Sonntag, 7. Februar 2016

Kapitel 127 - von großen Ereignissen und ihren Schatten

Tja, was ist hier los? Weihnachten ist vorbei, das neue Jahr schon voll im Gange und hier im Blog ist tote Hose? Der Schatten ist schuld! Der Schatten, den ein in diesen Breiten nicht unbekanntes Ereignis schon seit September über das aktuelle Schuljahr wirft. Die Damen sind in der dritten Klasse und damit fällig für das Großereignis im katholischen Süden: die Erstkommunion.

Man nehme also eine Mutter, die mehr oder weniger besessen ist von dem Drang immer und überall zu stricken (geht das in der Kirche?) und ein solches Großereignis, dann ist ja klar, worauf es hinauslaufen muss.

Ursprünglich hatte ich ja naiv gedacht, ich könnte die anderen Mütter vielleicht davon überzeugen, alle Kinder in einer Albe antreten zu lassen, wie das mal in den 80/90ern üblich war, damit das eingesparte Geld dann für etwas Supertolles ausgegeben werden könnte: Unterstützung einer Schule oder eines Kinderkrankenhauses. Aber ich habe offensichtlich die Rechnung ohne die Familienmanagerinnen einer großstadtnahen Kleinstadt gemacht - showtime ist hier das Stichwort der Stunde!

Außerdem ist das Angebot der Pfarrei auch nicht besonders üppig, denn es werden gerade einmal sieben Alben angeboten für über 50 Kinder. So geht's also nicht.

Aber wenn man nun jemand ist, der eh Tag und Nacht über nichts anderes als das Stricken nachdenkt, dann ist der Weg auch nicht mehr weit, sich hier auch für die Erstkommunion etwas auszudenken. Was wird gebraucht?

Weiße Wolle. In großer Menge.

Und dann wollen wir mal überlegen. Die Mädels brauchen ein Täschchen. Am besten so eine Art Pompadour, der hübsch und schick zugleich ist. Da kann gleich drauflos gehäkelt werden. Wolle Rödel hat ein schönes Glitzergarn und Ravelry hat eine schöne Anleitung, die wirklich einen hübschen Beutel ergibt - auch ohne Perlen.
Das war gar nicht so schwer:





Nadelstärke 2,5mm - geht bestens. Jetzt fehlt nur noch eine hübsche Kordel oder ein Satinband.
Am Schluss habe ich sogar noch Perlen für das Ende des Satinbands gefunden. Haach ja, so geht's.


Als Nächstes sind die Hände dran. Mir schweben da weiße Handschuhe vor, aber mit welcher Garnstärke sollte ich die wohl probieren? Es hilft nichts, hier muss eine Maschenprobe her. Am Ende bin ich bei Catania Fine hängen geblieben. Das lässt sich bestens verstricken. Und zwar mit Nadelstärke 2mm. Habe ich schon erwähnt, dass ich Zwillinge habe?

Jedenfalls kam mir hier wieder Frau Hugs geniale Anleitung der Handschuhe von der Spitze aus entgegen. Die Anprobe hat aber gezeigt, dass jetzt die Finger keinen Millimeter mehr wachsen dürfen! Zumindest bis April.


Das Witzige an der Anleitung ist, dass man erst nach Tabelle alle Finger stricken muss, sie dann nacheinander richtig auffädelt und schließlich zusammenstrickt. Nur nicht verzählen und auf jeden Fall den Mittelfinger richtig platzieren. Puh, hat diesmal alles geklappt.


Jetzt also die Hauptaufgabe, nämlich die Kleider. Ich hab lange überlegt, was ich hier so vorhabe, denn natürlich würde ich gerne einfach komplett etwas stricken oder häkeln, so wie das hier z.B., aber da fehlt mir einfach die Zeit. Wir sprechen immer noch von Anfang April.
Jetzt habe ich mich also für die Hälfte entschieden. Oberer Teil des Kleides gestrickt und dann ein Rockteil drangenäht. Das hat den Vorteil, dass es damit ein Familienstück werden kann, denn nähen kann ich überhaupt nicht und schon gar nicht mit der Maschine. Das muss die Oma übernehmen.
Wie das Ganze ungefähr aussieht, kann man sich hier ansehen. Es gibt verschiedene Modelle, ich habe mich schließlich für eins aus einer alten Kinder-Verena entschieden.
Die Teile sind gestrickt. Diesmal mit einer Wolle Rödel Wolle, die gut läuft und auch hübsch glänzt - Mille Fili. Nadelstärke 2,5mm.



