Mittwoch, 28. Juli 2021

Kapitel 163 - Sommergrüße von der Sockeninsel

Noch vor wenigen Jahren, als mich dieses Hobby längst gepackt hatte, saß ich lange - eigentlich zu lange - auf der Sockeninsel fest.


Ich strickte ein Paar nach dem anderen und kaufte auch ein Knäuel Sockenwolle nach dem anderen. Socken für mich, Socken für die Kinder, Socken als Weihnachtsgeschenk, Socken auf eine Bitte hin, Socken für alle.


Damit einhergehend und zusätzlich angespornt von diversen hippen Strickbloggern, machte sich auch sogleich mein Sammeltrieb bemerkbar. Auf Flohmärkten, bei Internetsuchen und natürlich in meinem lokalen Buchhandel fand ich viele Schätze, die ich seither wie meinen Augapfel gehütet habe.


Denn - Überraschung - viele dieser Anleitungsbücher stellten sich als zu anspruchsvoll für meine damaligen bescheidenen Strickkünste heraus. Nachdem man gerade erst verstanden hat, wie eine Käppchenferse funktioniert, sind Cookie A's Bücher nicht automatisch der nächste Schritt. Sie waren aber wunderhübsch anzuschauen.


Meine Strickfähigkeiten vergrößerten sich aber schließlich doch schön langsam und so folgte ein Paar auf das andere. Socken im Jacquardmuster, Socken mit Zöpfen, Socken mit Lochmuster. Kaum war ein Paar abgekettet, wurde das nächste angeschlagen.


Dann, ganz plötzlich, verschwand das Sockenfieber. Ich versuchte mit aller Kraft endlich die Insel zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Mehr Tücher, mehr Mützen, vor allem aber mehr Oberteile - endlich!


Die Socken blieben zwar in meinem Hinterkopf, aber da waren sie für eine Weile ganz gut aufgehoben. Wer will schon Socken stricken, wenn er es endlich geschafft hat, einen passenden Pullover zu zaubern?


Außerdem musste ich doch ausprobieren, was an diesen "entspannenden langen Reihen" dran ist, von denen eine Strickfreundin schwärmte. Und tatsächlich: da ist was dran.


Ich merkte so einiges:

Man kann auch mit 3mm Nadeln eine Strickjacke fertigstellen, dauert zwar, aber funktioniert.

Wenn man dabei bleibt, dann kommt man auch bei Oberteilen gut voran.

Und schließlich - es ist durchaus möglich, passende Oberteile zu stricken, die nach der Fertigstellung keine Enttäuschung sind.


Ich war also gut beschäftigt.


Erst eine sehr lange Weile später tauchten die Socken aber doch wieder langsam auf.


Zunächst nur in der Rezeption - die Sockenberichte in diversen Podcasts ("sock tawk") bereiteten nicht wenig Vergnügen und von dort habe ich auch drei Ideen aufgeschnappt:


  1. Socken in glatt rechts passen einfach am besten.
    Vor allem, wenn man sie rund um's Jahr in Schuhen trägt und nicht einfach zum Herumschlappen zu Hause.
  2. Man kann kleine Sockenwollreste perfekt für Bündchen, Ferse und Spitze verwenden. Macht mehr Spaß und sieht am Ende hübsch aus. Und macht natürlich auch im Wollbudget Sinn.
  3. Und schließlich sind Socken das perfekte Belohnungsprojekt - das, was auf englisch instant gratification genannt wird - sofortige Belohnung.


Da war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich meine Wollreste neu sortiert, ein neues Paar angeschlagen und sogleich fertig gestrickt habe.

Herrlich. Passende und vor allem hübsche Socken. Und ein fertiges Projekt. Nach nur ein paar Abenden Strickzeit.


Auch das neu zugelegte gehälftelte Opal-Abo tat da sein Übriges. Große Auswahl und vor allem viele Kombinationsmöglichkeiten mit meinen Resten.




Das heißt also, die Sockeninsel kam wieder in den Blick, wurde langsam größer, und schließlich habe ich doch wieder am Ufer angelegt.


Aber in der Zwischenzeit hat sich auch was getan.


Cookie A's Anleitungen sind kein Mysterium mehr. Ich bin mutiger, einzelne Abschnitte der Anleitung zu ändern ohne gleich Angst zu haben, alles zu verderben. Und ich bin so schnell fertig! 


Sockenstricken ist eben doch ein Kick - mit dem cleveren Nebeneffekt, immer ein Geschenk in der Hinterhand zu haben.


