ein paar Erinnerungsprojekte, die mich und meine Lieben in Zukunft warm halten können. Das ist eigentlich gar nicht so wenig, wenn man es recht bedenkt.

Sollten die Dinge aber so werden, wie sie heute schon aussehen, nämlich viel, viel besser als noch vor wenigen Monaten, dann kann ich mich immer noch zurück in die Herrlichkeiten des Pulloverstrickens stürzen. Die Maschenprobe ist schon gemacht:



Donnerstag, 23. April 2020

Kapitel 152 - Vom Vernähen

Seit ich stricke, begegnet mir ein Thema in der Strickwelt immer wieder: das Vernähen der Fäden. Es gibt kaum einen ernstzunehmenden Strickblogger, -podcaster oder -designer, der nicht ausführlich und immer wieder davon berichtet, wie sehr er oder sie es HASST Fäden zu vernähen.
Dieses Gefühl ist so stark, dass sogar verschiedene Rubriken erfunden werden, in denen man Fäden zählt und darüber jammert, in denen man sich mit Grausen abwendet, wenn man ein Strickstück auf links dreht, kurz, in dem man sowohl in Worten wie auch in zahlreichen  Gesten kundtut, dass man sich hier einer Materie nähert, die einfach nur das Letzte vom Letzten ist.

Das führt dann soweit, dass man sich nie, nie, nie überlegen würde, seine Reste z.B. für eine hübsche Decke zu verbrauchen, weil ja vor dem Ergebnis dies hier stünde:



Tatsächlich habe ich noch nie auch nur einen gesehen, der hier einen etwas entspannteren Umgang mit dem Thema an den Tag gelegt hätte. 

Nein, das ist nicht richtig, einen gibt es schon, und zwar Debbie Stoller, die in einem ihrer Stitch'n'Bitch-Bücher sogar davon gesprochen hat, dass sie diese letzte Phase eins Strickstücks sogar besonders liebe. Etwas fertigmachen, etwas hübsch machen und damit also eigentlich zur endgültigen Bestimmung führen.

Aber die meisten, denen ich so begegne - im Moment natürlich nur online - sind sich da einig, Fäden sind das Grauenhafteste, was man sich nur vorstellen kann und überhaupt völlig abzulehnen.
Und dazu wollte ich eigentlich schon immer mal zwei Sachen sagen, die mir selbst über die Jahre (und die vielen Decken) geholfen haben.

Erstens: man muss sich mal das Verhältnis ansehen. Wie lange strickt man einem Stück und wie lange dauert es, bis alle Fäden vernäht sind? Das steht in keinem Verhältnis!

Wenn ich an einer Decke wie der obigen viele Tage häkle und einfach nur meine Fleckerl sammle, dann habe ich am Ende 35 große Vierecke mit jeweils 12 Fäden zu vernähen. Manchmal sind es auch mehr, es sind ja Restedecken und manche Reste reichen nicht für die Rundenzahl, die dafür vorgesehen ist, dann muss man anstückeln. Aber: das ist erledigt an zwei, höchstens drei Abenden. Gemütlich vorm Fernseher oder Podcast. Einfach ein Faden nach dem anderen. Das Häkelvergnügen selbst hat viele Abende länger gedauert, da sind die paar Stunden im Verhältnis nichts und vergehen bei guter Unterhaltung sowieso schnell.

Zweitens: und deswegen wundert mich das Thema eigentlich so. Da muss man auch einfach mal seine großen Hosen anziehen: put your grown-up pants on, wie die Amerikaner sagen.

Es ist doch ganz einfach - entweder ich will eine große Restedecke, einen Fairisle-Pullover, ein Intarsienkunstwerk oder eben nicht. Und wenn ich das will, dann gibt es halt auch Fäden zu vernähen und dann muss ich damit leben. Aber das eine wollen und über das andere jammern, das geht mir nicht in den Kopf.

Und mal ganz ehrlich, in der Zeit, in der ich über die Fädenvernäherei jammere, da habe ich doch schon wieder einen vernäht.

Man kann natürlich auch vorbeugen und immer wieder einen Zwischenvernähtermin einschalten, dann werden die Stapel nicht so deutlich wie bei mir:



Aber das ist natürlich auch eine Typfrage. Ich selbst bin beim Stricken oder Häkeln immer so im Flow, dass ich ungern die Nadel aus der Hand lege, um dann nur ein einziges Stück zu vernähen. Ich bin eher für die Blockabfertigung. Aber wenn man anders drauf ist, dann kann das auch helfen. Lucy von Attic24 z.B. empfiehlt dringend, bei vielfarbigen Motiven, alles gleich zu vernähen.
Zu meiner Theorie über das Zeitverhältnis verweise ich mal kurz über ein neueres Video von Arne&Carlos. Arne häkelt in Echtzeit eine Häkelblume und vernäht dann die Enden. Die Blume dauert 23 Minuten, das Vernähen ganze 3 Minuten.

Also nicht verzagen, immer das Verhältnis im Kopf haben und mutig voran - es dauert ehrlich nur einen Bruchteil der Arbeitszeit vorher. Und ganz aktuell natürlich, wann, wenn nicht jetzt ist der ideale Zeitpunkt dafür? Viel Spaß!