Was fehlt also noch? Das Zusammennähen der Teile sowie das Umstricken des Ausschnitts. OK, Kinder verräumen für den Tag und viel Kaffee - das kann klappen.
Stoff einkaufen - super!
Kleider nähen - wird delegiert.

Sähe eigentlich ganz gut aus, wenn... Ja, wenn nicht April ein tückischer Monat wäre. Was fehlt ist klar. Eine, bzw. zwei kleine Strickjacken. Ist ja sonst viel zu kalt, da beißt die Maus keinen Faden ab. Die besorgte Mutter hat sich also gleich auf die Suche gemacht und eine hübsche Anleitung gekauft. Marian Shrug. Hübsch, oder?

Maschenprobe stimmt mit der superweichen Merino 120 von Schachenmayr. Passt doch alles.

Aber warum sollte man's einfach haben, wenn's auch komplizierter geht. Die Anleitung endet bei 4T und das bedeutet: Krabbelalter 4 Jahre. Schöner Spaß.

Jetzt kann ich mal zeigen, was ich so umrechnungstechnisch alles draufhabe. Bei einer Anleitung, die nur geschrieben und nicht skizziert ist! Ich hab den Raglanrechner schon aktiviert und verschiedene Anleitungsbücher herausgekramt. Ich gebe nicht auf!

Schließlich habe ich ja noch mindestens einen ganzen Monat!


Dienstag, 15. Dezember 2015

Kapitel 126 - von der Verdrängung

Immer dann, wenn ich auf der Suche nach dem 'einen', dem 'bestimmten' Knäuel Wolle einer Farbe oder Qualität bin, von der ich weiß, dass ich es bestimmt noch irgendwo habe, und wenn ich dann meinen Boxenturm langsam aber sicher abgebaut und um mich herumgestellt habe, wird mir wieder klar, wie viele ungestrickte Kleidungsstücke und Decken da eigentlich noch lagern.
Als Stricker lebt man nämlich sozusagen in einer doppelten Verdrängung.

Zum einen sieht man ja seinen Wollvorrat täglich vor sich - also ich zumindest, dank durchsichtiger Boxen eines großen schwedischen Möbelunternehmens - man will sich aber meist gleichzeitig gar nicht so richtig klar darüber sein, wie viel das denn nun eigentlich ist. Denn das würde ja Rechenschaft bedeuten.

Noch schlimmer ist es, wenn ich vom Wollmarkt oder aus der Stadt nach Hause komme und meine Tüten wieder einmal 'nur mal schnell' auf den Boden stellen muss, weil ich auf die Schnelle gar keinen Platz in meinen Boxen finde. Zum wiederholten Male.

Sicherlich habe ich auch aus diesem Grunde so lange gewartet, bis  ich begonnen habe, meinen Stash bei Ravelry einzugeben. Ich wollte gar nicht so genau wissen, wie viel es denn insgesamt so ist - waaas? Schon 200? Vom Nachrechnen der Euros ganz zu schweigen.
Es gibt da sicherlich irgendwo die eine oder andere Box, die ich noch ausräumen und fotografieren müsste, damit das alles endlich seine Ordnung hat. Aber...muss ich das denn wirklich so genau wissen?

Ein Wollvorrat lebt doch auch irgendwie davon, dass man gar nicht mehr so genau weiß, welche Schätze darin verborgen sind. Ein bisschen so wie ein Bücherregal, das man erst wieder beim nächsten Umzug so richtig kennen lernt, wenn man die Bücher in die Hand nehmen muss und dann merkt, was man eigentlich schon alles mal (wieder) lesen wollte.
Genau so geht es mir, wenn ich mich so durch meine Kisten wühle. Ach ja, denke ich, hier liegt also die Puschelwolle, die ich für die Mütze der Damen verwenden wollte. Und hier liegt das besondere Sockengarn aus dem Urlaub, aus dem ein Schal werden soll. Da wird man auch gleich wieder kreativ und hat richtig Lust loszulegen.

Zum anderen ist es aber nun leider auch oft so, dass man trotz intensiver Suche genau das Garn, das man für das neue Projekt braucht, eben doch nicht findet. Man hat einen Wollschrank und nichts zum Stricken. Das kommt sogar noch häufiger vor, denn man plant ja seine neuen Projekte nicht danach, was man stricken könnte, sondern was man stricken möchte (oder muss, jetzt vor Weihnachten). Und wenn man dann nicht genügend von der richtigen Wolle hat, dann kann man das auch verdrängen.