Alles gut also? Rückkehr zur Sockeninsel? Ganz so schlimm ist es nicht. Mein Plan ist jetzt ganz einfach:


Ein Paar Socken als laufendes Projekt ist OK. Das ist gut für Wartezeiten, für Abende, an denen Beruhigung notwendig ist, oder wenn ich nicht nachdenken will oder kann.


Ein neues Paar schlage ich erst an, wenn das jetzige in Arbeit fertig ist.

Klappt bestens bisher und mal ehrlich: wer kann bei einer solch genialen Anleitung auch widerstehen?


Socken kai-mei aus dem Buch Sock Innovation.




Mittwoch, 14. Juli 2021

Kapitel 162 - der V-Ausschnitt und ich

Man hat ja nicht umsonst diverse 'Was steht mir am besten?' Bücher studiert. Da hat sich also nach langer Lektüre ergeben, dass der V-Ausschnitt für viele Leute - und damit auch für mich - eine ganz vorteilhafte Halsausschnittsform ist.

Also will ich natürlich auch meine persönlich angefertigten Kleidungsstücke mit einem solchen V-Ausschnitt schmücken. Klappt soweit ganz gut, beim RVO nimmt man also einfach langsam vorne beidseitig zu, bis man schließlich zur Runde schließt und den Pullover fertig strickt.

Dann noch schnell die Maschen aus dem Ausschnitt aufnehmen, Bündchen dran und fertig.


Klingt einfach und ist es auch - wenn..., ja wenn es sich um ein einfarbiges Garn handelt.

Über die Jahre hat man sich eine gut funktionierende Randmasche angewöhnt, die Maschenaufnahme klappt damit, und der Pulli sieht OK aus.




Was passiert aber bei einem Streifenpulli? Die vielen Farbwechsel bringen die Fadenspannung durcheinander, die Randmasche verändert sich.




Auch beim x-ten Versuch will es einfach nicht gelingen, hier die Maschen anständig aufzunehmen. Ich komme über einen einigermaßen krakeligen Rand nicht hinaus. Das gestrickte Bündchen sieht ja ganz gut aus, aber der Rand des V-Ausschnitts? Nein danke. Dieser Pulli wird ganz sicherlich das überlaute Etikett selbstgemacht von der Welt da draußen verliehen bekommen. Und das ist nie so nett gemeint, wie es klingt.


Jetzt bin ich zwar die letzte, die etwas gegen kleinere Fehler hat. Damit kann ich ganz gut leben. Aber der gesamte Ausschnittrand? Vorne am Pullover? Das geht zu weit.


Für die Lösung, die mir schließlich eingefallen ist und die ich gerne mit Euch teile, benötigt man dieses kleine und alltägliche Gerät:




Man beginne also am Rückenteil und häkle eine Reihe fester Maschen. Gesagt, getan.


Dann aber kommt mir wieder der V-Ausschnitt entgegen, ich häkle weiter und…das geht ja gar nicht! Das ist ja sogar schlimmer als vorher, denn jetzt sieht man die seltsamen 'Füßchen' der festen Maschen.




Also nochmal Kommando zurück.

Wir beginnen am Rückenteil, häkeln feste Maschen, aber wenn die V-Ausschnittsschrägung in den Blick kommt, dann wechseln wir und arbeiten Kettmaschen durch die Maschen der Schrägung hindurch.






Das geht mit ein bisschen Übung leicht von der Hand und man kann die Schrägung ganz wunderbar nachkontrollieren.


Ordentlich genug?

Genügend Maschen pro Farbrapport?

Passt!




So arbeitet man sich um die Schrägung herum wieder auf die Rückseite. Sobald das Gestrick wieder gerade wird, werden wieder feste Maschen gehäkelt.


Bei der letzten Masche wird die Häkelschlaufe auf eine Stricknadel gelegt. Die Stricknadel deutlich dünner wählen und dann durch die hinteren Schlaufen der Häkelmaschen hindurch einfach die Maschen für den Halsausschnitt aufnehmen.





Weiter geht's in der nächsten Runde mit der normalen Bündchennadel.






Dadurch entsteht eine Art Naht um den Halsausschnitt herum, die ganz gut zu einem V-Ausschnitt passt.



Am V-Ausschnitt



Auf der Rückseite


Und der hässliche Rand mit den ungleichmäßigen Maschen und den vielen Fäden verschwindet im Inneren.



Wer sagt's denn? Da hatte ich tatsächlich mal eine vernünftige Idee.


Jetzt muss ich nur noch die verflixte Mittelmasche schöner stricken. Gute Ideen sind immer willkommen!



Donnerstag, 8. Juli 2021

Kapitel 161 - Lasst uns den Trend umkehren!

Eigentlich klingt es ja ganz einfach. Im Winter ist es kalt, da stricke ich mir einen warmen Pullover und im Sommer ist es warm, da brauche ich ein luftiges Oberteil.