Da hat man also eine Decke angefangen, sagen wir eine Decke mit Hexagons und die dazugehörige Wolle bestellt:



Dann legt man los und häkelt seine Hexagons fröhlich vor sich hin. Dank der Verbindungsmethode (JAYG = join as you go) wächst die Arbeit.


Funktioniert ganz ordentlich und macht Spaß. Die Decke entwickelt sich.



Tja, und jetzt kommt der Moment der Verdrängung. Man hat nicht richtig berechnet, wie viel von dem hellbraunen Umrandungsgarn benötigt werden für eine komplette Decke. Außerdem soll damit ja der Rand gehäkelt werden, dafür ist sicherlich noch einmal ein Knäuel nötig. Aber weil man eben ein Meister der Verdrängung ist, will man das nicht wahrhaben, bis man schließlich mit all den fertigen Fleckerln da sitzt und sich eingestehen muss, dass man es einfach nicht über sich bringt, neue Wolle zu bestellen.

Man hat ja schon sieben bis zehn knallvolle Kisten zu Hause, die ja doch nie leer werden, wenn man sich nicht endlich mal darum bemüht, auch wirklich mit der Wolle darin zu stricken.
Verdrängung der Notwendigkeit des Wollbedarfs.

Das kann schon mal ein paar Wochen dauern - weil man ja immer noch irgendein anderes Projekt auf einer Nadel hat, um das man sich kümmern kann.

Dann aber endlich: Kapitulation, Wollbestellung und das Projekt kann fertig gestellt werden:






Zum Glück ist man zufrieden, aber jetzt muss man ganz schnell wieder in die Kisten schauen, bevor man sich ein neues Projekt aussucht. Welches Kleidungsstück darf es denn als Nächstes sein?

Schnell, schnell, bevor man wieder eine andere Anleitung - ohne Wolle -  findet! Schnell!!!

Montag, 16. November 2015

Kapitel 125 - in dem ich von Feriengefühlen übermannt werde

Wenn das Wetter schon so verrückt spielt wie in diesen Tagen (18°C - ernsthaft?), dann kann man ja gar nicht anders, als sich in den nächsten Urlaub zu wünschen. Weg von allem, was einen hier oft daran erinnert, was falsch läuft oder bald stressig zu werden droht.

Statt mich also um die noch anstehenden Strick-Weihnachtsgeschenke zu kümmern (ein Paar Socken wurden gewünscht, ein Schal oder vielleicht auch zwei stehen auf der Liste), denke ich lieber an den letzten Sommer und träume mich damit in den nächsten.

Wie berichtet waren wir am Meer, in Worthing, und das Schönste dort war - neben dem Meer natürlich - ein wunderbarer kleiner Wollladen. Die Besitzerin hat mir freundlicherweise erlaubt, ein paar Fotos zu machen, damit ich euch hier mit auf die Reise nehmen kann.

Der Laden heißt:



Per Klick: The Wool Bar. An der Seite des Ladens das Menü - extra vergrößert:



Gerade den letzten Punkt kann man nur unterschreiben. Ich bin ja nun nicht wirklich von den Besitzern in Garnläden verwöhnt - Münchener Grant usw. (zu einer Erläuterung siehe z.B. hier) - aber ich muss sagen, genau so stelle ich mir den Besitzer eines Wolleladens vor. Jemand, der tatsächlich froh ist, wenn ich vorbeikomme. Mehr zu Caroline kann man hier lesen.

[Und als positive Ausnahme muss ich an dieser Stelle natürlich aber  unbedingt die Münchener Mercerie erwähnen, in der nur wirklich sehr nette Menschen arbeiten.]

An dem Mittwoch, an dem ich die Woolbar besuchte, räumte Caroline gerade die Überreste des Strickabends vom Tag zuvor auf - vor einer sehr beeindruckend gestalteten Wand voller Patterns und Magazinseiten. Sieht doch cool aus:


Im Laden selbst findet man die obligatorische Wollwand:


Den Wolltisch:


Die Modelle:





Im Laden gibt es auch Möbel zu kaufen, von den beiden Besitzerinnen selbst renoviert und frisch angestrichen:




Dazu kommen all die hübschen Kleinigkeiten wie eine Wimpelkette:


Oder stapelweise hübsche Webbänder:


Das hat schon eine gute halbe Stunde gedauert, sich da einfach nur durchzuschmökern. Ich hab auch ein bisschen geplaudert mit Caroline, die mir erzählt hat, dass es den Laden jetzt seit sechs Jahren gibt. Da hüpft mir immer das Herz - ein Woll-Laden, der sich hält in unseren Online-Zeiten, auch wenn wir zum Glück gerade auf einer Strickwelle schwimmen.

In Worthing leben vor allem Urlauber und Rentner, die auf ihre alten Tage - und wer kann's ihnen verdenken - ans Meer gezogen sind. Viele dieser Stricker sind also noch in den Acryljahren groß geworden und suchen häufig noch heute eine solche Qualität.

Caroline versucht hier eine ganz tolle Balance zu finden und Garne anzubieten, die nicht unbedingt die Welt kosten, aber eine tolle Qualität haben, wie z.B. Stylecraft Special DK . Hierzulande muss man dieses Garn ja online kaufen, ich habe noch keinen Laden entdeckt, der das vorrätig hätte. Dort aber stand ich staunend vor einem großen Regal mit fast allen Farben. Großartig!

Zwei davon mussten gleich mit. Blautöne kann man immer brauchen und gerade sie sind auf dem Bildschirm oft gar nicht so gut zu erkennen. Hier also Bluebell (li) und Denim:


Mein zweiter Glücksgriff war ein Schnäppchen, weil die Winterfarben auslaufen. Ein Garn mit einer Qualität wie Rowan Kidsilk Haze (70% Super Kid Mohair und 30% Seide), nur mit einem anderen Preisschild. Es heißt Bessie May Grace.


Daraus soll irgendwann mal ein Häkelschal werden, aber der ist noch fern am Horizont. Wenn ich besser häkeln kann, wenn ich wieder ein bisschen Luft bei den Wips habe, etc. Wie immer halt. Aber die Knäuel warten auf mich!

Schließlich hat sich der Mann eine Mütze gewünscht, und da liegt natürlich Drops Alaska nahe:


Auch dies ein Garn, das ich gerne mal live gesehen habe. In vielen Farben und zum Knäuel drücken. Schöner kann es im Urlaub doch gar nicht sein.

Das Beste aber natürlich am Schluss, denn man ist ja ständig auf der Suche nach neuen, tollen Ideen, von denen man sich inspirieren lassen kann.

Seht mal, wie clever hier alte CDs umhäkelt worden sind. Das kann ich mir auch draußen auf der Terrasse vorstellen, oder vor einem Erkerfenster, oder im Bad, oder...







Hübsch, oder? Ich will wieder hin!














Mittwoch, 4. November 2015

Kapitel 124 - Liebe Frau Ott!

Zunächst mal möchte ich mich als Fan Ihrer Kolumne outen. Mit großem Vergnügen lese ich jeden Monat Ihre endgültige Ablage und habe mich oft schon darüber gefreut, wie genau Sie die Nägel auf den Kopf treffen. Und wie gelungen Sie darüber schreiben können. Der Text über die Taufe von kleinen Kindern - spot on! Und das sage ich hier als kleiner Katholik aus dem Süden.

Es ist gar nicht so einfach interessante Probleme zu erkennen und dann immer witzig und zielgerichtet darüber zu schreiben. Gerade deshalb freue ich mich auf jeden Ihrer Texte. Aber sagen Sie mal, was war denn diese Woche los?

Ich verstehe ja, wenn Sie etwas genervt davon sind, dass auf der Buchmesse statt "die bewährten Kulturtechniken Lesen und Schreiben" zu feiern, ein so genannter Handmade-Tag ausgerufen wurde. Aber: glauben Sie wirklich, dass daran die "Mädels" schuld waren? Nee, nee.
Da sind die Buchverlage vor! Und die haben eben erkannt, dass im Moment ne Menge Kohle zu holen ist, wenn man Bücher über das Selbermachen von was auch immer herausbringt. Lesen Sie mal nach in speziellen Handarbeitsblogs, z.B. bei stefanella und stellen Sie fest, dass hier die Verlage ganz klare Vorgaben machen, was sie haben wollen. Und wenn dann die 'Mädels' liefern, dann ist das eigentlich genau dasselbe, als ob ein Spitzenkoch ein Buch über Smoothies schreibt, nur weil sich jeder gerade diese klebrige Brühe in der Küche zusammenmixt. Weil es eben 'in' ist. Wenn man wieder drauf gekommen ist, dass Zähne auch gesünder bleiben, wenn man seine Selleriestange zermalmen darf, dann gibt es eben wieder was Neues und es werden neue Bücher (und Rezepte) erfunden.
Ich wiederhole mich also gerne: auch hier werden keine Kulturtechniken gefeiert, sondern neue Trends beim Essen in einen Haufen klingender Münzen verwandelt.