Daran orientieren sich seit vielen Jahren alle großen Garnfirmen und natürlich auch die einschlägigen Publikationen. Alle Influencer, die Rang und Namen haben, zeigen gerade jetzt die neuen Sommergarne und werden uns sicherlich erst im Oktober die neuen kuschligen Winterflauschträume präsentieren.


Das funktioniert mit derselben Regelmäßigkeit, mit der es im November Plätzchenrezepte zu lesen gibt und im Januar die neuesten Diättrends.


Wir sind so daran gewöhnt, dass wir uns sogar wundern würden, wenn es jetzt nicht überall Baumwoll- und Leinengarne zu sehen gäbe. Wir wollen die tollen Qualitäten natürlich auch alle gerne haben, am liebsten schon in das wunderhübsche Oberteil verwandelt, das wir dank großflächiger Werbung ins Auge gefasst haben. Das wär's doch.


Genau darin liegt aber natürlich die Crux an der Sache. Stricken ist so langsam. Es ist sogar gaaaanz laaaaaangsam. Bei mir zum Beispiel und sicherlich auch bei vielen anderen, die ihre Zeit noch mit einem Arbeitgeber teilen müssen, der zwar das Geld für die Wolle bezahlt, aber der natürlich auch etwas für seine monetären Beiträge sehen will.


Also brauche ich für einen Pulli nicht nur eine Woche, sondern mindestens einen Monat, meistens mehr, sodass aus dem Winter ganz schnell der Frühling und aus dem Sommer flugs der Herbst wird.


Nicht zum ersten Mal habe ich einen im Winter begonnenen Schmusepullover erst in der nächsten - und manchmal sogar in der übernächsten - kalten Saison tragen können. Sehr schade!


Ich schlage daher einen Gegentrend vor.

Weg von den sommerlichen Knit-alongs, die wir sowieso nur unter Aufbietung aller Ressourcen bzw. bei sträflicher Vernachlässigung von allen anderen sommerlichen Vergnügungen irgendwie schaffen und stattdessen hin zur antizyklischen Strickbewegung.


Wie wär's denn, wenn man uns im Sommer das neue Flauschgarn mit all seinen neuen Farben vorstellen würde? Dann könnten wir gemütlich auswählen, die Maschenprobe stricken (was sicherlich auch bei hochsommerlichen Temperaturen klappt) und uns vielleicht sogar schon an einen Anschlag wagen.


Meist hat der Sommer ja auch ein paar kühlere Tage, sodass wir gemütlich an unserem neubegonnenn Winterpulli stricken können, damit wir ihn pünktlich zum richtig kühlen Herbst überstreifen können.


Und andersherum genau so. Wer hat nicht nach Wochen der Dunkelheit auf Grund der kurzen Tage Sehnsucht nach der Unbeschwertheit einer lauen Sommernacht? Und was könnte diese Sehnsucht besser stillen als das Wühlen in sommerlichen Farben und Anleitungen? Im Januar angeschlagen, ist das hübsche Top auch sicherlich bis zum Juli fertig.


Das könnte sogar ich schaffen!

Mittwoch, 30. Juni 2021

Kapitel 160 - Vom Verschenken und Verpacken

Zuerst eine gute Nachricht: es gibt wieder Wolle zu bewundern. Stash hin oder her. Manchmal muss man sich einfach inspirieren lassen, wenn man in der Podcast-Welt über neues Garn stolpert. Ich habe also auch fleißig den Bestellknopf gedrückt, mich bei diversen Läden sogar neu angemeldet und durfte mich freuen, wenn die Sachen dann eingetrudelt sind.

Jetzt aber die schlechte Nachricht: nicht alles ist für mich, denn ich verschenke ja auch gern Sachen, also habe ich für meine Geschenke-Woll-Freundin auch Wolle bestellt.


Und natürlich ist das ja eigentlich gar keine schlechte Nachricht, sondern vielmehr eine gute, weil Verschenken ja Spaß macht.


Hier könnte ich jetzt sogar in eine kleine Fußnote abschweifen, in der ich ausführlich erkläre, dass mein Lieblingsjob tatsächlich Geschenkeberater wäre - falls es sowas überhaupt gibt - weil es mir un-glaub-lich Spaß macht, Sachen zu finden, die perfekt für jemanden passen und auf die derjenige (oder diejenige) selbst gar nicht gekommen wäre. Mein Meisterstück war mal eine sehr clevere und sehr helle und dünne Stabtaschenlampe, die ich meinem ständig mit Projekten beschäftigten Vater geschenkt habe und die dieser dann viel später sogar auf eine gemeinsame Reise mitbekommen hat, weil er gar nicht mehr ohne aus dem Haus geht. Erfolg? Na, also bitte, das war unglaublich cool.


Naja, das war natürlich zu Zeiten als Reisen noch möglich war und damit wir jetzt alle sentimental werden, schiebe ich gleich hinterher, dass dies eine Reise nach Leipzig gewesen ist, und zwar natürlich im Frühling. Wolle für mich und Babysitter/Stadttour für den Opa - was für ein Fest. Aber OK, OK, genug geseufzt.


Oder vielleicht doch noch nicht, denn jetzt kommt noch eine wirklich schlechte Nachricht. Meine liebe Woll-Freundin wohnt in England und daher hat mein Paket diese Reise noch gar nicht angetreten. Zu teuer und zu kompliziert.


Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist dies. Wolle für mich bestelle ich eigentlich eher bei großen Wollversendern, daher bin ich die Päckchen, die da kommen, gewohnt. Zum Beispiel dieses hier vom Opalabo. Kleine Box, Wolle drin und ich freue mich.



In dem Fall, um den es jetzt aber gehen soll, kam aber von der tollen Färberin BlackFlockFibres folgendes Paket an:




Man sieht also: die Wolle ist drin, sehr schön und sicher verpackt, worüber ich mich auch gefreut habe, aber schaut mal, was da alles noch so liegt: ein Teebeutel, Aufkleber, eine handgeschriebene Karte und watt weiß ich noch alles.


Dann habe ich mich daran erinnert, dass das ja auch immer von diversen Podcastern so 'gefeiert' wird (übrigens - diese Vokabel wäre ja auch mal einen eigenen Blogeintrag wert, die finde ich mindestens so seltsam wie das ewige 'spannend').


Also, was ich eigentlich sagen wollte - genau diese Extra-Verpackungsarbeit, die sich Miriam und Anna hier so hübsch und aufmerksam gemacht haben - ganz ehrlich - braucht man die wirklich?

Ich habe mich doch durch die Fotos geklickt und mich für diese Handfärberinnen entschieden, weil ich ihre Arbeit und Wolle toll finde. Das will ich ja doch eigentlich haben.


Und sie dann sozusagen durch sozialen Druck zu verpflichten, mir beim Auspacken auch noch ein Erlebnis zu bescheren? Das ist doch wirklich zu viel! Für dieses Erlebnis habe ich doch - bitte schön - selbst zu sorgen.


Und besonders amüsant finde ich die diversen Influencer und Influencerinnen, wenn sie dann auch noch begeistert von all den zusätzlichen Giveaways sind, die doch, wenn wir ehrlich sind, wirklich gar nicht nötig sind. Wer braucht denn das 150ste kleine Plastiknadelmaß oder noch eine Zopfnadel?


Und damit es dann so richtig albern wird, sind das häufig auch diejenigen Strickszenestars, die viel Zeit und Energie auf das Finden von möglichst biologischer, dem Schaf zartfühlend heruntergeschmeichelter, pflanzengefärbter Superwolle verwenden. Da passt doch der viele Verpackungsmüll und die vielen Extra-Plastiktütchen gar nicht dazu! Von der Extraarbeit, die wir unseren wunderbaren Färbern und Färberinnen aufhalsen, gar nicht zu reden.


Liebe Leute, beruhigt Euch, möchte ich da rufen. Es ist doch die Wolle, die wir toll finden und nicht die Verpackung.


Da lobe ich mir die österreichische Handfärberin, die mir auf einem Festival (ja, lang ist's her) die Wolle mal so verkauft hat:



Passt doch! Die Wolle ist geschützt, und es ist kein Extramaterial angefallen. Was wollen wir mehr?





Mittwoch, 23. Juni 2021

Kapitel 159 - Mein Shame-Shirt

Begonnen hat alles mit einem guten Vorsatz. Nicht zum ersten Mal und sicherlich auch nicht zum letzten Mal. Nebenbei bemerkt: schon das Wort 'Vorsatz' müsste den werten Leser bzw. die Leserin eigentlich stutzig machen. Da ist die Rutschpartie ins Chaos doch schon vorprogrammiert.

Aber kehren wir zu den Anfängen der Geschichte zurück.


Es ist Juni, also Pride Month, wie jeder aufmerksame Mensch auf diesem Planeten sicherlich weiß und gutheißt. Wie bereits im letzten Jahr veranstaltet die engagierte und freundliche Podcasterin Sissi den so genannten Regenbogen-Make-Along (Hinweis: Ravelry-Link), bei dem genau dieses Thema im Zentrum steht. Die Regenbogenfarben als Zeichen der Sichtbarkeit für eine diversifizierte und offene Gesellschaft sind das Thema, die Ausführung der Projekte bleibt jedem selbst überlassen.