Aber klar, eine Geschichte der Philosophie in drei Bänden ist was anderes als eine Jungschauspielerin, die am Set strickt. Aber kann man das wirklich vergleichen? Der eine ist promovierter Germanist und die andere ein 18-jähriges Mädel, von dem ich nicht einmal weiß, ob es einen Schulabschluss hat. Wollen Sie das wirklich vergleichen? Kann man das überhaupt vergleichen? Da fallen mir doch auf Anhieb ne ganze Menge anderer Damen mit anderem Kaliber ein, die man Herrn Precht gegenüberstellen kann.

Die Frage nach den Prozent der Entscheidern ist natürlich eine problematische. Ja, "85 Prozent der Filme [werden] von Männern produziert". Männer sind sicherlich auch häufiger Regisseure, sie sind vor allem hierzulande immer noch sehr viel häufiger in Firmenvorständen und Schuldirektoraten als dies in anderen Ländern der Fall ist, aber liegt das immer nur an den Mädels?

Vielleicht ist es einfach auch so, dass die Mädels das gar nicht wollen. Lesen Sie mal, was Martina Behm darüber schreibt, warum sie ihren Job als Journalistin aufgegeben hat. Wenn sie damit auch Geld verdienen kann, dann soll sie doch. Dann darf sie doch.

Ich kam ernstlich ins Grübeln bei der Lektüre. Wenn die Welt nur aus Leuten wie mir bestehen würde, dann gäbe es weder Hochhäuser noch Brücken, das ist mir klar. Könnte ich nicht. Bewundere ich total. Aber warum soll ich nicht trotzdem das machen dürfen, was mir Spaß macht? Ich bin mit meinem Studium nicht so weit gekommen in der Liga der Weltverbesserer, aber ich versuche auch, was ich kann, an meinem kleinen Arbeitsplatz. Und in meiner Freizeit, da stricke ich nun mal. Oder häkle.

Ihr eigener "lila Norwegerpullover mit grünen Hirschen" ist sicherlich auch in einer Zeit entstanden, die man vielleicht für etwas anderes hätte verwenden können. Muss man aber nicht immer, oder doch?

Was genau ist nochmal verkehrt am Stricken mit Flüchtlingen für Flüchtlinge? Der Winter kommt bald und dann hat sich's mit den Zeltstädten. Dann ist man doch froh, wenn man warme Socken verteilen kann, Brücken hin oder her. Ich denke eher, hier versucht jemand, die Öde und Langeweile der Riesenhallen zu bekämpfen, die ja auch zu Stress und Aggression führt. Da könnten sich die männlichen Netzwerker mal ne Scheibe von abschneiden.

Und schließlich die Laternenpfähle, die Straßenbäume und die Blümchen für Scheinwerfer. Yarnbombing also. Kann ich verstehen. Da geht es mir häufig so, wie es die Engländer so treffend ausdrücken können: ich hab da zwei unterschiedliche Meinungen dazu. Kann man machen, kann man sein lassen. Manches verstehe ich und manches verstehe ich auch wieder nicht. Aber so geht's mir auch, wenn ich mir Graffiti ansehe (was übrigens hauptsächlich von Männern gemacht wird).

Und da hilft mir halt, dass ich aus dem Süden dieser Republik komme, denn hier gibt's die eindeutige Antwort drauf: Ja mei!

Mehr ist es dann schon wieder nicht.

Montag, 19. Oktober 2015

Kapitel 123 - meine WIPS und ich

Ich stricke also bin ich. Soviel war ja schon lange klar. Jetzt aber habe ich in Abkupferung der Methode einer Mitstrickerin eine Managementvariante für meine vielen Arbeiten auf den Nadeln entdeckt, die tatsächlich funktioniert und mir immer mal wieder ein Gefühl von "aah, endlich fertig" beschert.

Ich weiß natürlich auch, dass mich dieses Gefühl sehr viel öfter begleiten würde, wenn ich mich an die monogame Haltung gewöhnen könnte - ein Projekt anschlagen, dieses Projekt stricken, das Projekt fertigstellen und dann erst das nächste anschlagen. Aber das klappt nicht. Zu viele tolle Sachen da draußen und auch zu viele verschiedene Orte, an denen gestrickt wird: im Bus, in der S-Bahn, auf der Couch, vor dem Computer, nur auf dem Radl klappt es leider noch nicht.