Na, da will ich doch mal! Bereits letztes Jahr habe ich erfolgreich mitgemacht und hatte meinen bunten Spaß im Juni.

Dieses Mal ist ein Ringelshirt (Hinweis: Ravelry-Link) aus meiner langfristigen Projektplanungsliste raketenartig nach oben gerückt und sollte also sofort angeschlagen werden.


Und ganz gemäß meiner immer noch aktiven Stashbemühungen für 2021 habe ich natürlich Reste im Visier gehabt. Aber eben, wie der Zufall so freundlich wollte, hübsche Reste in bunten Farben.




Los geht's. Die gewählte Anleitung passt sogar in die ebenfalls von mir positiv begrüßte Knit-a-book-challenge, weil sich bei mir ja auch ein nicht geringer Bücher-Stash befindet.


Es läuft auch alles nach Plan. Maschenprobe und damit auch Festlegung der Streifenbreite klappten super. Richtige Größe ausgesucht und sofort angeschlagen.


Nach gut 2cm habe ich mir das Gestricksel mal locker um den Hals gelegt und dachte mir, das wird aber reichlich weit. Das rutscht ja von den Schultern. Also Kommando zurück. Aufgetrennt und neu angeschlagen, diesmal in einer kleineren Größe.


Nach weiteren 2cm habe ich mich entschlossen, doch schnell Kopien der Buchseiten anzufertigen, damit ich nicht immer mein Taschenbuch mit diversen Kaffeetassen in wackliger Position offenhalten muss. In diesem Zusammenhang gelingt es mir offensichtlich auch, einen richtigen Blick in die Anleitung zu werfen und was muss ich sehen? Entgegen meiner automatischen Annahme beginnt das Oberteil VON UNTEN und nicht etwa wie automatisch angenommen top down. Na, kein Wunder, dass die erste Version so weit gewesen ist. Und auch kein Wunder, dass die neue, kleinere Maschenzahl auf keinen Fall über meine hübschen aber stattlichen Hüften passen würde. Also nochmal aufgetrennt und wieder die ursprüngliche Maschenzahl angeschlagen.


Da geht es dann eine Woche lang voran. Von kleineren Ausrutschern wie dem Vergessen des Nadelwechsels direkt nach dem kraus rechten Bündchen und der nachfolgenden Flip-flap-Bewegung des Strickstücks nicht zu reden. Da habe ich einfach große Hoffnungen in das Thema Spannen und Dämpfen gelegt. Oder mir eingeredet.


Nach einer Woche und ungefähr der Hälfte der erforderlichen Länge vor der Passe ist Bestandsaufnahme angesagt.



Diese ergibt Folgendes:

  1. Das Flip-flap nervt.
  2. Ich verstricke Reste, d.h. der Wollvorrat ist begrenzt. In der Passe werden die Streifen sehr breit und ein Anstückeln in der Grundfarbe (weiß) sieht hier besonders blöd aus.
  3. Die von mir gewählte Maschenprobe ergibt als Pullover ein echt festes Gestrick, das sich u.U. nicht so toll eignet für hochsommerliche Temperaturen, wie sie gerade herrschen.


Also Kommando zurück. Neue Maschenprobe und neue Festlegung der richtigen Maschenzahl. Diesmal verzichte ich auch auf ein kraus rechtes Bündchen, sondern stricke stattdessen mein geliebtes Rippenbündchen. Hab ich auch erst gemerkt, nachdem ich mit größerer Nadel ein superlockeres und damit ätzendes Bündchen gestrickt hatte, aber was soll's, diesmal war's nur ein kleiner Umweg.


Los geht's also wieder.

Aber: um dieses Bündchen als Effekt einzusetzen und nicht wie eine Abbindeschnur in Rügenwalder-Teewurst-Manier muss ich zuerst mehr Maschen anschlagen und sie dann in der ersten Reihe des 'normalen Musters' wieder abnehmen. In der Anleitung wird allerdings in der ersten Reihe nach dem Bündchen bereits kräftig zugenommen. Dann beginne ich eben mit dieser endgültigen Maschenanzahl.

In diesem Plan steckt natürlich ein grober Denkfehler, aber wer findet den schon bei über 30°C im Schatten? Ich nicht!


Das heißt, ich beginne einfach einfach neu, und zwar mit größerer Nadel bereits fürs Bündchen. Das ursprüngliche Strickstück ist noch nicht wieder in seine Bestandteile zerlegt, weil ich zuerst testen will, ob mir das neue Gestrick wirklich lockerer und damit besser erscheint.


Nach ein paar Farbwechseln beginnt das innere Wollhühnchen wieder zu gackern. Reicht denn die Wolle wirklich? Hast du überhaupt ausgerechnet, ob bei der neuen Maschenprobe oben auch die richtige Farbe herauskommt (natürlich nicht). Die Passe ist ja schon wirklich breit, wäre denn top-down in so einem Fall nicht besser?


Es wurde laut in meinem Kopf und schließlich habe ich aufgegeben. 

Na gut, dann aber ein Raglan-Streifenshirt. Da komme ich mit der Anleitung von Thorsten Duit (Achtung: Ravelry-Link) gut zurecht und ich kann das Bündchen unten ja immer noch länger machen, sollten die Farben wirklich nicht reichen. Wenigstens kann ich aber dann in meiner Lieblingsfarbe oben anschlagen. Es soll ein V-Ausschnitt sein, da gibt es zwar einiges zu beachten, aber was soll's, los geht's endlich.


Schnell den Kragen ausgemessen, in den Raglan-Rechner eingegeben und ran.


Bei Farbe 3 - wir befinden uns mittlerweile in der dritten Juniwoche - stelle ich fest, dass Thorsten recht hat. Man muss tatsächlich aufpassen, dass einem der V-Ausschnitt nicht von der Schulter fällt. Wer hätte das gedacht???


Außerdem würde mein V-Ausschnitt bei dem Tempo meiner zögerlichen Zunahmen (jede dritte Hinreihe) locker bis zum Bauchnabel reichen und das wäre in meinem Alter und auch, wenn wir mal ehrlich sind, bei meiner Figur nicht so erstrebenswert. So breit kann das Bündchen da nicht mehr werden, um hier was zu retten.


Es kommt also, wie es kommen muss. Auch diese Version fliegt von den Nadeln und endlich meldet sich bei mir jemand Vernünftiges im Kopf. "Nimm mal ein Oberteil mit V-Ausschnitt, das passt", heißt es plötzlich, "und messe da den Halsausschnitt." Clevere Idee, denke ich mir. Gesagt getan. Und siehe da, statt 65cm kommt plötzlich nur 58cm heraus. Sitzt immer noch schön locker, aber eben nicht wie ein Carmenausschnitt gleich zu Beginn.


Und dann geht es plötzlich endlich richtig voran. Die Nadelstärke ist gut gewählt, die Farben machen Spaß und das Strickstück wird passen. Aber in diesem Juni wird es nicht mehr fertig. Shame on me!





P.S.: Na, wer hat mitgezählt? Ich bin in der siebten Runde und von Knitter's Pride kann nicht mehr die Rede sein. Aber für den ursprünglichen Zweck stricke ich es fertig. Das wäre ja gelacht!


Sonntag, 31. Januar 2021

Kapitel 158 - Berührungsängste

Nach vielen Jahren unermüdlichen Einsatzes ist es mir in diesem Winter gelungen: ich habe einen Stricker erschaffen.

Sie ist 13 Jahre alt und hat sich beim letzten Weihnachtsfest sehr über Wollgeschenke gefreut, und zwar in unverstricktem Zustand. Es gab ein paar Stränge handgefärbtes Garn, ein bisschen Flausch und Sockenwolle.

Für mich ist das in vielerlei Hinsicht natürlich wunderbar. Zum einen kann ich hier hautnah verfolgen, wie sich jemand bestimmte Techniken und Fähigkeiten aneignet und wie sich dadurch auch Vorlieben ausbilden, zum anderen sehe ich hier, wie man strickt, wenn man keinen Stash hat.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich keinen Stash hatte. Da ich ja auch eine ganze Menge Wolle auf verschiedenen Wegen geerbt habe, hat sich mein ursprünglich kleiner Stash schnell zu einem Boxiversum ausgewachsen.


Aber jetzt bin ich also wieder auf Null.

Gleichzeitig kann ich versuchen, so viele gute Ratschläge wie möglich weiterzugeben:

Nicht zu viele Projekte auf einmal.

Fäden vernähen.

Durchhalten.

Es klappt besser, als ich vorher zu hoffen wagte.


Zu den schönsten Vorweihnachtserlebnissen gehört ein Besuch im lokalen Wollgeschäft, bei dem einfach drauflos ausgesucht werden durfte, was dann dem Christkind übergeben wurde.

Daraus wurde ein wunderbares Kuscheltuch (Hinweis: Ravelry-Link), das jetzt fix und fertig im Handarbeitskorb liegt.