Also, die Methode geht so: Man darf von jeder Kategorie, die man so strickt und die es so gibt, ein Projekt in Arbeit haben.
Eine Jacke/Pulli.
Eine Decke.
Ein Accessoire, also Mütze, Handschuhe, etc.
Ein Tuch.
Ein Kleinteil (Kuscheltier, Amigurumi, etc.)
Ein Paar Socken (falls gewünscht).

Das sind also höchstenfalls sechs verschiedene Kategorien. Wenn man nun also sechs verschiedene Ufos hat und sich dann auch noch mit einem gleichfalls von anderen Strickern vorgestellten Rotationssystem immer mal wieder einem anderen Ufo widmet, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann man wieder einen Platz frei hat und sich dementsprechend um das nächste Objekt aus der Warteschlange kümmern kann.

Genial, no?

Im Moment habe ich tatsächlich eine Jacke auf den Nadeln. Also strenggenommen natürlich zwei, aber wollen wir mal nicht so sein. Seit ich das System hier in Betrieb genommen habe, ist es also eine Jacke.
Ich versuche diese Jacke hier zu stricken und bin gerade bei den beiden Vorderteilen. Meine Maschenprobe war ein wenig anders, hoffentlich klappt alles.
Meine zweite Jacke sollte gehäkelt diese ergeben und wird sofort wieder aufgenommen, wenn die erste Jacke fertig ist. Ganz nach dem oben vorgestellten System. Dann erst soll es weiter gehen.

Eine Decke ist ebenfalls in Arbeit. Ich vernähe mich gerade durch diese Hexagons und brauche nur noch weniger als die Hälfte der benötigten Anzahl. Die fertigen Fleckerl werden sodann direkt miteinander verbunden, das sollte also schneller gehen:


Da möchte ich mich eigentlich besonders beeilen, weil die nächste Deckenidee meine eigene ist, die ich unbedingt ausprobieren möchte. Aber mit meinem Management-System bringe ich die nötige Geduld auf, weil ich ja weiß, dass ich bald damit anfangen kann. Nur noch 37 Hexis!

Mützen etc. hab ich gerade zur Genüge gestrickt. Die Damen sind in doppelter Ausfertigung ausgestattet (wir bekommen hier am Ende des Monats Oktober mitten auf dem Schulweg einen nagelneuen Brunnen - mehr muss nicht gesagt werden!). Ich hab sogar ein Souvenir für eine leider bald wegziehende Schulfreundin geschafft:


Und keine Angst - sie zieht ins Ausland. Ich würde ja verstehen, wenn so ein Outfit in einem anderen Bundesland etwas problematisch wäre. Kicher!

Sodann ein Schal in einem supertollen, weichen fivemoons Garn. Dies wird das Ho'okipa-Tuch und während das Muster eigentlich gar nicht so schwer ist, muss ich doch für alle 12 Reihen des Mustersatzes auf die Anleitung sehen bzw. einen Mustersatz fertig stricken, bevor ich es wieder auf die Seite legen kann. Daher dauert es gerade ein wenig. Aber: ich denke, ich kann es nach Belieben verlängern, also sogar ich als Tuch-Neuling verstehe die Konstruktion. Das ist mir sogar sehr recht, denn ich will möglichst das ganze Garn darin unterbringen, damit es so groß wie möglich wird!



Auch bezüglich Tuch liegt bei mir noch eines auf Halde, aber jetzt hab ich ja einen Ansporn dies dann auch in Angriff zu nehmen.

Socken hab ich gerade gar nicht angeschlagen und auch Spielsachen oder Figuren stricke ich eigentlich nicht. Aber ich freue mich eigentlich, dass es hierfür sozusagen einen Slot geben könnte, sollte ich mich doch mal an so einen kleinen Hübschling wagen. 

Bis jetzt funktioniert mein System bestens.
Ich darf mehrere Sachen auf der Nadel haben - das kommt meinem lustorientierten Stricken entgegen.
Ich bekomme immer mal wieder eines der Projekte fertig - das ist dann zusätzlicher Ansporn.
Und ich darf mich immer mal wieder durch die verschiedensten Anleitungen klicken oder zu Hause in den Heften blättern, denn ich muss ja überlegen, was ich - in dem betroffenen Bereich - als Nächstes stricken darf.

Besser geht's nicht, oder?

Montag, 28. September 2015

Kapitel 122 - von der Zeitlupe

Stricken ist doch eigentlich mein Hobby.
Das hab ich jedenfalls gedacht. Ich liebe das Stricken. Wenn ein Tag vergeht, an dem ich keine Zeit dafür habe, dann ärgere ich mich. Es gibt Tage, an denen ich es kaum erwarten kann, von der Arbeit heimzukommen, um die nächste Reihe in Angriff zu nehmen. Ich hab schon die halbe Nacht 'nur noch eine Runde' gestrickt, weil ich sehen wollte, wie sich das Jacquardmuster denn nun in der von mir gewählten Farbe macht.
Und genau aus dem Grund bin ich immer völlig unvorbereitet, wenn mich der Fluch der Zeitlupe trifft. Wenn ich also an irgendetwas arbeite, das sich im Laufe des Strickens als ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit entpuppt.

Also, man schlägt voller Vorfreude etwas an, sagen wir einen Schal.


Hierbei handelt es sich um zwei verschiedene Sockenwollstärken, die in einem Mustersatz von jeweils vier Reihen abwechselnd miteinander verstrickt werden. Muster von hier. Dieses Pfauenschweifmuster ist gerade mit verschiedenen Streifen ganz besonders hübsch, finde ich.
Meine Wolle ist von etherische-oele, ein Mitbringsel vom Wollmarkt Vaterstetten.

Ich hab es auch deshalb gewählt, weil ich damit endlich einen Socken wieder verschwinden lassen konnte, den ich umsonst gestrickt hatte. War zu musterlastig für das bunte Garn.
Dann schon lieber einen bunten Schal, dachte ich mir.


OK, am Anfang ist man motiviert und strickt fröhlich vor sich hin. Wenn man alle vier Reihen die Farbe wechselt, wird einem ja auch nicht langweilig. Und das Muster lässt sich auch gut an, das wird ein schöner Winterschal.


Dachte ich.

Denn vier Reihen in Sockenwollstärke sind einfach vier verdammt dünne Reihen. Und egal wie viele Farbwechsel man schafft - im Auto, in der S-Bahn oder vorm Fernseher - am Ende ist man nicht weit gekommen.

Tja, ich hab's ja gesagt. Der Fluch der Zeitlupe. Er trifft einen immer unvorbereitet. Man strickt und strickt und strickt und kommt keinen Zentimeter voran. Keinen einzigen!

Was an und für sich ja ein wahres Wunder ist, denn man wechselt ja immer noch alle vier Reihen die Farbe und ein Farbwechsel macht so ungefähr einen halben Zentimeter aus, das wären also bei vier geschafften Farbwechseln dann doch endlich mal zwei Zentimeter beispielsweise, aber das Ding wächst nicht.

Bzw. die Knäuel werden einfach nicht kleiner! Wie habe ich den Tag herbeigesehnt, an dem ich endlich den Socken verstrickt hatte. (Ich hatte mir das Auftrennen und Aufwickeln gespart und stattdessen das Aufgetrennte gleich verstrickt).

Der Schal kam mit in den Urlaub. Eine Fahrt nach England dauert ja, mit Fähre und allem drum und dran, da ist man eine Weile unterwegs. Da geht schon was.

Dachte ich.

Ich hab am Strand gestrickt. Im Ferienhaus. Wieder im Auto. Es geht so zäääääh!!!


In meiner Verzweiflung hab ich eines Abends im Ferienhaus die Küchenwaage aus der Verpackung geholt, um nachzuprüfen, ob ich denn nun endlich mal wenigstens unter die 50%-Marke gefallen war. Ich war! Die Waage zeigte unter 50g an und ich muss sagen, ich war selten so erleichtert!

Dabei stricke ich wirklich gerne und auch dieses Muster geht eigentlich flott von der Hand. Und es gibt ja diese Farbwechsel....

Aber 200g Sockenwolle wollen eben mit Nadel 3,25mm auch erst einmal verstrickt werden.

Der Schal kam dann aus dem Urlaub wieder mit nach Hause. Immer noch nicht fertig. Warum ich mir all die Mühe gemacht habe, unterschiedliche Strickprojekte einzupacken, kann ich heute gar nicht mehr verstehen.

Schließlich erreicht man den Punkt, an dem man das Ganze zu Ende bringt, koste es was es wolle! Die Maschen werden mit einer Verbissenheit gestrickt, die man sonst nur ganz selten bei Putzattacken erlebt (angebrannte Vanillesoße im Lieblingstopf fällt mir dazu ein).

Wie war das nochmal? Ich stricke, weil es mich entspannen soll? Nee, das mache ich jetzt fertig und.wenn.ich.da.bei.drauf.geh!

Zum Glück: es klappt. Irgendwann ist dann das letzte Gramm verstrickt und man kann abketten. Der Winter kann kommen.