Das Nächste sind ein paar Socken aus dem Opalabo, das wir uns teilen. Auch das ist wunderbar, weil ich immer dachte, für eine Person sind es auf Dauer schon sehr viele Knäuel pro Jahr, vor allem, wenn man noch etwas anderes stricken will. Aber zu zweit? Bestens!

Natürlich habe ich zur Begleitung auch ein paar Socken angeschlagen. Bei mir aus Resten, nach einer Spiralsockenanleitung (GumGum Socke Hinweis: Ravelry-Link). Es sind zwar schon viele meiner Garnüberbleibsel in meine diversen Reste-Häkeldecken gewandert, aber so schnell wie man möchte, geht es eben doch nicht.


Heute habe ich eine RVO-Strickjacke begonnen, die auch - doppelfädig mit schwarz - aus Resten bestehen soll. Und da kam dann endlich die entscheidende Frage auf: "Warum strickst du immer nur aus Resten? Du hast doch so schöne Wolle."


Stimmt das wirklich?

Na, das mit der Wolle stimmt bestimmt. Nicht umsonst hat man ja diverse Wollfeste und Spezialgarnläden besucht, als dies noch ganz normal zum Terminkalender eines Strickers gehörte. Es gilt ja sowieso: für's Hobby muss man auch Geld ausgeben dürfen, sonst macht es keinen Spaß.


Aber stricke ich wirklich nur mit Resten?

Nein, nicht immer. Aber: meine Gedanken kreisen doch oft um meine Reste. Ein paar Projekte, wie den Nanaimo Cardigan (Hinweis: Ravelry-Link) oder den Baw Baw Pullover (Hinweis: Ravelry-Link) habe ich nur begonnen, um zu sehen, wie ich da Reste unterbringen kann. Wenn ich dann noch Garn dazukaufen musste, geschenkt - das war leicht zu rechtfertigen, denn ich habe ja etwas Altes verbraucht.

Oft war auch der Erfolg gar nicht so durchschlagend. So habe ich für diesen Pulli Wolle am Ärmel verstrickt, die dafür gar nicht geeignet war, trotz doppelfädiger Sockenwolle. Seit dem ersten Tag pillt sie wie verrückt.


Das heißt, jetzt geht es also ans Eingemachte. Es stimmt, mein kleiner Stricker hatte recht. Ich habe irgendwie eine Scheu, meine schönen Knäuels, meine herrlichen Stränge anzubrechen. Ich habe auch schon Projekte wieder aufgetrennt, weil ich das Gefühl hatte, sie würden der Wolle nicht gerecht, etwas passt nicht richtig, etwas sieht irgendwie nicht gut aus und vor allem bei Socken beliebt: das Garn ist zu schade. Das hebe ich mir lieber für ein "besonderes Projekt" auf.


Vielleicht weil ich aus einer Generation stamme, in der die Vokabel "auftragen" noch eine Rolle gespielt hat?

Der Wintermantel, die Sandalen, der Badeanzug sind doch noch gut in Schuss. Die kann man noch gut auftragen. Es ist nicht notwendig, in der brandneuen Sonntagsjacke beim Spaziergang durch den Wald zu traben. Da "tut es auch" die alte.


Das bedeutet beim Stricken dann auch, dass ich erst mal meine Reste "aufstricken" muss, die "tun es doch noch", bevor ich das neue, das teure, das besondere Garn anstricken darf. Was für ein alberner Zwang, der aber natürlich, so wie alle inneren Zwänge, gar nicht so einfach abgeschüttelt werden kann, wie man das rational vor sich selbst begründen kann.


Schließlich hat man ja gelernt, dass man das neue Stück Käse im Kühlschrank erst dann anschneidet, wenn das alte aufgegessen ist.

Nur, dass das beim Stricken fast nie passiert. Hier haben wir das Dilemma:

Wer kann denn ernsthaft von sich behaupten, dass er alle seine Reste verbraucht hat?

Na, ich weiß es - mein kleiner, neuer Stricker, dieses kleine Fräulein kann aus dem Vollen schöpfen, und tut das auch, sehr zu meiner Freude.


Und ich?

Ich werde jetzt mal ein Wechselmodell versuchen. Und meine kognitive Dissonanz mit folgendem Mantra zu überwinden suchen: es wächst jeden Tag Wolle nach! Wenn sie verstrickt ist, dann gibt es irgendwo wieder neue!

Mal sehen, ob's klappt.


Und bei dem neuen Kuscheltuch meiner Tochter? Ist ein kleines Mini-Knäuel übrig geblieben. Das werde ich am besten einfach diskret verschwinden lassen. Schließlich will man nicht alle seine wunderlichen Angewohnheiten weitervererben.