 Bis dahin stricke ich aber nur noch Mützen.






Freitag, 18. September 2015

Kapitel 121 - in dem ich einen Gruß nach Hamburg schicke

Kaum ist es kühler, kann ich's auch wieder vor dem Computer aushalten. Endlich!

Aber im Ernst, ich bin nicht gemacht für diese Hitze, bin auch dieses Jahr wieder mit den Damen in den Ferien in Richtung breezier climes aufgebrochen und musste im Urlaub dann dieses hinnehmen:



Das ist, ganz richtig gesehen, strahlender Sonnenschein am Meer. Aber den Damen hat's gefallen, wie man an dem kleinen Seehundkopf sehen kann (das ist natürlich kein Seehund, sondern ein kleines Fräulein am Planschen).

Und es gibt auch wieder ein Pier - dieses Mal in Worthing.



Aber stricken kann ich zum Glück immer und überall:



Weshalb ich hier voller Freude und auch ein bisschen stolz verkünden kann, dass ich meinen Pulli fertig gestrickt habe. Fix und fertig vernäht, gewaschen, getrocknet und getragen. Und so sieht er aus:



Wie man sehen kann, musste ich am Ende etwas kreativer mit meinen Farben umgehen, als ich das eigentlich vorhatte, aber mir ist das Türkis komplett ausgegangen. Völlig unerwartet natürlich, denn ich hab mir die verwendete Meterzahl aus der Anleitung abgeschrieben (Under the Hoodie von Kristin Spurkland) und dann auf meine Wolle umgerechnet (Wollzauber von Junghans).

So sollte es jedenfalls funktionieren, glaubte ich mich zu erinnern. Dabei ist mir natürlich auch wieder eingefallen, warum ich so lange beim Sockenstricken geblieben bin. Ganz einfach - diese Probleme gibt's nicht. Ein Knäuel reicht bis Größe 43. Fertich.

Womit wir nun endlich bei Hamburg angelangt sind. Mein Gruß gilt natürlich Tichiro. Also Tina aus Hamburg (unbekannterweise, versteht sich, wir wohnen schließlich Hunderte von Kilometern auseinander). Und zwar ganz einfach deshalb, weil ich mich an diesen Pulli auch nur deshalb herangetraut habe, weil sie mir mit ihrem Esprit und ihrer Laune am Pulloverstricken richtig Mut gemacht hat. Sogar in einer persönlichen E-Mail auf einen Kommentar von mir hin: 'Einfach anfangen', hat sie da geschrieben. Und genau so war's! Vielen herzlichen Dank dafür!

Mir war natürlich schon klar, dass ich nicht gleich wie ein Riesenmeister würde konfektionieren und umrechnen können, aber es geht eben doch irgendwie. Und Hilfe kann man sich ja tatsächlich holen, von woher auch immer.

Ich habe mir also nach meiner Maschenprobe die Stitch Ratio ausgerechnet - also wie sich mein Garn zum vorgeschlagenen Garn verhält und dann die jeweiligen Maschenangaben damit multipliziert.
Das funktioniert folgendermaßen:
Die Anleitung gibt auf 10cm 25M/32R an. Meine Maschenprobe ergibt aber 23M/32R, damit muss ich das Verhältnis der Maschen zueinander bestimmen. 23M : 25M ergibt 0,92 als Stitch Ratio. Wann immer jetzt in der Anleitung eine Maschenzahl erwähnt wird, beispielsweise Ärmelanschlag 64M, dann multipliziere ich dies mit meiner magischen Zahl. 64M x 0,92 = 58,88 also 59 M. Auf die eine Masche hin oder her kommt es nicht so an.

Diese Methode hat so überraschend funktioniert (siehe oben), dass ich sie gleich noch einmal eingesetzt habe. Denn nach dem Pulli ist vor dem Pulli und jetzt hat es mir zum ersten Mal eine Jacke angetan. Seht mal:



Ganz genau, das ist eine richtige Jacke (Rowena Cardigan) mit Knopfleiste und allem. Ich hab sogar ganz mutig ca. 4 cm Länge angefügt, weil der Pulli am Schluss doch ein wenig knapp geraten ist. Alles brav ausgemessen und wenn es jetzt doch nicht ganz so klappt, dann bin ich ja schließlich immer noch auf der Lernkurve.

Was aber unbezahlbar ist, dass ich jetzt mit einem ganz anderen Blick meine Strickbücher und -hefte durchblättern kann. Jippiiiie!