P.S.: Gerade habe ich gesehen - den Sockenreste-Wollpullover habe ich letztes Jahr im Januar angeschlagen. Vielleicht ist es nur ein jahreszeitlich bedingtes Formtief? Hoffen wir's.

Mittwoch, 20. Januar 2021

Kapitel 157 - ein neuer Trend???

Es gibt ja Ereignisse, nach denen kann man die Uhr stellen. In jedem einzelnen Januar, den ich auf diesem Planeten bewusst erlebt habe, war der Monat Januar der Moment des Großen-Aufräumens, des Alles-Umkrempelns und wie sollte es anders sein nach den Weihnachtsherrlichkeiten: der Moment der Endlich-Zu-Erfolgenden-Ernährungsumstellung. Vorsätze gibt es ja genug. Da ist es natürlich kein Wunder, dass man als kleiner Stricker im Januar auch den einen oder anderen Plan für das neue Jahr fasst.

Also zum Beispiel eine neue Technik ausprobieren: Patent oder Double-Face oder Steeken.

Oder eine bestimmte Projektart in Angriff nehmen: endlich auch mal einen echten Islandpullover stricken.

Oder eine neuartige Wolle ausprobieren: ich will auch mal mit Mohair einen Flausch erzeugen.


Soweit so normal. Selbst Ravelry hat vor ein paar Jahren einen Challenge-Button eingeführt, bei dem man sich für seine eigene Projektseite der Herausforderung stellen kann, eine vorher selbst bestimmte Anzahl von Projekten in einem Kalenderjahr zu beenden. Dies hat auch bei mir im letzten Dezember noch zu hektischen Manövern geführt, nur damit ich die gesetzte Zahl auch wirklich erreichen konnte. Ein bisschen albern, ich weiß, aber doch ein Supergefühl.


Dieses Jahr, so scheint mir aber, kommt noch eine neue Dimension dazu. Offensichtlich soll 2021 ganz im Zeichen des großen Stash-Abbaus stehen. Auch an dieser Stelle wurde davon schon gesprochen, ganz angesteckt von Mandy Strickt Jeden Tag. Sie ist aber nicht allein. Auch Monika von Momas Wollwelt hat ihre Truhen durchforstet, Kiko von Kikos Strickschule plant weniger Neuanschläge und mehr Projektbeendigungen. Und jetzt höre ich schließlich auch den Frickelcast davon sprechen, im Januar möglichst alle angefangenen Projekte zu beenden. Oder zumindest jeden Monat eine solche Projektleiche aufzustöbern und so lange wieder zu beleben, bis sie fertig ist. Was ist da los? Das Jahr 2021 als das Jahr des Großreinemachens?


Es scheint, als hätten wir Zeit genug. Gerade erst ist der Lockdown erneut verlängert worden. Viele von uns sitzen zu Hause und können mit den Nadeln klappern.

Aber das stimmt natürlich leider nicht. Gerade die Vermischung von Arbeit und Freizeit in den eigenen vier Wänden nimmt langsam aber sicher ein Ausmaß an, das nur noch schwer erträglich ist. Und dazu scheint der neue Trend besonders zu passen.


Es scheint ein allgemeines Gefühl der Notwendigkeit von erfolgreicher Kontrolle zu geben. Wenn ich schon sonst so völlig den Launen eines winzigen Virus ausgesetzt bin, dann kann ich doch wenigstens meine Projektzahl in den Griff bekommen und bei mir zu Hause alles besser organisieren.


Das stimmt wohl und zu dieser Kategorie zähle ich mich selbst auch immer noch. Der Plan, zwei Projekte zu beenden, bevor ein neues angeschlagen wird, hat zu einer fertigen Strickjacke und einem Paar Socken geführt, die sonst vielleicht noch nicht beendet gewesen wären. Das hat mich sehr beruhigt, und aus dieser Ruhe heraus habe ich dann meine neuen Fingerhandschuhe angeschlagen.


Vielleicht ist aber das genaue Gegenteil richtig? Schließlich handelt es sich hier um ein Hobby, um etwas, das unseren Alltagsstress lindert. Es soll Spaß machen, es soll uns beruhigen, vor allem aber soll es zwanglos sein. Wenn wir uns hier auch noch strengen Regeln unterwerfen, dann haben wir überhaupt keinen Raum mehr für Erholung.


Und dann blüht uns vielleicht etwas, wovon wir im Februar wieder zuverlässig lesen werden: der Jojo-Effekt. Zumindest was meine Projekttaschen (und meine Figur) betrifft, so möchte ich lieber darauf verzichten.


Da halte ich mich doch lieber an Mandys neues Motto aus ihrem letzten Podcast: alle Pläne über Bord!


Na dann: Ahoi und eine Buddel voll Rum!